Montag, 21. August 2017

Salzburger Festspiele: „Lear“ als gewaltige Opernpremiere

Mit der Premiere der Oper „Lear“ nach Shakespeare von Aribert Reimann gibt es nun zum Abschluss nochmals einen überwältigenden Musiktheaterabend, der vom jungen Regisseur Simon Stone szenisch packend umgesetzt wird, während die Wiener Philharmoniker unter dem Dirigenten Franz Welser-Möst wieder zu einem unvergesslichen Fest einladen.

Gerald Finley als Lear bei den Salzburger Festspielen. - Foto: SF Thomas Aurin
Gerald Finley als Lear bei den Salzburger Festspielen. - Foto: SF Thomas Aurin

In Anwesenheit des Komponisten Aribert Reimann, der dieses Stück bereits 1978 mit Dietrich Fischer-Dieskau zur Uraufführung brachte, ist nun Gerald Finley ein traumhafter, ja traumatisierter Titelheld eingebunden von wunderbaren Sängerdarstellern.

„Dietrich Fischer-Dieskau hatte bereits 1968 angefangen, mich nach diesem Stück zu fragen. Drei Jahre lang habe ich ihm abgesagt!“ Aribert Reimann konnte sich erst entscheiden, Shakespeares „ King Lear“ zu komponieren, als er sich erstens intensiv mit dem Text auseinandersetzte, dann schließlich bat er Claus H. Henneberg, das Libretto nach der Übersetzung aus dem Jahr 1777 von Johann Joachim Eschenberg zu verfassen, weil sie für Reimann näher an Shakespeares Original war.

„Lear“ steht für „Jeden“

Die Uraufführung inszenierte Jean-Pierre Ponelle: „Ich habe so intensiv mit ihm zusammengearbeitet wie mit keinem Regisseur zuvor“, sagt Reimann, denn Ponelle wies ihn darauf hin: „Denken Sie immer, das wir nicht sehen, was das Orchester machen muss!“

Warum aber die Oper Lear und nicht King Lear heißt, erklärt Reimann mit dem Hinweis, dass Lear für „Jeden“ steht. Damit wird Stück und Musik zur psychologischen Grausamkeit, Einsamkeit, wenn am Ende die große Trauer von den Streichern gespielt wird: „Das geht wahnsinnig unter die Haut“ so Welser-Möst. Die Konzentration, das Nervengeflecht wird sehr füllig, wenn das Doppelbödige von Shakespeare in jedem Wort bei Reimann bis zu totalen Erschöpfung, ja bis zum Wahnsinn von der Musik aufgesogen wird.

In der nun 28. Inszenierung dieser Oper werden diese Parameter wieder zur  Bekenntniswelt.

Schonungslos expressiv

Die Inszenierung des Australiers Simon Stone zeigt den Machtverzicht des greisen Königs im ersten Teil auf einer Blumenwiese, dann auf der leeren Bühne. Es soll ein Fest sein, wenn der König sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilt. Daher liegen über die ganze Bühne der Felsenreitschule verteilt haufenweise echte Blumen, während unter den Arkaden, immer bewacht von der Security Police auf mehreren Sitzreihen über 150 festlich gekleidete Gäste (Statisten), so wie die Zuschauer im Saal, einer Zeremonie beiwohnen, die in ein geschlachtetes Endspiel mündet.

Im weißen Smoking verkündet Lear seine Entscheidung. Seine Töchter Goneril und Regan sind erfreut, Cordelia aber will ihren Teil nicht, sondern nur Lears Liebe. Lear gerät deswegen so in Rage, dass er zornüberströmt auf den Blumenbeeten herumtrampelt, während er Cordelia verstößt. Lear will sein weiteres Leben nun teils bei Goneril un Regan verbringen, die ihn allerdings bald  verjagen.

Matthias Klink und Gerald Finley. - Foto: SF Thomas Aurin

Stone zeigt nicht nur gewaltige, schonungslos expressive Bilder, sondern er führt und durchschaut die Personen gewandt an das Sprechtheater mit ritualisierender Gestik, die sich ganz dicht an die Musik bindet. Mag sein, dass Reimann sich wohl absichtlich auf die Titelperson Lear fokussiert, die in Gerald Finley seine Vollendung findet, doch die blutige Handlung um ihn herum wird zur makaberen Gegenwart, ohne ins Plakative zu gleiten, weil alles überwältigend zusammengefügt ist.

Sicher wird bei dieser schweren und mächtigen Musik viel an den Rampen gesungen, doch es ist beachtlich, wie hervorragend neben der unglaublich gut gesungen Musik alles wie einer anderen Welt gespielt wird.

Darsteller überzeugen

Es ist in der Tat anders,  wie sich hier die Welt selbständig macht und es verwundert keineswegs,  wenn sich Aribert Reimann zwar von seinem „Lear“ losgelöst hat, aber immer noch „mehr mitzittert!“ Bräuchte er eigentlich nicht, denn die Sänger sind hervorragend und bestimmend.

Ganz am Beginn ist Gerald Finley als Lear eine denkwürdige Erscheinung, denn wenn er zunächst allein sprechend beginnt, dann gerät er wenn die Musik kommt in eine Isolation, aus die er nicht mehr herauskommt.

Finley wandelt und singt, ja er gestaltet Wörter und Noten einfach traumsinnig gut, wobei auch seine blickenden Wandlungen dies in Exzellenz aufwiegen. Es ist durchwegs berührend, wie aus dem aufbrausenden Choleriker ein duldend gefühlsamer Mensch, wenn er letztlich im Jogginganzug und auf dem Krankenbett zum Wunder dieser Aufführung wird.

Evelyn Herlitzius als Goneril und Gun-Brit Barkmin als Regan sind beachtlich gut als sinistere Lear-Töchter, Anna Prohaska als Cordelia ist sehr gut, auch die Gloster-Brüder Kai Wessel als Edgar – wunderbar als verstellter Tom – und Charles Workman als Edmund überzeugen, während Michael Maertens als Narr wie immer übertreibt. Beeindruckend ist letztlich Lauri Vasar als Gloster und die Übrigen, wie auch der Wiener Staatsopernchor.

Anna Prohaska als Cordelia und Gerald Finley als Lear. - Foto: SF Thomas Aurin

Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker zelebrieren die letzte Opernpremiere wieder mit herausragender Durchsichtigkeit und mit einem durch und durch pulsierenden Klang der für extreme Wortdeutlichkeit sorgt.

Die hineingeworfenen Klänge und das Abflauen, das sich etwa am Ende wie eine dechiffrierte Angst aufleuchtet, wenn die tote Cordelia als kalkweiße surreale Gipsfigur dasteht, dann sind zusammengegossene Töne-Bild-Tonskulpturen von unvergesslicher Magie.

C. F. Pichler aus Salzburg

stol