Freitag, 21. August 2015

Salzburger Festspiele: Olymp „Rosenkavalier“ und Top/Opernpremieren

Mit Superlativen sollten wir vorsichtig umgehen, weil sie leicht in eine sentimentale Schwärmerei abgleiten und oft auch verkitschte Gefühle ausdrücken. Aber was sich bei den Salzburger Festspielen im Musiktheater abspielte und sich gerade – auch bei den Konzerten – um Ferragosto ereignete, ist ohne Abstriche sensationell.

 Günther Groissböck ist der größte Ochs. Nämlich als Baron Ochs auf Lerchenau! - Foto: Monika Rittershaus
Günther Groissböck ist der größte Ochs. Nämlich als Baron Ochs auf Lerchenau! - Foto: Monika Rittershaus

Nach einer überragenden „Norma“ mit Belcanto – Wunder  Cecilia Bartoli, nach dem ebenfalls wundervollen „Fidelio“ und dem einzigartigen „Trovatore“ mit Weltstar Anna Netrebko, besteigen wir nun den Olymp mit einem fabelhaften „Rosenkavalier“.

Doch mit „Iphigénie en Tauride“ von Gluck (mit Bartoli) mit „Dido and Aeneas“ von Purcell und mit dem überragenden konzertanten „Werther“ von Massenet gibt es Top/Opernpremieren, die unvergesslich sind.

Es gibt wohl keine Oper des 20. Jahrhunderts wie „Der Rosenkavalier“ von Richard Straus, dieseit der Uraufführung 1911 einen unvergleichlichen Siegeszug angetreten hat, der bis heute das Publikum nicht nur in Staunen versetzt, sondern ihm auch gleichzeitig ein wundervolles Spiegelbild einer verflossenen Epoche vorsetzt.

Doch alle Parameter, seien es die geschichtlichen, oder die affektiv gegenwärtigen, erklärten sich nur peripher, wenn nicht ein fantastischer Regisseur und Dirigent, ein überragendes Sängerensemble und ein magnetisierendes Orchester alles in  Sternstunden  verwandelten.

Regisseur Harry Kupfer erzählt mit überragender Klarheit ein Vexierspiel vor dem 1. Weltkrieg

Die Geschichte des Rosenkavaliers findet ja eigentlich in der Zeit der Regentschaft von Maria Theresia in Wien statt, und in dieser rokokohaften Ausstattung ist sie auch heute noch oft zusehen. Dabei ist die Walzerseligkeit dieser Oper eigentlich anachronistisch, denn der Walzer war ja erst 80 Jahre nach dem Tod der Kaiserin, durch Joseph Lanner und durch die Strauß – Dynastie geboren. 

Das sollte das Genie/Duo Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal gar nicht stören, denn mit dem fabelhaften Textbuch, das schon allein als Lektüre fasziniert, weil es mit über hundert Fremdausdrücken in Italienisch, oder Französisch die Habsburger Zeit auf herrliche Art decouvriert, wird alles in Musik so wundervoll aufsegmentiert, dass wir zeitgleich von Nostalgie und von fordernder Schönheit aufgesogen werden.

Harry Kupfer, der hier gerade seinen 80ger feiert, verlegt die Handlung  in die Entstehungszeit der Oper um 1911. Mit seiner charismatischen Aura, erzählt er und zeigt uns, bei klarer Personenführung, eine wundervolle Geschichte des Abschiedes, die mit einer grandiosen, penibel durch inszenierten Detailschönheit in jedem Augenblick, ja bei fast jedem Musiktakt, uns einfach verführt.

Die ganze Bühne – fantastischer Hans Schavernoch! – spielt   ebenso mit allen technischen Finessen mit, wie die sich ständig verändernden Bilder (hervorragend die Videodesigns: Thomas Reimer, das Licht: Jürgen Hoffmann)  der Wiener – Welt um die Gründerzeit mit ihren Prunkbauten, oder  mit der Replik in die nostalgischen vernebelten Alleen. Totaler, schöner, genauer kann Musiktheater gar nicht sein.

Franz Welser – Möst dirigiert mit atemvoller Berauschung die Wiener Philharmoniker

Wenn  oben vom Genie/Duo Strauss Hofmannsthal die Rede ist, dann gilt das Geniale der Interpretation dem Duo Welser – Möst/Kupfer. Denn immer vergegenwärtigt sich die architektonische Balance zwischen Bühne und Orchester zum faszinierenden Ausdrucksgeschehen, weil der Welser – Möst  einfach und direkt alles mitinszeniert, wobei er mit den Philharmonikern die Sänger so mitreißend führt, dass sie ausnahmslos wie von einem anderem Stern singen und spielen.

Schwachstellen gibt es nicht, kleinlichste Fehler sind belanglos, ja sogar sehr menschlich.

Kasimira Stoyanova ist als tiefberührende, konkurrenzlose Marschallin eine Ausnahmeerscheinung sowieso, denn allein mit welch formvollendeter Stimme sie in allen Lagen den Monolog im 1. Akt singt ist sensationell, wie auch beim überragenden Schlussterzett, wo uns die Damen mit beredter Seligkeit gefühlsfunkelnde Träume der Liebe vergegenwärtigen.

 

Golda Schultz, Sophie Koch und Kasimira Stoyanova. - Foto: Monika Rittershaus

Sophie Koch ist in allen Akten ein(e) strahlend – souveräner Octavian, vor allem dann, wenn sie beim Ochs als Mariandl bei der Tete a Tete alles riskiert. Die Sophie der farbigen Golda Schultz ist herzzeitlich schön, weil sie mit irisierenden Höhen wundervoll reüssiert und selbstverständlich auch beim alles überragenden Schluss – Terzett – Duett!

Sehr witzig ist, wenn der Ochs die eher Mollige dann bei, „zart wie ein Henderl“ unflätig anfasst.

Ja, alle Rollen sind glänzend besetzt, besonders Adrian Eröd als Faninal, aber Günther Groissböck ist der größte Ochs. Nämlich als Baron Ochs auf Lerchenau! Wie der  die mörderische Partie singt und spielt, ist unfassbar gut und zwar alle drei Akte lang. Sein kultivierter helltimbrierter Bass sprudelt im Sprechduktus, dann wieder hält er bei „keine Nacht mir zu lang“ den tiefsten Ton mit voller Atemfülle unheimlich lange aus, oder er zerreißt sein Unterleiberl wie der deutsche Diskus Olympia – Sieger Robert Harding in Fetzen.

Ein Phänomen, ein Künstler, Sonderklasse, wie alle, wie alles. Triumphaler Jubel natürlich.

Cecilia Bartoli ist die bestimmende Titelheldin in Glucks Oper „Iphigénie en Tauride“  

Es gibt naturgemäß größte Zustimmung, wenn Cecilia Bartoli als psychologisierende, reizvoll dramatische PriesterinIphigénie, aus dem erlebten Trauma ein, mythisches Schauspiel von Hass in Vergebung aufbaut.

Das Drama von Krieg, Vernichtung und Elend findet im Skythien statt, wo der Sohn des Atriden Königs Agamemnon Oreste gestrandet ist. Der König hat seine mörderische Mutter Klytämnestra getötet, aber auch Oreste und sein Freund Pylade sollen auf dem Altar der Diana geopfert werden.

Da tritt Iphigénie auf, sie will das Schlachten beenden und gibt sich als Schwester des Oreste zu erkennen. Die Regisseure Moishe Leiser/Patrice Courier verlegen die Geschichte in die Gegenwart, die in einem Betonbunker mit Eisenbetten an das Flüchtlingselend erinnert.

 

Iphigénie in Aktion.

Eingebunkert spielen sich ergreifende Momente ab, die sich zum Guten verändern, als sich die Betonwand öffnet und die rettende Göttin Diana erscheint. Unverständlich ist die Ablehnung dieser sehr dichten Inszenierung, die mit höchster musikalischer Behutsamkeit die Geschichte erzählt.

Großen Anklang hingegen findet die musikalische Deutung mit „I Barocchisti“ unter der stupenden Leitung von Diego Fasolis, der die Partitur mit schönster Klangfarbigkeit nachzeichnet, die sich auch im herrlichen Chor der „Radiotelevisione Svizzera“ aufsummiert.

Die Bartoli strömt natürlich von Leidenschaft und singt toll/kühn mit Zauberpiani, auch Roberto Villazon gestaltet seine kleine Rolle des Pylade (endlich!) verinnerlicht, während Christopher Maltman als Oreste mit wundervollster baritonaler Ausdruckskraft alles zu einer Top/Oper macht.

„Dido and Aeneas“ von Purcell halbszenisch und ergreifender „Werther“ von Massenet konzertant!           

Vorausgesetzt, dass „Dido and Aeneas“ die wohl schönste Kurz/Oper des Barock ist, ist es ein wahrer Glücksfall, sie in der Felsenreitschule in herrlicher minimalistischer Szene zu erleben.

Thomas Hengelbrock und sein stupendes Balthasar Neumann Ensemble und der gleichnamige Chor, berühren mit nachhaltiger Gefühlsschwere. Der ästhetisch kostümierte Chor spielt, tanzt und singt mit sphärischer Verinnerlichung, während die Sänger – etwas zurückgenommen –  mit Abstrichen überzeugen.

Die Schauspielerin Johanna Wokalek rezitiert Nietzsche: „Die Bösen liebend“ und ist als Sorceress auch als Sängerin eingebunden, was ich ob ihrer tiefen Sprechlage: „Woher kommt der Hass, mit dem wir alles töten“ urkomisch finde.

Das Allerbesinnlichste  ist aber der Schluss, wenn der Chor langsam in den Orchestergraben geht und wenn dann die letzten Minuten in totaler Finsternis erklingen, während nur ein kleiner Lichtkegel auf der Bühne Frau Wokalek anstrahlt. Abschließend dann noch die Top/Operninterpretation „Werther“ konzertant mit dem Mozarteum Orchester, sehr gut dirigiert von Alejo Perez und überragend gesungen von Piotr Beczala, der sich mit bester Stimmdisposition, bei schönster Legato-Lagen – und Pianokultur in den Tenor-Olymp singt. F

Für mich ist er das Festspiel Gesangereignis schlechthin, während die Diva Angela Gheorghiu, die immer leider affektiert zeigt, dass sie eine Diva ist, die Charlotte doch sehr kühl und eher undramatisch singt.

Tosender Applaus von allen für Super Werther  Beczala, nur die Diva verweilt ohne Regung kaltlächelnd am Podium.

von C. F. Pichler aus Salzburg  

stol