Freitag, 12. August 2016

Salzburger Festspiele: Opernolymp mit „Faust“ von Charles Gounod

Es ist schon etwas Besonderes, wenn die rührselige Oper „Faust“ von Charles Gounod nun zum ersten Mal als vertrackte Neuinszenierung in den Festspiel-Olymp einzieht. Erwartungen und haufenweise „Noblesse Oblige“ sind beachtlich! Und die Premiere? Geht, schleicht, bilderwütig, poetisch vorüber.

Maria Agresta als glückliche Marguerite - Foto: Monika Rittershaus
Maria Agresta als glückliche Marguerite - Foto: Monika Rittershaus

1856 schlug Charles Gounod dem Direktor des Théâtre Lyrique Léon Carvalho vor, eine Faust-Oper zu komponieren. Doch der rührige Impresario war nicht nur von der Idee angetan, Goethes „Faust“ als Oper aufzuführen, sondern er dachte vor allem an seine Frau Caroline, für die er die wirkungsmächtige Rolle der Marguerite ausersehen hatte. Die Uraufführung von 1859 war ein fabelhafter  Erfolg, der in Kürze zur 300. Vorstellung anwuchs.  

Doch schon bei der Uraufführung gab es kritische Betrachtungen, weil einerseits die Rezensenten die Goethe’sche Handlungsdramaturgie als zu intellektuell hielten, während wiederum für das Publikum die Partitur als viel zu schwierig galt. Trotzdem wurde die Geschlossenheit von Musik und Text gelobt, auch weil die Komponisten Camille Saint-Saëns und Hector Berlioz als Rezensenten den Vorwurf des „Germanisme“ widerlegten, indem sie Gounod attestierten, eine französische Nationaloper geschaffen zu haben.

Richard Wagner bezeichnete die Oper als „gewöhnlich und abgeschmackt bis zum Erbrechen“

Diese fragwürdige Äußerung, dieses glatt oberflächliche Urteil von Wagner entbehrt nicht eines unverschämten Zynismus, denn der damals noch völlig unbekannte und mittellose deutsche Monolith kannte angeblich die Oper von Gounod nicht, trotzdem warf er ihm vor, seine Melodielinien übernommen zu haben. Dabei hätte Wagner doch viel klüger sein sollen, weil er selbst in Paris mit seinen Opern reüssieren wollte, doch es wurde sein historisches Lebensfiasko, da sein „Tannhäuser“ in Paris gnadenlos zerrissen wurde, weil er sich nicht an den gewünschten Stil der Grande Opera hielt.

Bei Gounods „Faust“  ist der Bekanntheitsgrad jedenfalls bis heute ungebrochen. Das liegt auch daran, weil die melodisch-dramatische Erfindungskraft in der Summa sich gewiss beim Faust oder Mephistopheles fokussiert, doch anders als bei Goethe ist Marguerite die eigentliche Zentralfigur. Das erkannte auch Tschaikowski, wenn er Gounod eine singuläre Meisterschaft mit besonderer Eigenheit attestierte.

Die Salzburger Neuinszenierung von Richard von der Thannen setzt auf ein bildreiches, helles astrologisch-futuristisches Musiktheater

An sich ist der Regisseur Richard von der Thannen einer der besten Bühnen- und Kostümbildner der Jetztzeit, weil er für den Kultregisseur Hans Neuenfels jahrelang seine legendären Inszenierungen ausstattete. Wenn er nun als eigener Inszenator und logisch als selbstbewusster und ästhetisch ausgezeichneter Bühnen- und Kostümkünstler den Gounod „Faust“ theatralisiert, dann ist das schlüssig, gut durchdacht, doch es fehlen die Surrealismen, die perversen Unebenheiten, die wir von Neuenfels so sehr lieben, weil er mit seiner skandalträchtigen Deutung, die vorerst einmal verteufelt wird, bis sie dann zum Kult aufgejubelt wird, wie der „Lohengrin“ in Bayreuth mit den Chorsängern in Rattenkostümen.

Dies nur deshalb, weil auch von der Thannen die Chöre im „Faust“ in ähnlich farblich surreale Roben steckt, die figürlich wie Pittoreskes von Salvador Dali aufkreuzen. Die Bühne ist mit ihrer cinemascopen Breitwandwirkung einheitlich und von außergewöhnlicher Raumfülle, wenn im Hintergrund bei allgegenwärtigen Asteroiden/Kreisaugen die Geschichte bildreich und nicht übel, etwas zu symbolisch intellektuell mit Details erzählt wird.

Zu Beginn und am Ende erscheint das französische Logo „Rien“ (Nichts), dann sehen wir hinten Marguerite barfuß im kommunionsweißen dekollierten Kleid, während determiniert der kahle Faust noch als Gelehrter mit Mephistopheles den diabolischen Pakt schließt. Aus mehreren Öffnungen werden Stühle, Tische zu Spielräumen, wobei ein großer, sehr schöner modischer Schminkkasten mit dem Logo M (wie Mephistopheles) hereingefahren wird, von dem sozusagen die geschminkte Handlung ausgeht die Mephistopheles inszeniert, weil sich ihm als Capo Comico alle fügen, besonders die clownesken Pierrot-Phantasmen des Chores, der mit banal Martialischem auftrumpft.

Faust (Piotr Beczala) und Marguerite (Maria Agresta) - Foto: Monika Rittershaus

Auf blankweißen Kinderstühlen oder auf einem weißen einfachem Stahlbett vollzieht sich bei assoziativen Margeriten-Blumen die verderblichste Liebe, die mit dem Tod der nunmehr schwarzgekleideten Marguerite endet, ehe bei der Kirchenszene riesengroße Orgelpfeifen vom Schnürboden herunterfahren. 

Es ist ein sehr gutes, auch poetisches Musiktheater, echt modern – sehr schön die Kinderkirche für Faust und das Kinderhaus des Teufels – das damit eine dichte (surreale) Romantik bei einer Oper erfährt, die mit tränenfließender Wallung ja ohnehin nicht gar so subtil, sondern die wohl eher naiv oder Kitsch-verdächtig ist. Genau darauf pocht diese Inszenierung, allerdings bei fehlender Personenführung und bei den allzu statischen Chören, die die mitspielenden Mimen und Balletteusen szenisch auch nicht aufwerten. Dann fehlt ja unerklärlicherweise die Walpurgisnacht mit Ballett, auf die wohl alles neugierig wartet, oder die Hexenküche.  

Die  musikalische Deutung ist mit den Wiener Philharmonikern unter dem jungen Argentinier Alejo Pérez bestens, etwas routinehaft: die Sänger singen gut, ja oft auf höchsten Niveau, nicht so der Philharmonia-Chor

Bei den Sängern, hier in der Programmreihenfolge, wirkt Piotr Beczala als Faust am Beginn angestrengt in seiner Rembrandt-Robe, dann ist sicher zu vermerken, dass er nur ein sehr mäßiger Darsteller ist, weil er im Spiel des Miteinanders wie ein Solitär dasteht. Doch er singt konkurrenzlos gut, mit tollem französischen Idiom, etwa die außergewöhnlich schwere Arie: „Salut, demeure chaste et pure“. Das ist es!

Ildar Abdrazakov hat auch so seine Schwierigkeiten in den Tiefen, doch er singt und spielt elegant mit viel Kult, Esprit und Dämonie den Mephistopheles. Ganz hervorragend mit himmlischer Hingabe finde ich Maria Agresta als Marguerite. Die hübsche, mollige Künstlerin singt mit subtiler Leggerezza die schönsten Spitzentöne – tolle Ballade, innige Juwelenarie – sie  ist darstellerisch eine Augenweide und nach und nach klingt ihre Mittellage gar lyrisch-dramatisch von rührender Intimität, wenn dies Kindermörderin ihr getötetes Kind in einer Schenkschachtel, geheimnisvoll verpackt, herzunglücklich „umarmt“.

Große Momente, und die hat auch ihr Bruder Valentin, den Alexey Markov einfach umwerfend musikszenisch auslebt, bis er niedergemetzelt stehend stirbt. Einen sehr guten Siebel gibt uns Tara Erraught, lustig wie sich’s gehört ist der Wagner von Paolo Rumetz und wie eine Trolle im schönsten Kostüm kreiselt die Marthe, gesungen von Marie-Angie Todorovitch über die Bühne.

Der junge Dirigent Pérez dirigiert die Philharmoniker mit hörbarem Kleckern, aber mit herrlichen Bläser-Soli, eigentlich sehr gut, nur etwas zu zaghaft, was bei so einem gewichtigen Debüt selbstverständlich ist. Der Philharmonia-Chor hat bei Weitem nicht das Opernformat des Wiener Staatsopernchores, weil er nicht nur im Forte viel zu exponiert ist. Viel Jubel trotzdem, was gut ist, aber bei den Sängern überstrahlt der Applaus für Maria Agresta alle.

Jedoch den größten und lautesten Applaus mit Getrampel und gleichzeitig die größte Ablehnung mit jauchzenden Buhs gibt es für das Regieteam. Somit sind wir ganz sicher im Opernolymp mit mindestens einer (Silber?)Medaille, was am 27. August um 20.15 Uhr auf 3sat unbedingt zu sehen ist, weil‘s irrsinnig aufregend, oder kontrovers ist, wenn schwarze Kerker/Riesenkanonenkugeln herumrollen, oder wenn ein mehrere Meter langes silbriges Skelett vom Schnürboden herunterbaumelt.

Maria Agresta als Marguerite in der Kerkerszene. Bedrohlich ragt eine riesige Kanonenkugel über die am Boden liegende Frau auf. - Foto: Monika Rittershaus

C. F. Pichler aus Salzburg   

stol