Sonntag, 22. Juli 2018

Salzburger Festspiele: „Passionen“ zur „Ouverture Spirituelle“

Die Salzburger Festspiele sind zwar offiziell noch nicht eröffnet, das geschieht mit einem Festakt am 27. Juli, aber eine Woche vorweg wird wieder mit der „Ouverture Spirituelle“ unter dem Motto „Passion“ die sogenannte zeitgenössische Avantgarde mit Krysztof Penderecki mit dem jungen Beethoven und mit Biber und Bach eingebunden.

Foto: Marco Borrelli
Foto: Marco Borrelli

Als 1966 die „Passio et mors Domini nostri Jesu Christi secundum Lucam“ (Lukaspassion) für Soli, Sprecher, drei gemischte Chöre, Knabenchor und Orchester von K. Penderecki am 30. März ihre Uraufführung hatte, wurde sie mit ihren neuen, aufgegliederten Techniken – der Evangelist ist eine Sprechrolle – zum einschneidenden Chorwerk des 20. Jahrhunderts.

Der großräumige Habitus dieses Oratoriums substanziert sich in der unverkennbaren Mischung des Traditionellen mit zeitgenössischen Geräuschfarben, die Penderecki bis heute sogar mit neoromantischen Beharrungsvermögen durch klangschwelgerischen Pomp zum Selbstgerechten, Publikumswirksamen macht. Doch mit vielerlei Überraschungseffekten der sakral- inhaltlichen Bindung wird seine „Lukas – Passion“ in der Felsenreitschule zum großen Triumph.

„Ouverture Spirituelle“ glanzvoll eröffnet 

Auf der riesigen Bühne sind hunderte von Künstler platziert, ehe der Dirigent Kent Nagano den Einsatz zu einem außerordentlichen Weihespiel von musikalisch biblischen Übereinanderschichtungen gibt. Der Philharmonische Chor Krakau und der Warsaw Boys‘ Chor singt mit der profund beschallten Orgel den Eingangsrhythmus mit feinster Vokalität, ehe der Sprecher Slavomir Holland etwas manieriert die ersten lateinischen Lukastexte vorträgt, die Penderecki „nicht nur aus literarischen Gründen wegen der schönen Sprache, sonder eher, weil es bereits zwei außergewöhnliche gute Passions – Vertonungen gibt, die den Text von Matthäus und Johannes verwenden!“

Ob hier der Pole sich nicht zu sehr an J.S. Bach orientiert? Egal, den die Turba – Effekte des Durcheinander – Reden – Singen – Säuseln – Schrein, sind generös gut, doch meine ich,  müsste die Orchestrierung subtiler sein, und; Nagano könnte an manchen Stellen doch viel dramatischer die Vorlagen gestalten, wenn auch die Flüstertöne und das a capella grandios sind, oder wenn der Sopran, der Bariton und Bass ihre nicht allzu schweren Partien eingängig gestalten! Die Sopransoli, sehr gut Sarah Wegener, erinnern an das War Requiem von Britten, sehr kurz, aber gut sind die  schönen Orchester – Zwischenspiele, das gregorianisch Psalmodierende, oder wenn gleich Chor, Sprecher, Soli, gewiss mit viel Pomp erregend Bedrohliches ausloten. Es gibt viel Applaus und alles erhebt sich, sobald Krysztof Penderecki auf der Bühne erscheint.

Mozart’sche Traumwelt

Legendär sind bei den Festspielen die Mozart – Matineen, aber dass hier gleich das eigentlich nicht  sonderlich bekannte Beethoven – Oratorium „Christus am Ölberge op.85“ aufgeführt wird passt zur Passions – Dramaturgie. Aber vorweg, ob der Kürze dieses Oratoriums, spielt der fantastische Klarinettist Andreas Ottensamer das Konzert für Klarinette und Orchester A – Dur mit dem Mozarteum – Orchester Salzburg unter dem Dirigenten Riccardo Minasi spielt.

Ottensamer spielt dieses Juwel mit wundervoller Klangeingebung auf der Bassklarinette, wobei die Mozart’sche Traumwelt sich im sehr ausgedehnten Adagio einpendelt, bis schließlich im Rondo die herausragende Spieltechnik von Ottensamer auch mit dem Orchesterton zur absoluten Schönheit wird.

Oratorium wird zur Ereignisdichte

Bestimmt war „Christus am Ölberge“ für die Karwoche 1803, doch die bekannte Ölberg – Episode mit dem Gebet Jesu im Garten Gethsemane, sowie dessen Gefangennahme wurde mit Befremden wahrgenommen, allein schon wegen der Christus – Figur die zu theatralisch war, während dem Petrus (Bass) und dem Seraph (Sopran) das eingewilligt wurde. Beethoven hat es in nur „14 Tagen zwischen allem möglichen Tumult und ängstlichen Lebensereignissen“ geschrieben, jedoch, heute fast vergessen, gehörte diese Passion(?) zu den meistaufgeführten.

Der hanebüchene Text wird mit  Exzellenz vorgetragen, wenn der Tenor Benjamin Bruns, der Bass Hennig von Schulman und die Sopranistin Simona Šaturová – sie berührt mehr als ihre Partner - die Geschichte musikalisch einfärben, die aber der Chor etwa mit  schleichender Lust: „wir haben ihn gesehen“, blendend einfängt.

Fantastische Geigerin Isabelle Faust

Vorausgesetzt, dass die „Rosenkranzsonaten“ von Heinrich Ignaz Biber zum Schönsten der Violin – Literatur überhaupt gehören, und dass die auch noch von vier Bach – Sonaten eingebettet sind, darf hier schlicht von einem Wunder an Interpretation berichtet werden. Denn wenn die Weltgeigerin Isabelle Faust, Kirstin von der Goltz mit dem Cello und Kristian Bezuidenhout am Cembalo und an der Orgel spielen, dann ist die schönste kammermusikalische Anrufung an die Passion.

Bibers Rosenkranzsonaten „Christus am Ölberg“ (eine tolle Vorgabe zu Beethoven) „Die Kreuztragung“, „Die Himmelfahrt Christi“ „Die Sendung des Heiligen Geistes“, alle mit Basso continuo Begleitung, erfahren durch Isabelle Faust, die gleich drei Geigen verschiedenartig stimmen muss, einen hypersensiblen Eintritt in die Passions – Welt.

Denn abgesehen von berückenden Phrasierungen wird der leidende Geist, werden die Schmerzen zur kontrapunktischen Tröstung, die durch die Bach – Sonaten (BWV 1014, 1016, 1019 1021) das Letztgültige, ja den Lebensmut beschreiten. Doch es ist so wehmütig, dass diese überragenden Musiker nicht alle 15 „Rosenkranzsonaten“ spielen, denn auch wenn die mehrere Stunden dauern, wäre es höchst Zeit, endlich einmal ALLE zu hören!

C. F. Pichler aus Salzburg

stol