Sonntag, 31. Juli 2016

Salzburger Festspiele: Premiere „Cosi fan tutte“

Wenn die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner, bestehend aus den vier Opern: „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ das zentrale Musiktheater für Bayreuth ist, so gilt das für die Mozart – Da Ponte Trilogie mit „Figaro“ „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ – bei den Salzburger Festspielen.

Angela Brower und Julia Kleiter. - Foto: Ruth Waltz
Angela Brower und Julia Kleiter. - Foto: Ruth Waltz

Auch in diesem Jahr wird es wieder den ganzen Mozart Da Ponte-Zyklus geben, der eben mit der Premiere von „Cosi fan tutte“ seinen Beginn in der Felsenreitschule  hat. Der magische Ort mit den herrlichen Arkaden, ist schon seit über neun Jahrzehnten sehr beliebt für bedeutsame Operninszenierungen, doch für das Dramma Giocoso „Cosi fan tutte“ wird das in sowohl in der szenischen, als auch in der musikalischen Durchgestaltung zu einem Problem, wenn wir nun zum ersten Mal diese absolute Mozart’sche Meisterwerk auf der riesen Bühne erleben.

Der künstlerische Leiter Sven Eric Bechtolf, der die ganze Trilogie inszeniert, zeigt im selbstentworfenen Bühnenbild, das eigentlich nur aus farblich hässlich gemalten Versatzstücken besteht, ein überbordendes Buffa-Spiel, mit einer durch und durch inszenierten aufgesetzten Komik, die durch ein oberflächliches alles Ausspielen, vor allem durch die Männer, zu einer Blödelei wird, die heute wirklich nicht mehr für ein so aufklärendes Stück um einen frivolen Partnertausch taugt.

Mozarts "Così fan tutte" gehört zu den besonderen Momenten in Salzburg. - Foto: Ruth Waltz

Bei Bechtolf wird alles in sezierter anatomischer Form, ja beiläufig ausgespielt, ohne das sich die von Mozart und Da Ponte so ungemein starken Charaktere entwickeln. Schon in der Ouvertüre wird durch Don Alfonso, einem alten Philosophen, der Handlungsgang vorweggenommen, wen dieser als Capo-Comico, das ist nicht neu, sein Spiel rund um der breiten Naturbühne inszeniert. 

„Cosi fan tutte“ von W. A. Mozart, ist vielleicht die brutalste Oper, die durch das Freiheitsschwebende der Musik fasziniert, weil sie zur Enklave des Betrugs wird.    

Alles entwickelt sich aus einer verratenen Frauenliebe, die von einem stupiden Männerterzett aus Langeweile, oder aus unerklärlichem Übermut in eine Verwechslungskomödie  ausartet, wo am Ende alle sich fragen müssen, wie es zu dieser scheußlichen Lebensbedrohlichkeit kommen konnte, wenn alle in eine bodenlose Leere gucken, die freilich von Mozart unsterblich in Musik aufsegmentiert wird. Es sollte ein frivoler Partnertausch werden, der von dem alten, aber blitzgescheiten Voyeur Don Alfonso angezettelt wird, um zu beweisen, dass verliebte Frauen nie treu sind. Der geniale Dichter Lorenzo da Ponte hat diese Weltgeschichte selbst gedichtet, jedoch ist das Vielfach Angenommene, das es sich um seine Realstorry im Sinne des damals feudalen Wiens handelt, fraglich.

Da Ponte hat seine Dichtung wohl auch aus dieser Perspektive geschrieben, aber ausschlaggebend waren die Metamorphosen von Ovid, wo von der Treueprobe erzählt wird und Orlando furioso von Ariosto, von dem die Namen der weiblichen Figuren abgeleitet sind. Die Protagonisten  Dorabella, die Ferrando liebt, während ihre Schwester Fiordiligi, Guglielmo liebt, erfahren durch den gelogenen Abschied ihrer Geliebten in den Krieg zu ziehen, ein Spiel von verwechselnden Exzessen, die wie eine verwirrende Endzeit anmuten. Kein Geringerer als Richard Strauss sagte: „Die Fabel ist an sich nicht besonders geistreich“, und?

Er irrte, weil er alles mit dem Blick auf das Ancien Regime deutete, nicht das Gegenwärtige.  Die Innere Spannweite der Oper und die realistische Unglaubwürdigkeit der Handlung, hängen innig zusammen, denn Mozart ist ein Meister auch der genialen Parodie

Mozart hat in diesem Meisterwerk 12 Solonummern und 18 Ensembles geschrieben, also weit mehr als bei „Le Nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ 

Diese Anmerkung ist deshalb gewichtig, weil zum Beispiel beim Abschied der Männer ein unglaublich ergreifendes, sehr langes Addio zu hören ist, ehe die verkleideten Halunken mit schmallippiger Intelligenz, die Frauen verführen. Es ist am Ende der Geschichte geradezu ein Hohn, das sowohl Fiordiligi, wie Dorabella niederknien und um Vergebung bitten, was eigentlich die schamlosen Männer tun sollten, die in der Lüge Delinquenten und nicht Richter sind.

Julia Kleiter und Angela Brower in der Felsenreitschule. - Foto: Ruth Waltz

Es ist ja der ewige Frauenwunsch glücklich zu sein, und das zeigt hier das unvergleichliche Musiktheater von Mozart, denn Fiordiligi und Dorabella sind Heldinnen, die durch fast suizidale Abgründe letztlich gewinnen, wie auch Pamina, die in Zauberflöte die eigentliche Hauptperson, die Heroine schlechthin ist, weil sie die freimauerisch dominierte Männergesellschaft aufbricht, in dem sie und nur sie ihren Geliebten Tamino durch die Feuer – und Wasserproben führt.  Das zeigt eben auch im Falle der „Cosi“, das Männer wie Ferrando und Guglielmo dämlich und dumm sind, denn je mehr sich das Spiel des Partnertausches vollzieht, desto irritierter und böser reagieren sie, auch wenn gleichzeitig die Mädchen im Nichts versinken. Aber diese Parameter bleiben in dieser überaus oberflächlichen Lesart des Komischen der Inszenierung in der stupiden Peripherie

Diese „Cosi fan tutte“ wird durch die sehr guten Sänger, dem Orchester des Mozarteum unter dem Dirigenten Ottavio Dantone trotzdem, aber „nur“ zur musikalischen Ereignisdichte

Zunächst zum Dirigenten Ottavio Dantone, der mit breitangelegter  Ausformulierung  nicht gerade einen vollendeten Mozart interpretiert, wobei er mit höchstmusikalischer  Aufmerksamkeit die Sänger durch dieses Labyrinth der Unvernunft führt. Mit unglaublicher Stimmschönheit und vokaler italienischer Parlando-Präsenz, ist Michael Volle ein fantastischer Alfonso, kaum schöner singt je die „aura amorosa“ Arie wie der Tenor Mauro Peter, Ferrando, während der allzu quirlige Alessio Arduini mit der ihm aufgezwungen Dauerplödelei auch stimmlich als Guglielmo mittelmäßig bleibt.

Mit viel intimer Anmut singt Julis Kleiter, Sopran, im schönsten Italienisch – etwas undramatisch – die Fiordiligi, und nicht minder bringt sich Dorabella, Angela Brower, Mezzo, als schwesterliches Pendant ein, was bei beiden in den genialen Concertati zu Offenbarung wird, zu der auch die Despina von Martina Janková als „leggero“ Sopran zählt, wenn sie ganz im Stile der neapolitanischen Buffa – Tradition singt, während sie mit der inszenatorisch überaus aufgesetzten Komik fast nicht  zu ertragen ist. Wenn letztlich aber Don Alfonso sagt: „Tutti accusan le donne, ma io gli scuso“, dann ist das eine Hommage an die Musik, an die unersetzlichen Mozart-Frauen  und nicht für eine entgegengebürstete Szenerie, die wohl eine der schönsten Frauenopern verkasperlt! 

Spannung auf „Le nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ in Kürze ist angesagt, doch derweil ist für „Die Liebe der Danae“, der letzten Oper von Richard Strauss, überhaupt alles im ganzen Festspielbezirk in größter Spannungs/Erwartung, von der wir natürlich berichten werden.

C. F. Pichler aus Salzburg

stol