Wenn dann auch noch „La Netrebko“ die „Mimi“ singt, dann erinnert das an Liebhaber „Rodolfo“, der ihr zu singt: „Ma per fortuna è una notte di luna, e qui la luna l'abbiamo vicina!“ Der Mond (es ist ja Vollmond!) scheint tatsächlich beglückend schön, aber nur außerhalb des Großen Festspielhauses, denn das, was auf der Bühne da so musikszenisch abläuft, ist trotz des medialaufgedonnerten Hype eher mondbenebelnd.Puccinis singuläres Frauenstück einer verarmt und einsamen Pariser Näherin die sich ausgerechnet zu Weinachten in den mittellos chargierenden Schriftsteller Rodolfo verliebt, ehe sie an Schwindsucht stirbt, ist mit Sicherheit neben ihrer populären Opernschwester „Carmen“ die(!) Frauenoper schlechthin, die mit erbarmungswürdiger Direktheit zu Tränen rührt.Beeindruckende Netrebko, überzeugender BeczalaWenn also Anna Netrebko als Mimi und Piotr Beczala als Rodolfo sich in diese seicht-künstlerische Wunderwelt stürzen, dann ist das ein Triumph! Aber nicht der überragende, weil beide unter den Erwartungen agieren, was allerdings auch am Dirigenten Daniele Gatti liegt, der die seltsam routiniert spielenden Wiener Philharmoniker leider ohne die exemplarische Puccini-Leidenschaft dirigiert.Zunächst scheint diese intime Oper wohl nicht unbedingt für die großdimensionierte Festspielbühne geeignet, aber so wie sie der Regisseur Damiano Michelletto in die Glosse der Poesielosigkeit hinabwirft, weil er alles ohne die geringste Personenführung im Pariser Underground ansiedelt, ist derart infantil, modisch und dilettantisch, dass er und sein Team am Schluss zu Recht weder ausgebuht, noch applaudiert werden. Zum Glück gibt es da die Netrebko, die mit jeder Faser, ja sogar im Sterben, ihre unglaubliche Erotik darstellerisch ausmusiziert. Mag sein, dass sie in „mi chiamono Mimi“ (noch) nicht ihren unvergleichlich feinsilbrigen Puccini-Glanz ausstrahlt, aber so wie sie vor dem Sterben die Arie „son andati“ ansingt, beweist wieder, dass nur sie mit ihrer superben Präsenz der Indikator für diese Festspiel-Bohème sein kann.Dabei ist zu bemerken, dass sie sich niemals vordergründig in Szene setzt, sondern dass sie immer und grenznah – im dritten Akt an der Blechwand erbarmungszart kauernd – ein Frauenschicksal von bleibender Betrachtung empfinden lässt.Dass da oft Musikalisches nicht rüberkommt liegt am Dirigenten, der sicher bei ihrer ersten Arie wunderbare Töne vom dazu großartig begleitenden Orchester mit der Stimme zusammenbringt, aber Gatti lässt viel zu oberflächlich die Wiener Philharmoniker ihre sicher unvergleichliche Boheme-Routine ausspielen, so nach dem Motto des Draufhabens. (Wurde zu wenig geprobt?) Das zeigt sich besonders im zu grell und laut aufleuchtenden Tuttiklang, der die Ensembles mit ihren Akkordströmen verdeckt.Der Rodolfo von Beczala überzeugt stimmlich sicher (szenisch gar nicht, wie soll er auch bei diesem Dilettanten Arrangement), das berühmte hohe C singt er nicht mit der unglaublichen schönen Puccini-„Speranza“, aber in den Duetten mit der Netrebko ist er sensibel, feinfühlig, doch fehlt ihm ihre Intimität.Können Frauen besser, schöner sterben?Liegt das einfach daran, weil Frauen besser, schöner sterben können? Natürlich auch daran, aber wenn eine wie die Netrebko verschwindet, ist das zum Weinen schön. Die übrigen Sänger sind respektabel, doch Nino Machaidze als Musetta ist die jugendliche Wonne und ein schnoddriges Luder zugleich.Was die mit ihrer wundervoll kultivierten Stimme da hinlegt, ist zauberhaft, nur verflacht ihre Walzerseligkeit am sonderbaren Tempo des Dirigenten. Aber die quirlige und noch nicht 30-jährige Georgierin ist ja sowieso die Ausnahme! Und? Fast kein Applaus! von C. F. Pichler aus Salzburg