Deshalb wird zum konzertanten Auftakt auch immer „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn als unvergleichliche Aufgipfelung der Freiheitsgestaltung zelebriert. Der charismatische Dirigent Bernard Haitink interpretiert mit dem Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein singuläres Meisterwerk, das nicht nur aus den zentralen Metaphern der philosophischen Gedankenwelt entsteht, sondern, dass sich naturgemäß aus dem Urzustand der entstehenden Erde und des Menschen entwickelt.Jenseits der biblischen Schöpfungsgeschichte wird sublimer Klang - und überragender Chorstil durch eine faszinierende Symbiose zum zeitlosen Erlebnis. Dabei setzt Haitink mit einer eher kleinen Orchesterbesetzung auf einen schlanken, aber sehr originellem Klang, der besonders für die durchwegs grandios singenden Solisten zur Offenbarung wird, weil sich ihr Gesang im Rezitativischen, in den Arien, oder in den Ensembles genuin ausbreitet.Sowohl die Sopranistin Camilla Tilling, als Gabriel/Eva, wie der Tenor (Uriel) Mark Padmore und der Bass (Raphael/Adam) berühren durch ausgewogene Akzentuierung im erzählenden Duktus, der freilich durch den überragenden Chor wieder einmal übertroffen wird. Ein Triumph!„Disputationes“ als zusätzliche geistige Tiefe und intellektuelles Gewicht Die „Ouvertüre Spirituelle“ die die Festspiele mit einer Woche geistlicher Musik eröffnen wollten, war geboren, als der Mäzen Herbert Batliner diese Idee unterstützte. Es wurde zu einer besinnlichen und nachdenklichen Idee der Festspiele für eine starke Berührung zwischen Alt und Neu und zwischen den unterschiedlichen Traditionen der Religionen.Die Vortrags – und Diskussionsreihe „Disputationes“ stellt heuer den Islam in den Mittelpunkt, der für Europa eine gewichtige Herausforderung ist. Doch gleichzeitig ist jenseits von hochkarätigen Referenten, auch die interkulturelle „Musica Sacra“ der Muslime ein einzigartiger Schwerpunkt neben Kunst und Kultur:“Die Religion ist wie ein Fluss, der durch viele Länder fließt.Jedes Land gibt diesem Fluss einen anderen Namen und beansprucht diesen womöglich auch für sich. Dabei ist der Fluss unabhängig von den Ländern und entspringt!“ sagt der Sufismus – Meister Muzaffer Effendi um darauf hinzuweisen, dass die Religion nicht trennen, sondern vereinen soll.Rausch und Ekstase bedeutet Achtsamkeit und tolerante LebenspraxisIn Europa aber herrscht über den Islam ein säkularisierter Hass, der, wie bei anderen Religionen auch, von der Instrumentalisierung durch Gewalt eine total areligiöse Dimension bekommt.Doch der Islam ist durch Rituale friedlich und mystisch geprägt. Im Sufismus gibt es das schöne Ritual der tanzenden Derwische als Identitätsbildung in Verbindung mit dem ganzen Leben.Doch die Überschreitung findet ihre Vollendung in der Mystik und in ihr ist Liebe das einzig Existierende. Die Sufis wollen Liebe für alle, kennen keinen Hass, daher sie sind ein Plädoyer für Toleranz, die gefühlsbetonten Trost und Heilung verheißen, wo Ekstase und Rausch auch Achtsamkeit bedeutet als tolerante Lebenspraxis.Achtsamkeit und bedingungslose Toleranz, ja Sternstunden von faszinierenden Klangwelten und geistlicher Kontemplation erleben wir im Salzburger Dom durch den überragenden Dirigenten John Eliot Gardiner der mit dem seinem gewiss besten Chor der Welt – „The Monteverdi Choir“ – mit „The English Baroque Soloists“ und mit dem herrlichen „Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor den wohl besten Monteverdi aller Zeiten einem staunenden und unfassbar glücklichen Publikum präsentiert, und zwar nur zwei Stunden, bevor auf dem Dom Platz der „Jedermann“ seine Premiere hat.Vespro della Beata Vergine, „Marienvesper“ von Claudio MonteverdiDie unbeschreibliche Schönheit dieses Werkes mit seiner künstlerischen Einheit aus der klassischen Vokalpolyphonie und des Cantus – Firmus, machen aus dieser liturgischen Form der Vesper mehr als eine „Ouverture Spirituelle“, nein es ist in Hineingleiten in eine innere und äußere Welt zugleich, weil der Chor mit den Instrumentalisten solistisch wie im Ensemble jederzeit einen Gefühlswendepunkt erzeugt, der immer aus der Stille kommenden dann ganz plötzlich aufblüht ohne laut zu werden.Zu dieser Aufführung gibt es, genauso wie zu diesem Wunderwerk, gar kein Gegenstück, denn Gardiner lässt ohne irgend eine akustische Abdeckung alles im Altarbereich, auf den Emporen, Balkonen in einer stupenden Emotion ablaufen, ja so ungemein aus der musikalischen und unauffälligen Wechselsphäre ausspielen.Ganz leise erschienen Solisten (alle aus dem Chor) mit den Instrumentalisten in marianischer Güte und bei der schönsten Stelle wie etwa bei „Maria virgo, illa dulcis, praedicata de Profetis“ erfüllen sich die profetischen Visionen von Alexander Pereira, der mit der „Ouverture Spirituelle“ genau da Motto von Herbert Batliner angeregt hat: „Kunst ist keine Frage der äußeren Wertvermehrung , sondern der inneren Wertschöpfung!“ C. F. Pichler