Donnerstag, 03. August 2017

Salzburger Festspiele: Imposante Opern Premiere „Lady Macbeth von Mzensk“

Mit den Extremen der Leidenschaften von ungezügelter sexueller Gier, Gewalt und Mordlust ist die Oper: „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dimitri Schostakowitsch eine der singulärsten musikszenischen und naturalistischen Ausformungen des 20. Jahrhunderts.

Nina Stemme – Von ihr geht alles aus, zur ihr kommt alles, mit ihre endet alles. - Foto: Thomas Aurin
Nina Stemme – Von ihr geht alles aus, zur ihr kommt alles, mit ihre endet alles. - Foto: Thomas Aurin

Die Neuinszenierung im Großen Festspielhaus von Andreas Kriegenburg berührt durch eine sehr opernhafte Bildsprache. Doch mit der Aura des überwältigenden Musizierens gibt Mariss Jansons sein überragendes Debüt als Operndirigent mit den fantastisch aufspielenden Wiener Philharmonikern. Es ist eine Sensation, und was für eine, denn der heute 74-jährige Jansons dirigiert zum 1. Mal eine Oper in Österreich überhaupt.

Dimitry Schostakowitsch (1906 – 1975) verfasste als noch sehr junger Komponist 1930 – 1932 gemeinsam mit Alexander Weis das Libretto nach der gleichnamigen Novelle (1864/65) „Lady Macbeth von Mzensk“ von Nikolaj Leskow. Die Uraufführung der Oper in Leningrad war am 22. Jänner 1934 ein riesen Erfolg, der Schostakowitsch auch im Ausland berühmt machen sollte.

Die damalige russische Kritik schrieb dass die: „Lady Macbeth von Mzensk“ nach der „Pique Dame“ von Tschaikowsky die erste russische Oper von solcher Tiefenwirkung sei. Das Schicksal wollte es aber anders, denn als Josef Stalin 1936 die Oper in Moskau besuchte wurde die Oper  verboten, weil die Prawda  von: „Getöse, Gekreisch und musikalischem Lärm“ berichtete. Doch damit wird der eigentliche inhaltliche Kern der Handlung angeprangert, wenn etwa aus der sexuellen Freizügigkeit heraus, auch  der mächtige Polizei – Apparat satirisch der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Die junge kinderlose Katerina  Isamailova, die nicht lesen kann, leidet als Gattin eins Kaufmans unter Leere und Einsamkeit. Sie wird zur Mörderin.

Katerina wird von ihren Schwiegervater Boris drangsaliert, sie muss schwören ihrem verreisten Ehemann Sinowi treu bleiben. Da bedrängt im Hof der Arbeiter Sergej die Köchin Aksinja. Katerina schreitet ein und verprügelt Sergej, doch aus dem Ringen wird ein verfänglicher Liebespiel, das Boris argwöhnisch beobachtet.

Brandon Jovanovich, Maxim Paster und Nina Stemme. - Foto: Thomas Aurin

Später taucht Sergej auf. Ohne Widerstand wird Katerina zu seiner Geliebten. Als der ruhelose Boris nun Zeuge dieser Liebschaft wird, lässt er Sergey von Arbeitern auspeitschen. Ermüdet von all dem lässt er sich von ihr Pilze aufwärmen. Katerina aber mischt Gift in den Pilzen und Boris stirbt.

Die Angst der Katerina aber gilt dem zurückkehrenden Gatten Sinowi.

Zunächst erscheint ihr der Geist von Boris der sie verflucht, doch als der wütende Gatte Sinowi eintritt, erwürgt Katerina ihn mit Sergej. Sie verstecken die Leiche im Keller. Sergej und Katerina heiraten. Als der schäbige Arbeiter Popov aus dem Keller Wein holen will, entdeckt er die Leiche. Der Polizeichef beklagt sich zunächst über die nicht wahrgenommene Bedeutung der Polizei und die wird erst tätig als sie von Sinowis Leiche erfahren. Katerina und Sergej werden festgenommen

Verurteilt zur Zwangsarbeit beginnt der endlose Marsch der Gefangenen nach Sibirien.

Katerina besticht einen Wachposten um bei Sergej zu sein. Doch der hat sein Interesse an ihr längst verloren, denn statt ihr treibt er es mit der jungen Gefangenen Sonetka, die Strümpfe von ihm will. Als Katerina ihr letzes Paar Strümpfe für diesen Betrug opfert und von den Mitgefangenen verhöhnt wird, bringt sie sich um und reist Sonetka mit in den Tod.

Andreas Kriegenburg inszeniert dieses Ausnahmenwerk mit zwingenden Detail aus der ausweglosen Sicht der der Titelheldin Katerina!

Zunächst ist das simultane Bühnenbild von Harald B. Thor von einer überdimensionalen Wucht,  die sich in einer Trabanten – Betonstadt bemächtig, wobei bei die intimen Wohngegenden lautlos von den Seiten herausfahren. Kriegenburg zeigt gerade am Beginn wie unerhört trostlos die arbeitenden Menschenmassen sich durch Streit und Raufereien demütigen müssen.

Es sind sehr starke Bilder von durch choreographierten Bewegungen, die sich auch in den Einzelszenen kräftig aufmischen, weil wirklich jeder Person ihre erschütternde Identität, ja Brutalität erlangt. Dies vorausgesetzt, ist jedoch manches sehr plakativ, wenn erstens trickreich auf der Rampe gespielt wird, dann wirkt auch der Schlussakt mit dem Mord und Suizid doch sehr (russisch) cineastisch antiquert. Doch insgesamt ist alles von hochdramatischer Brechung.

Mit Nina Stemme als unvergleichlich singende und darstellende Lady Katerina wird dieses Stück Erlebnis auch mit den anderen Solisten

Wer immer an die Lady Macbeth  denkt, der meint eine Fatale, doch Nina Stemme hat etwas Kindliches, ja Naives, die erstens  grandios spielt, dann  singt sie jede Passage mit suggestiver Textschönheit, so angeglichen in allen Registern, wobei sie unter der fabelhaften Leitung von Mariss Jansons ganz selbstverständlich mit emotionalem Sonderausdruck – ihrer stets mitbeteiligten  Physiognomie – ihre Stimme in die Orchesterströme einbringt.

Von ihr geht alles aus, zur ihr kommt alles, mit ihre endet alles. Das ist Nina Stemme! Dazu passt auch Brandon Jovanovich, der als Sergej stimmlich nicht nur hervorragend ist, sondern der mit subtilster Diktion einen brutalen Hallodri und Proleten exorbitant, präsent auslebt. Den Schwiegervater Boris singt Dimitry Ulyanov mit spielender Noblesse und Pracht mit schwarzdunklem Timbre, dagegen wirkt der Tenor Maxim Paster als betrunkener Sohn Sinowi eher blass. Insgesamt gut bis edel – Der Pope, Der Schäbige – sind   die übrigen Rollen

Wohl noch nie, auch schon lange nicht mehr in Salzburg, wurde so unvergleichlich intensiv, impulsiv musiziert wie unter Mariss Jansons

Mariss Jansons ist nicht nur der Dirigent der „Lady Macbeth von Mzensk“ sondern der wahrscheinlich allerbeste Schostakowitsch Interpret überhaupt. Doch was dieser begnadete Musiker mit den Wiener Philharmonikern, ja mit Chor und allen da für ein Musiktheater hinlegt, übersteigt alles Bisherige.

Mariss Jansons gab ein überragendes Debüt als Operndirigent. - Foto: Franz Neumayr

Jansons  sorgt allein im Orchester für einen höchstdurchsichtigen Klang, der sich direkt  auf die immer(!) verständlichen Singstimmen überträgt und das ist der Zauber schlechthin, wobei der Jansons Zauberei auch die Zwischenspiele betrefft, die tänzerisch leichtfüßig dahinfließen, bis das Grausame, oder das Grotesk – Komische von der Bühne herunter schielt oder schreit, dass jeder, vom kaltem Schauer der unvergesslichen Momente gerührt, den allergrößten Jubel naturgemäß für Jansons herausschreit, der, wie ich vermute, in zwei Jahren eine andere Oper hier dirigieren wird. Ovationen für alle.

Unbedingt zu hören am 5. August auf Ö1 19.30 Uhr 

C. F. Pichler aus Salzburg 

stol