Samstag, 06. August 2016

Salzburger Festspiele: Umjubelter „Don Giovanni“ von Mozart

Nach der vor allem szenisch verunglückten „Cosi fan tutte“ in der dafür nicht unbedingt (akustisch) geeigneten Felsenreitschule, zeigt sich nun im Haus für Mozart die Neueinstudierung des „Don Giovanni“, von Mozart natürlich, auch szenisch als umjubeltes Theater, das auch musikalisch eine exzellente Endbestimmung findet.

Luca Pisaroni als Leporello und Ildebrando D'Arcangelo als Don Giovanni. - Foto: Ruth Walz
Luca Pisaroni als Leporello und Ildebrando D'Arcangelo als Don Giovanni. - Foto: Ruth Walz

Wer immer auch die unvergleichliche Mozart-Trilogie „Le Nozze di Figaro“ , „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ sieht oder musikalisch erlebt, der kommt nicht umhin, die kongenialen Dichtungen mit zu empfinden, die durch Lorenzo Da Ponte zum unsterblichen Weltkulturgut geworden sind.

Während beim „Figaro“ (Premiere am 16. August) das Welttheater der Liebe mit all seiner ungeschliffenen Komik, ja mit gleichzeitig amoralischer Tragik, sich ein wahres (Musik-) Wunder vollzieht, ist „Don Giovanni“ für viele Dichter, Komponisten oder Philosophen die Oper schlechthin.

Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Ausschweifungen des libertinhaften Titelhelden ganz im Sinne von Sören Kierkegaard von Begierde zu Begierde taumeln. Bei Kierkegaard ist Don Giovanni nämlich das Leitbild eines Verführers, dessen moderne Kunst darin besteht, dass die dämonische Kraft sich erst innerhalb des Christentums zu höchstem Raffinement entwickelt habe, die sich nach Adorno in der Meisterschaft der Musik deduziert, mit der Don Giovanni freilich mit höllischem Feuer, dass ihn am Ende verschlingt, alle Tabugrenzen versprengt.

Nicht von ungefähr beginnt die Ouvertüre in der Trauer-Tonart D-moll, denn dieses „Dramma giocoso“ findet an vielen Stellen mit den geschichteten Themen gerade bei der Höllenfahrt einen opern-historisch unvergleichlichen Augenblick, der sich allerdings schon ankündigt, wenn Don Giovanni dem steinerneren Gast – der ja der von ihm ermordete Commendatore ist – die Türe öffnet.

Sven-Eric Bechtolf inszeniert diese Oper aller Opern in einem Stundenhotel der 1920er Jahre, mit dem Gespür der brisanten Zweideutigkeit

Nein, dieses Mal spielt der „Don Giovanni“ nicht wie „Cosi fan tutte“ in der Zeit der Entstehung, sondern in jener Zeit, als die Salzburger Festspiele gegründet wurden, nämlich um 1920. Zwar verzichtet der Regisseur Bechtolf, bei guter Personenführung, auf kriminologischem Spürsinn bei der ablaufenden nächtlichen Handlung, doch er verfolgt das Leitbild der Verführung, indem er, ja als selbst grandioser Schauspieler, den Sängern, Chor und Pantomimen einen tragisch-komischen Duktus auferlegt.

Es gibt viele Personen, die da während der nächtlichen Sause über die Treppen wandeln und sich hinter den zahlreichen Türen verstecken, oder fast surrealistisch wieder auftauchen, während der herrschaftliche Don Giovanni allgegenwärtig seinen Hotelsalon beherrscht.

Alain Coulombe als Geist des Commendatore und Ildebrando D'Arcangelo als Don Giovanni - Foto: Ruth Walz

Ein Missverständnis, das ja leider immer wieder ausgeblendet wird, ist nämlich, dass Don Giovanni erstens ein Mörder ist, weil er gleich am Beginn den Commendatore tötet, nachdem er dessen Tochter Donna Anna im Dunkel vergewaltigen will, ehe der Commendatore dazwischen funkt.

Mozart hat übrigens den tödlichen Stoß genau komponiert und Bechtolf macht daraus eine markante, sehr gute Szene, denn zunächst verfolgt die Donna Anna den Don Giovanni mit einem Dolch, aber als der Commendatore dazwischen steht, wird er in verwirrender Art mit diesem Dolch von Annas und Giovannis Hände getötet. Da kann die Anna dann plärren so viel sie will, denn schließlich ist es ihre Mordwaffe, die tötet. Ein blendender Einfall!

In Bühnenbild und Kostümen von Rolf und Marianne Glittenberg hat niemand die Gewissheit der letztgültigen Zugehörigkeit

Stilistisch und eigentlich ohne ästhetischen Vorbehalt spielt sich in der Ausstattung von Rolf und Marianne Glittenberg die Harmonie des nächtlichen Sonderspiels, das bei oft zu sehr eingedunkeltem Licht vor allem die fahlen Farben der Kleider und Kostüme in der handelnden Ansicht beschränkt.

Bechtolf ist ja ein Regisseur, der sowohl mit den Requisiten als auch mit den Gewändern, so wie es sich gehört, samt allen Facetten durch die Handlung führt, freilich auch mit manch unnötiger Übertreibung, wenn mit popowackelnd getänzelt wird, was diese Weltmusik gar nicht nötig hat.

Sänger tendieren ja gerade bei aufgesetzter Komik zur Übertreibung, anders als Theaterschauspieler die naturgemäß darstellerisch auf weit höherem Niveau agieren. Doch im Verlauf des Stückes gelingt den Sängern eine Selbstdarstellung der Figuren mit dem überragenden Elan der Musik, die zur offenbarenden Glaubensgewissheit wird.

„Don Giovanni“ hat ja im Gegensatz zu „Le nozze di Figaro“ besonders im zweiten Akt keine zentrierte Handlung und interessanterweise spricht zwar Leporello in der Registerarie von tausenden Frauen die der Don verführt hat – alle praktisch, außer Jungfrauen – doch in der Oper selbst ist nur das Duett: „La ci darem la mano“ mit Zerlina als einzige Verführungskunst verbürgt.

Alle, fast alle, Sänger fungieren mit darstellerischer und musikalischer Brillanz, als imitatorische und periodische Beobachter des Mozart‘schen Weltenkosmos

Nun mal der Reihe nach. Ildebrando D’Archangelo ist mit seiner eigentlich südländischen-kleinen Gestalt ein Blender von Graden, der wie ein Macho-Schlingel alle betört, wenn er im Dauereinsatz alles seiner Verhaltenheit preisgibt.

Er singt mit der Aura des Belcanto, jedoch mozartisch präzise, wären da nicht die Secco-Rezitative, die durch und durch, übrigens bei allen anderen auch, manieriert und langweilig sind. Alain Coulombe ist ein profunder, sehr guter Commendatore, während seine Tochter Donna Anna, Carmela Remigio, mit ihrem eigentlich schönen Sopran doch mit etwas viel Vibrato reüssiert, was bei Layla Claire als Donna Elvira nicht der Fall ist, denn die singt und spielt mit bewundernder Hingebung und sehr feiner Stimmführung, die wir auch vom ausgezeichneten jungen Tenor Paolo Fanale, Don Ottavio, vernehmen, der etwa „Dalla sua pace“ kultiviert und feinsinnig singt.

Don Giovanni (Ildebrando D'Arcangelo) und Donna Elvira (Layla Claire). - Foto: Ruth Walz

Obwohl das Publikum wie jeden Leporello auch Luca Pisaroni feiert, ist mir seine Art der manierierten und schleppenden Übertreibung nicht ganz geheuer, auch weil er bei den wichtigen Parlandi bei weitem nicht so gut ist wie sein Herr Don Giovanni.

Da ist der noch sehr junge Jurii Samoilov als Masetto mit seiner feinkultivierten Gesangslage bedeutungsvoller und: der wird garantiert ein sehr guter Leporello. Dann, aber nicht zuletzt, ist die Moldawierin Valentina Nafornita wohl die beste Zerlina überhaupt. Wie die singt und spielt, wie die sich bewegt mit ihrer bewundernswerten femininen Schönheit, die nicht nur Männerherzen öffnet, das zeigt, wie uns Mozart umarmt.

Die Wiener Philharmoniker zelebrieren einen beachtlichen Mozart mit dem Dirigenten Alain Altinoglu

Wie sich (Mozart) Zeiten ändern, zeigen uns auch die Wiener Philharmoniker und der Philharmonia Chor, wenn sie unter dem noch sehr jungen Dirigenten, der hier sein beachtliches Debut feiert, treffen. Zwar spielen und singen sie an vielen Stellen einen etwas zu exponierten Mozart, doch die singenden Holzbläser mit ihren auf- und abfallenden Sequenzen sind wie gesungene Tönen, die sich mit viel Implosion auf manche Singstimme übertragen, sofern diese darauf hören.

Nur bei den Mozart lebenswichtigen Rezitativen klingt das Hammerklavier-Continuo verloren wie musikalisches Zwergobst. Insgesamt jedoch ist dieser „Don Giovanni“, der noch bis zum 29. August auf den Festspielprogramm steht, ein weiteres Opernereignis.

C. F. Pichler aus Salzburg  

stol