Samstag, 01. August 2015

Salzburger Festspiele: „Figaro“-„Fidelio“-Welten und Pierre Boulez

Wenn wir bei „Le nozze di Figaro“, dieser „nur“ scheinbar komischen Weltoper, immer wieder eine unverhohlen-neue übersetzte Empfindsamkeit der Erotik als genial animiertes Spiel in einer gleichzeitigen musikdramatischen Handlungsströmung erleben, steht uns bei „Fidelio“ von Beethoven in der wohl berühmtesten Exegese der Gattenliebe das ewige Freiheitideal gegenüber. So wie eine Hommage an Pierre Boulez zum 90. Geburtstag.

Anett Fritsch: die erotisch-bezaubernde Contessa - Foto: Ruth Walz
Anett Fritsch: die erotisch-bezaubernde Contessa - Foto: Ruth Walz

In aufgeklärter Ordnung werden Verirrungen und Verwicklungen aus dem Chaos geholt und  als grandiose Wachträume in die kreisende Liebesemphase transferiert. Beim „Figaro“ wechseln die fassadenhaften Impulse des Komödiantischen bis an den Rand des Wahnsinns, ehe die Musik mit einem „Corriam tutti, a festeggiar“ eine allerdings fadenscheinige Ordnung wiederherstellt.      

Sven-Eric Bechtolf verlegt diesen „Imbroglio“ in die Entstehung der Festspiele um 1920

Mit „Le nozze di Figaro“ beendet Sven-Eric Bechtolf den sogenannten „Da Ponte Zyklus“ von Mozart mir einer rührig aufbereiteten Komödiantik, die vom Publikum herzlich aufgenommen wird. Nach dem „Don Giovanni“ und nach „Cosi fan tutte“ wird nun mit den Textfrakturen von Lorenzo da Ponte, ein Intrigenverwirrspiel erzählt, dass durch die durcheinanderlaufende Handlungsvielfalt die übersättigte Gesellschaft dekuvriert.

Interessant dabei ist gleich zweierlei, denn erstens hatte Mozart in Wien keinerlei Auftrag diese Oper zu schreiben, was sich wiederum leider auch auf seine prekäre Finanzlage auswirkte, weil er ohne Auftrag schlecht besoldet wurde, aber wichtiger ist, dass Mozart selbst Da Ponte animierte die skandalumwitterte Komödie von Beaumarchais als „Büchel“ (so Da Ponte in seinen Erinnerungen) zu verfassen.

Bei Mozart ist anzunehmen, dass ihn mehr als die erotisierende Strömung, der revolutionäre Gesellschaftscharakter interessierte. Mit dem Gespür der wechselnden Interaktion zwischen komödiantischer Buffa – Lust  und kindlichster – männlicher leichtdurchschaubarer Spielart, erleben wird in ständiger und unentwegter Turbulenz Facetten von vibrierender Gegenwart, die sich in den genialen, Rezitativen, Arien und vor allem in den überragenden Ensemblesätzen substanziert. Dazu braucht es zwar keine 20er-Jahre-Ästhetik, denn die erotische-politische Anarchie von Mozart/Da Ponte passt ohne Alibi in jede geschichtliche Zeitachse.

Freilich wird dabei durch das allzu Komödiantische  vieles zum Mittelmaß, weil sich die Vergangenheitssicht der verflossenen Liebe ohne individuelle Persönlichkeit-Melancholie abspult. (zu sehen als Live - Übertragung am 9. August auf Servus TV und auf CLASSICA)

Dan Ettinger und die Wiener Philharmoniker belgeiten etwas routiniert ein gutes Mozartensemble

Das junge Israelische Dirigent Dan Ettinger mit den Wiener Philharmonikern gleich Mozarts „Figaro“ dirigiert ist von Graden, doch um es gleich vor weg zu nehmen: aufregend ist es nicht, sondern eher routiniert, was sich nicht an den herrlichen Mozartklang des unvergleichlichen Orchester richtet.

Wenn also die „Contessa Almaviva“ rückbesinnend singt: „Dove son, i bei momenti“, dann gibt es deren viele und schöne, aber s’ist halt Salzburg, und da sollte die von Mozart erotische Großzügigkeit der überhöhten Erotik in genialer Einheit verströmen, die den „Figaro“ einfach zur Salzburger Standesehre machen, wie es sooft der Fall war. Dabei stört das ungestüme Durcheinander bei der Soap reduzierten Handlung auf der gedoppelten Spielebene  keineswegs, weil die noch jungen Darsteller musikalisch überzeugen, obwohl voraus zusehen ist, dass es kein neues Salzburger „Mozartensemble“ werden wird.

Luca Pisaroni singt die zentrale Gestalt des Conte Alamviva sehr gut, aber mit ungebändigtem Spielwitz, Anett Fritsch ist eine hübsche, erotische Contessa mit exzellenter Disposition bei den Arien, sie wird von Martina Janková als Susanna bei der Rosenarie gar noch übertroffen. Dagegen trumpft Figaro (Adam Plachetka) als großtönender Bassbariton auf, während Margerita Gritskova als Cherubino auch stimmlich noch pubertär ist, wohl aber überzeugen die zahlreichen Nebenrollen.

Mit Franz Welser – Möst und Jonas Kaufmann wird Regisseur Claus Guth den „Fidelio“ herbeisehnen

Während zum vierzigjährigen Salzburgjubiläum eine  Schar von Sängern den Jahrhundertsänger Placido Domingo – der auch selbst singt – mit einer Verismo-Gala feiern, wo Anna Netrebko mit ihrem Lover anwesend ist, aber wohlweißlich nicht singt, weil sie ja in Kürze als Leonora in Verdis „Trovatore“ garantiert brillieren wird, wartet die ganze Opernwelt auf den neuen „Fidelio“, den Franz Welser-Möst dirigieren, Claus Guth inszenieren und Jonas Kaufmann singen wird.

 

Jonas Kaufmann - Der Ausnahmetenor als Florestan - Foto: Monika Rittershaus

Dieses Beethoven’sche Singspiel, mit den eigenartigen, ja naiven Sprechdialogen, ist mit seiner Freiheitssuada ein auratisches Melodram mit ungebeugter Anziehungskraft beim Publikum. Da ist naturgemäß die Erwartungshaltung immens, weil die geschichtsträchtige (teils wahre) Handlung einer mutigen Frau, die ihren Gatten aus der Gefangenschaft befreit, auch im übertriebensten (!) Maß fesselt und sich in ungeheure Freiheitseuphorie ausweitet.

Guth wird gewiss ein sehr poetisches Poem inszenieren, weil er die Sprechdialoge weglässt, oder kürzt und Kaufmann wird den Florestan mit seiner einzigartigen Stimme grenzintensiv unter der Leitung von Welser-Möst mit den Wiener Philharmoniker darstellen. Die ausverkauften Vorstellungen werden durch eine TV-Aufzeichnung kompensiert, während die Premiere am 4. August auf Ö1 direkt zu hören ist.

Mit Pierre Boulez zum 90. Geburtstag das wesentlich Richtige der Moderne erleben

Als zentrale Figur der musikalischen-zeitgenössischen Moderne hat Boulez bei den diesjährigen Festspielen seinen unverzichtbaren Platz als Komponist, der als Schwerpunkt zu seinem 90. Geburtstag  von vielen namhaften Künstlern in elf Konzerten aufgeführt wird.

Das  Schicksal seines Alters erlaubt seine Anwesenheit leider nicht mehr, wobei gerade Boulez als Dirigent zu den größten Interpreten von Wagner, Bruckner, Mahler, Schönberg, Berg, Weber, oder von Debussy und der zeitgenössischen Moderne überhaupt  gehört.

 

Pierre Boulez - Der charismatische Dirigent und Komponist. - Foto: Monika Rittershaus

Seine sinnlich durchdachte Musik geht weit über das Analytische hinweg, so wie auch bei ihm alles in gleichberichtigter Unmittelbarkeit als Klangkosmos zu verstehen ist. Der Nimbus des kühlen Analytikers, der Boulez seit jeher umhüllt, ist insofern falsch, weil dieser Charismatiker trotz aller Hinwendung zur Technik, zur Genauigkeit der konstruierten Musik/Komposition, mit dem Dualismus von Interpretation/Klang wundersame musikalische Sternstunden vorgeformt hat. Seine Konzerte und Kompositionen hatten (und haben) in Salzburg Kultstatus!

C. F. Pichler aus Salzburg

stol