Montag, 07. August 2017

Salzburger Festspiele: Anna Netrebko ist „AIDA“

Giuseppe Verdis drittletzte Oper AIDA übertrifft wie immer alle Erwartungen. AIDA ist ist nicht seine populärste, das ist „La Traviata“, aber die äthiopische Königstochter und ägyptische Sklavin Aida begeistert. Schon deswegen, weil Anna Netrebko als überzeugende Aida – Debütantin wieder einen Triumph hinlegt.

Anna Netrebko als „AIDA“ bei den Salzburger Festspielen. - Foto: Monika Rittershaus
Anna Netrebko als „AIDA“ bei den Salzburger Festspielen. - Foto: Monika Rittershaus

Die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin Shirin Neshat hat mit ihrem ersten Spielfilm: „Women Without Men“ 2009 bei den Filmfestspielen in Venedig den „Silbernen Löwen“ gewonnen. Nun hat sie ihren zweiten Film abgeschlossen, der sich dem Leben und der Kunst der legendären ägyptischen Sängerin Oum Kulthum widmet. Er wird in Kürze erscheinen.

Als ihr der Intendant Markus Hinterhäuser die  Neu – Inszenierung von Verdis „Aida“ angeboten hat, war sie zunächst erschrocken, weil Shirin Neshat erstens noch nie eine Oper inszeniert hat und zudem die Musik von Verdi nicht kannte. Shirin Neshat Zugang zum Experiment Opernregie entsteht aus ihrer Arbeit als Fotografin, Videokünstlerin und Filmregisseurin.

„Du bist Aida selbst“

Erst als Riccardo Muti ihr sagte: „Du bist Aida selbst“ sagte sie zu.  In  einem Simultanbühnenbild aus kalkweißen Mauer – kuben durchgestylt von Christian Schmidt spielt sich ein klassisches Liebesdrama zweier Frauen in einem nicht genau definierten Krieg ab, die den jungen ägyptischen Feldherrn Radames lieben. 

Doch der tollpatschige Radames, der gegen Äthiopien in den Krieg zieht, liebt Aida die Tochter des äthiopischen Königs Amonasro, die als Sklavin in Ägypten gefangen gehalten wird und eben nicht die ägyptische  Königstochter Amneris die ihn für sich beansprucht.

Aus diesem Dilemma entstehen in schlichten Formen  die Massenszenen, bei denen sowohl die Weihen  als auch  die Kriegsfeiern jenseits jeglicher Opulenz, ja Pompösität angesiedelt sind, weil letzlich und richtigerweise ein Kammerspiel gezeigt wird,  so wie es sich Muti gewünscht hat.

Aber genau das Kammerspiel wird zur Camouflage, ja es wirkt verschleiert, psychologisch undurchsichtig, weil die Regisseurin  die Hauptakteure ohne Führung, also selbständig auf der Rampe agieren lässt.

Die Massentableaux sind gut, sie zeigen  bildlich und symmetrisch die verschiedenen Klassen der gesamten Handlung.

In herrlich distinguierten Kostümen von Tatyana von Walsum steht der orthodoxe Klerus mit langen weißen Bärten, denn hellgekleideten Politikern und den khakihaft ausgestatteten Militärs gegenüber, wenn das Kriegsgetöse beginnt.

Shirin Neshat zeigt hier eindeutig auf einer etwas übertrieben ästhetisch schönen  Art eine weltlich – religiöse Pracht der Herrschenden, wobei durch die Bühnenumdrehung die angstbeladenden Gefangenen unmissverständlich als Flüchtlinge von heute erscheinen: „Bei den Vertretern der Religion verbinden sich islamische, jüdische, christliche Einflüsse.

Daneben interessiert uns auch die Frage der historischen Epoche, weswegen wir die Antike mit modernen und zeitgenössischen Elementen verbinden“, so  die Regisseurin. In Videos werden die Äthiopier von in Wien lebenden Flüchtlingen gespielt, während die (orthodoxen) Priester Schauspieler sind. Seltsam wirken die Tänzer mit den Tierschädeln (als Übernatürliche) bei der ohnehin schwachen Ballettmusik von Verdi.

Menschliche Konflikte aus den psychologischen Perspektiven der Einzelschicksale.

Was die Inszenierung leider nicht bringt wird durch die Musik irgendwie doch zum Ereignis, aber nicht zum letztgültigen Erlebnis mit der Bühne.

Anna Netrebko. - Foto: Monika Rittershaus

Sei’s drum, denn es gibt Wunder melodischer Eingebungen die verklären. Kultisch, rituell, sogar sichtbar singt die noch sehr junge Benedetta Torre die Oberpriesterin, ehe dann Francesco Meli bei der Romanze „Celeste Aida“  sein Radames Debüt mit feiner Stimmführung beginnt, wobei er mit einem Sieg gegen die Äthiopier tatsächlich glaubt, so viel Einfluss als Thronfolger zu bekommen, die Sklavin Aida statt der Pharaonentochter Amneris zu heiraten.  

Geht szenisch daneben, aber Meli ist bis zum wohl schönsten Schlussduett überhaupt mit Aida „O terra addio, addio valle dei pianti“ ein wackerer Netrebko Tenorpartner, die ihn allerdings gerade bei dieser 12 maligen unglaublich schönen Themenwiederholung an Stimmvolumen übertrifft.

Und das ist auch das Problem dieser Aida, denn die Netrebko singt das „numi pietà schön leise, aber doch etwas flackerig. Aber so wie sie  „O patria mia“ singt ist phänomenal schön und ergreifend, denn das singt auch das Orchester – fabelhafte Solo – Oboe – als trostlose Todessehnsucht mit. 

Nicht minder aufrüttelnd, auch mit zaghaftem Beginn ist Jekaterina Semenchuk eine außergewöhnlich sinnliche Amneris, die erstens blendend singt, aber es wirkt schon komisch, wenn sie bei jeder Gelegenheit ein anderes Prachtkleid trägt wie eine Matrone um den schmächtigen Knaben Radames zurückzugewinnen.

Jekaterina Semenchuk und Anna Netrebko. - Foto: Monika Rittershaus

Unbedingt zu erwähnen ist die tolle Erscheinung von Luca Salsi als erhabener Amonasro der im schönsten Duettsatz mit Aida Netrebko die aufregendste Überblendung  des dunklen Geschehens ist.

Der  souveräne Riccardo Muti, die Wiener  Philharmoniker und der Wiener Staatsopernchor berühren als sensible Gestalter

Zunächst lässt Muti die Masseszenen nie ins Pompöse gleiten,  sondern sie direkt  und natürlich folgend ins Kammermusikalische  übergehen. Das Piano – Singen des Chores der Priester  hört sich an wie eine außerirdische Liebeserklärung, die Einzelstimmen und die Soli vom Orchester summieren sich als Fabel der Klänge, aber Muti selbst könnte bei einigen Stellen, angefangen bei der stupenden Weiheszene „il sacro suol“ (heiliger Boden) doch feuriger und energischer sein.

Na ja, Wünsche halt, aber so innig und zurückgenommen wie er das überaus bekannte Triumph-Finale mit den fast schlicht spielenden Aida – Trompetern gestaltet ist nicht nur bester Verdi, sondern auch wunderschön, wie dann auch der Nil – Akt der zum poetischen Herzstück wird.   

stol/ C. F. Pichler aus Salzburg

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