Montag, 25. Juli 2016

Salzburger Festspiele: Rabl-Stadler eröffnet „Ouverture Spirituelle“

Für die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ist „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn nunmehr seit 2012 ein alljährliches Ritual, wenn einige Tage vor der offiziellen Eröffnung der Festspiele Salzburg: „Die Schöpfung, als Beginn von hoffentlich schöpferischen Tagen gilt, die wir bis Ende August mit 192 Aufführungen erfahren werden!“

Foto: C.F. Pichler
Foto: C.F. Pichler

Die musikalische Besinnlichkeit der „Schöpfung“ spendet  außergewöhnlichen Trost, wenn das  Chamber Orchestra of Europe mit dem überragenden Chor des Bayerischen Rundfunks den Schöpfungsgedanken als freie Zeitachse interpretieren. Unter der sublimen Leitung des jungen kanadischen Dirigenten Yannick Nézet – Ségiun erleben wir  bei den herrlichen Chorpassagen eine einzigartige Aufgipfelung, wenn der Mensch als Gestalter der Freiheit  wird, weil der  Chor – wie immer herausragend einstudiert von Peter Dijkstra – aus  dem geistlichen Hintergrund heraus, die Sprache des Oratoriums  mit Natur des  Seins vergegenwärtigt. Das Gottesbild wird zur poetischen Methapher des menschlichen Ebenbildes, vor allem in der unvergleichlichen Harmonik, Rhythmik und Harmonik, die von Haydn als idyllisches – archaisches Bild in herrlicher Tonmalerei vorgegeben wird, die von den orchesterbegleiteten Stimmungen zu schönstem Ausdruck mutieren.

Ist die berühmteste Stelle: „Es werde Licht!“ eine Methapher der Aufklärung?

Die Frage ist zu bejahen, denn wenn der Chor aus dem  dunklen Urchaos  heraus sich im Lichte währt, dann kann das hier als letztgültige Aufklärung verstanden werden, denn nur ein einziges Mal erklingt diese Stelle, die Haydn mit den simpelsten kompositorischen Mitteln, nämlich mit einem Tonartwechsel zur höchsten Dramatik treibt, die sich wohl bei jedem „betrachtenden“ Hörer eine unvergessliche Wirkung erzielt. Es ist eine Befreiung von der Dunkelheit,  ein wundervoller Moment, aber der Übergang in  Welt der Verantwortung. Diese Gestaltungssphäre wird durch die Solisten zur Verkündigung der aufblühenden Landschaft und Natur. Haydn hat in diesem  Oratoriums  durch den Text von Gottfried von Swieten, insofern wieder eine sonderbare Aufklärung gemacht, weil er  bei allen religiösen Lobpreisungen Sündenfall und  Erbschuld  ausgespart hat, was der katholischen Lehre widerspricht, auch weil im Schlussteil eindeutig freimaurerisches Gedankengut ohne Erbsünde vorkommt: „Das Wunderbarste in aller Welt, indem durch ordentliche, methodische, ausgemachte Kunstmittel ein – Chaos hervorgebracht ist, das die Empfindung einer bodenlosen Unordnung zu einer Empfindung des Vergnügens macht“, so würdigte Goethe die Schöpfung, wobei er als Freimaurer wohl den singspielhaften naiven Schlussteil mit Adam und Eva besonders lobte.  Hingegen tadelte Schiller, der an einer Aufführung der ‚Schöpfung‘ „wenig Freude hatte, weil sie ein charakterloser Mischmasch ist!“

„Mit Staunen sieht das Wunderwerk, der Himmelsbürger frohe Schar“

So betrachtet Gabriel gemeinsam mit den Chorleuten nun nicht nur die (neue) Welt sondern auch den neuen musikalischen von Haydn. Hanna – Elisabeth Müller, Sopran, singt  im Chor – Dialog mit strahlender, in den Höhen etwas forcierter Stimme und sie reüssiert auch in den rezitativischen Naturschilderungen. Werner Güra, Tenor, scheint, singt die wichtigen Rezitative mit wenig Dramatik und auch bei den Arien klingt er durch ein fast unhörbares Piano allzu in Rücknahme, während der kanadische Bass Gerald Finley mit fantastischer Stilsicherheit die Ausnahme ist. Trotz wackeliger Einsätze und manch verschwommenen Klangattitüden glänzt das Orchester und überall brilliert selbstverständlich der Chor.

Die geistliche Musik der ostkirchliche Christen wird während der „Ouverture Spirituelle“ zum Mittelpunkt. Die Politik aber verhindert künstlerische Aspekte.   

Mit fünf Konzerten werden die Ostkirchen zur musikalischen Vielfalt, wobei die menschliche Stimme im Mittelpunkt steht: „In einigen Ostkirchen, wie etwa in jenen Ägyptens und Äthiopiens werden vereinzelt Instrumente verwendet, aber  auch nur jene die in Psalmen erwähnt werden“ sagt Dieter Winkler, Professor für Patristik und Kirchengeschichte von der verwirrenden Vielfalt der Ostkirchen, die wir am ehesten mit der griechischen oder russisch – orthodoxen Kirche assoziieren. Die Überwindung dieser Grenzen und Integration ist sehr schwierig, ja sogar so sehr, dass  unmöglich gewesen ist, Visa für zwei junge koptische Chorsänger aus Ägypten zu bekommen, weil sie keine Festanstellung nachweisen konnten und weil sie nicht verheiratet sind. Konzertchef Florian Wiegand bedauert, dass nicht der künstlerische Aspekt, wohl aber der politische im Vordergrund steht. Ein syrischer Chor aus Aleppo war im Programm, doch der Chorleiter lebt nun in  Schweden. Aber,  es wäre nicht Salzburg, wenn mit dem Chor der staatlichen Kapelle St. Peterburg unter dem Leiter Vladislav Chernushenko erstens die Kollegienkirche total überfüllt ist, weil die Sehnsucht nach Religion und Spiritualität gerade jetzt aufblüht, dann hören wir exzellente orthodoxe  a Cappella Chormusik in kirchenslawischer  altrussischer Sprache als liturgische Form, ohne Instrumente logisch, die ja bis heute fast ausnahmslos verboten ist. Die Reise beginnt mit Werken vor einem halben Jahrtausend bis zu Gegenwart und endet mit der Erkenntnis von gemeinsamer Symbolkraft.  

Noch vor der „Ouverture Spirituelle“ eröffnet die Präsidentin Helga Rabl-Stadler die Ausstellung „Kostümabstraktionen“ der Meraner Weltkünstlerin Frida Parmeggiani.

 

Eine besondere Achtung gilt natürlich der Ausstellung „Kostümabstraktionen“  von Frida Parmeggiani, die am 21. Juli von keiner Geringeren als der Festspielpräsidentin sozusagen als erste  „Festspiel/Handlung“ eröffnet wurde: „Frida Parmeggiani geniest bei den Salzburger Festspielen den Ruf einer kompromisslosen Künstlerin, bis ins kleinste Detail ihre Kreationen in unseren Werkstätten mit verfolgte. Das haben mir die ehemaligen Ausstattungsleiter berichtet!“  Für Salzburg hat Frida Parmeggiani mit „Mitridate“ (Mozart), „Erwartung“ (Schönberg) „Herzog Blaubarts Burg“  „Dantons Tod“ (Büchner) und mit „Pelléas et Melisande“  Geschichte geschrieben. Anwesend war auch der legendäre ehemalige Ausstattungsleiter Imre Vincze, sowie viele Künstler und Besucher  aus Salzburg   Zur Eröffnung sind naturgemäß zahlreiche Besucher aus Meran und Südtiroler gekommen und  selbstverständlich auch Bürgermeister Paul Rösch,  der  seine Reverenz an Frida Parmeggiani kundtat. Die Interimsrektorin der Uni Mozarteum Birgit Hütter erfreute sich über die Meraner Zusammenarbeit und betonte gleichzeitig glücklich zu sein, dass Studenten in die Ausstellung eingebunden seien. Durch die Ausstellung begleitete mit viel Sensibilität die Projektleiterin Ursula Schnitzer, die maßgeblich auch für einen herrlichen, dreisprachigen Ausstellungskatalog (Schlebrügge.Editor Wien) verantwortlich ist, den jeder lesen sollte. Für die wirklich vielen Südtiroler Besucher während der Salzburger Festspiele, gilt es also in den Mirabellgarten zu gehen um im Barockmuseum, Museums – und Zwergelgarten – Pavillon vom Mo – Freitag 14 – 18 Uhr bis 2. September  eine besonders schöne Welt zu erleben.  

C. F. Pichler aus Salzburg

stol