Montag, 12. August 2019

Salzburger Festspiele: Opern – Traum „Oedipe“ von Enescu

Als der rumänische Komponist George Enescu (1881 – 1955) in der Comédie Française die Tragödie „Ödipus“ von Sophokles sah, war es der Schrei des geblendeten Ödipus der ihn zu seiner Oper: „Oedipe“ inspirierte. Unmittelbar verfasste er erste Skizzen, doch erst 1936 wurde seine Tragédie lyrique mit dem Libretto des Dichter Edmond Fleg in Paris uraufgeführt. Die Premiere von OEDIPE bei den Salzburger Festspielen wird zu einem triumphalen Oper – Traum in der Felsenreitschule.

Die Premiere von OEDIPE bei den Salzburger Festspielen wird zu einem triumphalen Oper – Traum in der Felsenreitschule. - Foto: Monika Rittershaus
Die Premiere von OEDIPE bei den Salzburger Festspielen wird zu einem triumphalen Oper – Traum in der Felsenreitschule. - Foto: Monika Rittershaus

Das Libretto des jüdischen Schriftstellers Edmond Fleg ist ein Zeitsprung der Jahrzehnte. Der Seher Tirésias prophezeit Oedipe, dass er zum Mörder seines Vaters Laïos wird und dass er seine Mutter Jocaste heiraten wird. Unwissend tötet Oedipe seinen Vater und das Schicksal geht seinen Weg.

„Der Mensch ist stärker als sein Schicksal“

Mit dieser Einsicht antwortet Oedipe auf das Rätsel der Sphinx, er befreit Theben, wird König und Gatte von Jocaste. 20 Jahre später herrscht immer noch die Pest in der Stadt, da er, der Mörder von Laïos unbestraft ist. Nun erkennt Oedipe seine Schuld: Seine Mutter Jocaste nimmt sich das Leben, während  Oedipe sich blendet und vertrieben wird. Antigone führt nun den blinden Vater und Oedipe wird, von den Göttern bestimmt, wieder zum Sehenden.

Foto: Monika Rittershaus

„Eine Bewegung der Farben zum Ewigen Licht“

Die Inszenierung des 85 jährigen Achim Feyer, der als bildender Künstler naturgemäß der Ausstatter  mit seinem Lichtkonzept ist, sieht in der  Handlung eine abspulende Traumfantasie. In fantastischen Farben neben der Opulenz der Kostümfantasien überfüllen wortwörtlich handelnde Objekte die Bühne, auf der Oedipe als schwergewichtiger Boxer herrscht. Freyer ist ein Meister der mehrfarblichen Übertreibung bei der im Französischen gesungen Oper.

Es sind lauter bildhafte Träume, die nicht lügen

Freyer zeichnet auf den Boden Chiffren, in den Arkaden lässt er die Antipoden des Titelheldes agieren, doch  der überdimensional lange Seher Tirésias und die schaudernde Sphinx, die blumige Jocaste, Tochter Antigone und die Menschen(Chor)aus Theben sind auf der Bühne. Träume werden hier zur absurden bildlichen Erkenntnis, weil sie nicht niemals lügen! Es ist ein Totaltheater ganz dicht an Wort und Musik im vielfaltigem Lichtmeer.

Christopher Maltman ist als Titelheld Oedipe der Festspielstar

Zunächst ist die Titelpartie mit ihrer grenzüberschreitenden Dichte und Länge mörderisch schwierig, doch der Bass Christopher Maltman ist sprichwörtlich nicht nur als muskulöser Boxer ein musikdramatisches Schwergewicht von Graden. So wie er agiert, wie er das französische Idiom bis ins kleinste Detail moduliert,  ist unfassbar gut gerade im Hinblick auf die herausragende Sprachpoesie des Stückes. Auf der Bühne während des ganzen Dramas ist Maltman ein Gottverlassener, ein Wunder an Singkunst und Darstellung. Mit ihm werden wir, wie er am Ende, zu Sehenden.

Die Figuren rund im Oedipe zeichnen vollendete Bildcharaktere  

Michael Colvin als Laïos, Anaïk Morel als blaublumige Jocaste und Brian Mulligan als Créon sind an sich Nebenfiguren, besonders wenn die beiden Männer ihre Suada aus den Arkaden kundtun. John Tomlinson hingegen wandelt als drei Meter langer blinder Seher Tirésias (er ist unsichtbar im Kostüm)mit seiner tollen Bassstimme auf der Bühne. Gespenstisch ist die  La Sfinge (Sphinx – und ebenso unsichtbar im Fabel/Kostüm)der großartigen Ève – Maud Hubeaux, während die Antigone mit Chiara Skerath im Kommunionskleid ein Seelenwunsch an Vater (Oedipe)liebste Poesie ist.

Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopern Chor ist magisch

Wie schaffen sie es, diese Singkünstler der Wiener Staatsoper immer so einzigartig zu sein? Ganz einfach, sie singen und spielen wie Magier bei jeder Oper. Besonders aber bei dieser Oper.

Foto: Monika Rittershaus

Erstens ist ihr französisch tollkühn, dann sind sie im Off eine musikalische Hintergrundweihe und auf der Bühne erscheint die Pest – Not von Theben in ihrem  Outfit eben wie der schwarze Tod! Bestimmend auch mit unserem grandiosen Konrad Huber als Solist in Theben. Hervorragend ist ebenso der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor mit den weißen Stimmen.

Ingo Metzmacher, die Wiener Philharmoniker sind die Weltklasse  

Es gibt ja ein dämliches Ranking von den 10 Besten Orchestern der Welt,  bei dem die Wiener Philharmoniker an 3. Stelle sind. Unfug, dumm! Denn niemand spiel gleichzeitig Oper und Konzert so wie sie. Dieser OEPDIPE beweist es, da sich die Oper, wie George Enescu selbst betont, aus dem Symphonischen entwickelt. Einmalig ist das, weil Enescu sich weder in der französischen, noch in der deutschen Musikweise einordnen lässt.

Akklamierter Triumpf für kühnsten Raumklang und Szenenmagie

Dirigent Ingo Metzmacher ist ein Meister der Zwischentöne, die das geniale Orchester so wie nie im berückenden Raumklang aufsegmentiert. Das Fernorchester,  die Schlagwerker, dann naturgemäß die vollendeten Bläserklange und die herrlichen  (Tiefen!!) Streicherklänge machen diese Oper zum erwartet akklamierten  Triumpf, auch für den Charismatiker und Szenenmagier Achim Freyer, der  federndleichten Ganges ein paar Buhrufe freudstrahlend aufnimmt!

C.F. Pichler aus Salzburg

stol