Montag, 14. August 2017

Salzburger Festspiele: Glamouröse Gala mit Placido Domingo

Wenn Placido Domingo bei den Salzburger Festspielen auftritt, dann geht ein Staunen durch das Publikum. Dieser Künstler ist mit 76 Jahren, davon über 50 Jahre auf der Bühne, noch immer von einer unfassbaren Weltklasse, die sich in Verdis Oper „I due Foscari“ genuin offenbart.

Festspiele-Intendant Markus Hinterhäuser, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Regisseurin Shirin Neshat und Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler. Foto: SF/Anne Zeuner
Festspiele-Intendant Markus Hinterhäuser, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Regisseurin Shirin Neshat und Präsidentin der Salzburger Festspiele Helga Rabl-Stadler. Foto: SF/Anne Zeuner

Ebenso fesselt der gleichaltrige Dirigent Riccardo Muti zunächst mit Verdis „Aida“ und dann mit einer Konzertgala jedes Jahr zu Maria Himmelfahrt mit den Wiener Philharmonikern.

Aber nicht genug, denn Teodor Currentzis konzertiert Alban Bergs „Violinkonzert“ - phänomenal die Geigerin Patricia Kopatchinskaja – und  die „Erste“ Mahler so inniglich, ja poetisch, nach Mozarts umjubelter Oper „La Clemenza di Tito“ die noch bis 21. August zu sehen ist.

Placido Domingo, der einst wohl der größte Tenor seiner Zeit war, berührt heute nach einem Stimmwechsel als großartiger und sinnlicher Bariton.

Was hat dieser begnadete Sänger, Dirigent, Opernintendant für eine Karriere schon hinter sich? Abgesehen davon, dass Domingo unvorstellbare 147 Rollen samt mehreren Uraufführungen verkörpert hat, war und ist er auch noch Dirigent von über fünfhundert Opernaufführungen, wobei er insgesamt mehr als 3800 Auftritte absolvierte.

Placido Domingo - Foto: Marco Borelli

Aber das soll’s nicht gewesen sein, denn noch immer hat Placido Domingo Zukunftspläne, als Dirigent, Sänger oder Pädagoge. In Verdis (konzertanter) Jungenoper „I due Foscari“ singt Domingo den alten Dogen Francesco Foscari, den er schon vor fünf Jahren in Los Angeles einstudiert.

Gerade durch ihn erlebte diese selten gespielte Verdi-Oper eine Art Renaissance auf der Bühne.

Handlung

Die Geschichte berichtet vom unglücklichen alten Dogen Francesco Foscari aus Venedig und von dessen Sohn Jacopo Foscari den er aus unbegründetem Mordverdacht ins Exil schickt. Der Handlungsspielraum  der Oper beschränkt sich auf Reaktionen als auf die dramatischen Ereignisse.

Domingo ist ein Phänomen, er singt wunderbar  mit samten baritonalen Tönen gestaltet er den alten  Dogen intensiv emotionell in allen Registern, was zu unvergleichlichem Jubel führt, der auch auf seinen Sohn übergeht, denn der Tenor Joseph Calleja hat nicht nur eine strahlend – kräftige Stimme, sondern die ist auch wunderbar abgefärbt.

Dagegen ist die Lucrezia von Guanqun Yu trotz großer Dramatik an manchen Stellen ruhelos, doch ihre jugendliche helle Stimme überzeugt an sich sehr. 

Der Philharmonia Chor und das Mozarteum Orchester zelebrieren diese „Tragedia Lirica“ mit dem grandiosen Dirigenten Michele Mariotti mit entschiedener Italianitá, denn um und mit Jahrhundertkünstler Placido Domingo entsteht ein unvergessliches Verdi – Signal mit frenetischer Zustimmung.  

Seit 1971 dirigiert Riccardo Muti die Wiener Philharmoniker als grandioser Opern – und Konzertinterpret. Von  Verdis „Aida“ Gala ist sogar Kanzlerin Merkel angetan.

Zunächst einmal grenzt es an ein Wunder, dass die Wiener Philharmoniker innerhalb von sechs Tagen mit „Lady Macbeth von Mzensk“ „Aida“ und „Wozzeck“ gleich drei unvergessliche Neuinszenierungen auf die Bühne bringen und zwar mit  drei verschiedenen Dirigenten und Regisseuren, die ja diese großen und schwierigen Werke  auch mit – und  nebeneinander probieren müssen.

Die Wiener Philharmoniker, Pianist Yefim Bronfman und Dirigent Riccardo Muti. -Foto: Marco Borelli

Ja, wie schaffen sie das, wenn sie gleichzeitig auch noch überragende Konzerte spielen? Mit Routine? Nein, so einem Weltorchester ist Routiniertes fremd, weil sie  es nicht können, denn sie  bewegen sich immer am Zenit und das ist Vollendung.

So gesehen ist ihre enge Zusammenarbeit besonders mit dem Stardirigenten Riccardo Muti ein veritabler Glücksfall, denn die neue „Aida“ wird nicht nur mit der unvergleichlichen Anna Netrebko zum Großereignis.

Dirigent Riccardo Muti vollbringt Besonderes

Nein, Muti vollbringt Neues, wenn er bei der an sich verunglückten Designs – Regie von Shirin Neshat doch einen  strahlenden Verdi  zum Klingen bringt. Nur eine letzte Bemerkung dazu. War jemals der Nil – Akt mit dem entscheidenden Ende von Radames: „Sacerdote, io resto a te“ (ich ergebe mich) so ergreifend zu hören?

Regisseurin Shirin Neshat mit Dirigent Riccardo Muti. -Foto: Silvia Lelli

Muti fasziniert schließlich beim Konzert mit der „Vierten“ von Tschaikowsky, wenn er die Philharmoniker mit einer Fabelinterpretation zu seinem persönlichen  Bekenntnis macht. Das Traurige,  das Fanfarenhafte der Bläser, die Melancholie der Streicher mit dem dynamisch außergewöhnlich auf – oder absteigenden Pizzicato – Spiel. 

Die ganze Abfolge der Orchestergruppen wird zur singulären Gefühlsbeschreibung die im Ovationsrausch wie einer Umarmung endet.

Die beginnt allerdings schon mit dem 2. Klavierkonzert von Brahms das der Grandseigneur der Tasten Yefim Bronfman nach dem sanften Horn – Solo nicht  nur mit dauersteigernder Passion vorträgt, sondern er sendet aus seiner Klavierwelt technisch – musikalisch vollendete Noblesse an das stupend mitfühlende Orchester.

Das leitet Muti so ereignisdicht, dass die Orchester – Soli sich immer dem Klavierton aufmerksam anpassen, so als ob sie Sänger begleiten, jedoch wenn der Solocellist mit dem Klavier das Andante vorträgt, dann sind das letzlich hochgesteuerte Emotionen, die im Schlusssatz: „Allegretto Grazioso“ mit der Aura des Unverfänglichen von Stil und Grazie in unbeschreiblichen  Jubel übergehen. 

C. F. Pichler aus Salzburg

stol