Montag, 10. August 2015

Salzburger Festspiele: Verdis „Il Trovatore“ mit Superdiva Anna Netrebko

Es ist die verworrenste Handlung, die es wahrscheinlich in der Operngeschichte gibt, aber durch die fordernde Musik wird „Il Trovatore“ von Verdi zum unwiderstehlichen Reiz der alle Empfindungsparameter sprengt. Der legendäre Tenor Enrico Caruso sagte einmal, dass es beim „Trovatore“ letztlich nur die vier der besten Sänger der Welt brauche, um diese Oper auf der Bühne zu erzählen. Nun in Salzburg ist Anna Netrebko als Leonora konkurrenzlos eine überragende Ausnahme-Diva, wobei die Ekaterina Semenchuk mit ihrem herrlich dunkel timbriertem Mezzo als Azucena die ausnahmslose Begeisterung doppelt.

Leonora gesungen von Anna Netrebko - Foto: SF Foster
Leonora gesungen von Anna Netrebko - Foto: SF Foster

Obwohl sich die Geschichte der Oper historisch fast bis auf den Tag genau um 1404 rekonstruieren lässt, strotzt die Handlung durch das Libretto von Salvatore Cammarano von abgrundtiefen Unsinnigkeiten, denn die schlichte Erzählweise von menschlich-dramatischen Geschichten steht in größter Disproportionalität zur Musik von Verdi. Es geht um zwei feudale Männer die sich ein blutrünstiges Ränkespiel mit tödlichem Ausgang liefern, ohne zu wissen, dass sie eigentlich Brüder sind.

Dem gegenüber verknüpft sich das Schicksalhafte die von zwei starken Frauen, die sich in den gespaltenen Charakteren der Zigeunerin Azucena und in der noblen aragonischen Hofdame Leonora als emotionale Extremsituationen substanzieren. Der Conte di Luna erfährt von der Zigeunerin Azucena, dass sein vermeintlicher Gegner Manrico (wie auch Leonora) längst tot ist. Wenn letztlich Azucena und Luna überleben, dann weiß natürlich niemand, wie lange überhaupt noch, denn Verdi hatte dazu, wohlweislich und wahrscheinlich auf die hanebüchene Handlung bezogen, seine Antwort gegeben: „Der wichtigste Teil des Dramas verbirgt sich hinter einem Wort: Vendetta“! Das heißt zusammenfasst, dass Leonora nur um der Liebe willen den Freitod wählt, während die Zigeunerin Azucena, deren Rachesucht das Drama auslöst, überlebt, wobei der übereifersüchtige Manrico Leonora der Untreue bezichtigt und der Conte di Luna in Unkenntnis von Hass und Rache getrieben seinen Bruder tötet.

Für Alvis Hermanis ist es unvorstellbar, die Handlung aus dem Historischen zu lösen, daher verlegt er sie in ein Museum 

„Unsere Inszenierung beginnt am Ende eines Tages in einem nicht näher lokalisierten Museum. Mit Ausnahme von Manrico sind alle Personen in diesem Museum angestellt. Wir erleben sie zunächst bei ihrem Tagwerk, bis das Museum geschlossen wird und die Nacht hereinbricht!“ Wenn Hermanis hier zwischen und mit den zahlreichen und überaus bekannten Gemälden des Cinquecento eine zeitmaschinenartige Handlung erzählt, so ist das zunächst eine ästhetisch fokussierte, emotionale Geschichte wo die eigentliche Handlung, wie bei Verdi, keine übergeordnete Rolle spielt.

Aus der visuellen Betrachtung entsteht freilich ein äußerst statisches Operntheater, dass Hermanis sehr geschickt und trickreich an der Rampe vorführt, was wiederum den Sängern (leider) auch die Möglichkeit gibt sich mit antiquierten Gesten auszutoben. Nur selten gibt es – zum Beispiel mit dem Chor – ein bühnenübergreifendes, durchchoreographiertes Theater, obwohl der Wechsel von den Alltagskleidern in die historischen Kostüme – die sich mit den Bildern handelnd assoziieren – durch seichte Lichtatmosphären eine temporäre Spannung erzeugt. Dass aber die historischen Kostüme in keiner Weise die Farbenperspektive mit dem Betrachten der Bilder zu einer Einheit zusammenfügt ist ein Manko, weil doch viel Opernklischees umherwandern, oder stehen!

Anna Netrebko singt und spielt die Leonora mit nie dagewesener unübertrefflicher Leidenschaft

Kein Zweifel, Anna Netrebko ist nicht nur die beste, mittlerweile hochdramatische Sängerin der Gegenwart, sondern wegen ihrer musikszenischen Einzigartigkeit und vokalen Technik die vielleicht größte Sängerin aller Zeiten. Sie singt von Anbeginn mit unglaublicher, also mit ungewöhnlicher weiblicher Intensität einen fabelhaften Verdi, so mächtig strahlend, wie es nur eine Super Diva, die sie unbedingt ist, kann. Anders als sonst beginnt sie schon bei der ersten Arie „Tacea la notte placida“ mit vollausgesungener Stimme ohne überflüssig und falsch Geziertem mit konkurrenzloser Tessitura, die nunmehr in der Tiefe ein erschreckend schönes, dunkles Timbre hat.

 

Leonora, gesungen von Anna Netrebko, kurz vor ihrem Tod - Foto: SF Foster

 

Das war vor einem Jahr noch lange nicht so überirdisch! Doch dieses Kunstkraftwerk strahlt ja nicht nur  seine sublime Aura in Rezitativen und Arien aus, sondern auch in den Ensembles, wo sie mit dem Chor oder mit den anderen Solisten als Totalfordernde alle mitreist, wie ihre Diva-Schwester Cecilia Bartoli (anders Fach logisch) in der „Norma“. Alles entspringt aus tiefster Sehnsucht, wenn Anna Netrebko im romantisch blauen Kostüm auftritt, sich in eine historische Bronzino-Dame umkleidet, um wieder am Ende händedrückend auf den Lautenspieler (Bild) von Giovanni Cariani-Busi im Gegenwartkostüm, dann auch noch über alles hinauswachsend hymnisch verklärend mit tollsten Phrasierungen, ja mit einer ab– und aufgeladenen superben Legatokultur die schwere Arie „D‘ amor sull‘ ali rosee“ singt.

Neben der Netrebko ist  Ekaterina Semenchuk eine Wunder „Azucena“   

 

Überragende Azucena Ekaterina Semenchuk - Foto: SF Foster

 

Es gibt wohl keine sinnesverwirrtere Rachefrau bei Verdi als die Zigeunerin Azucena, noch dazu wenn sie so überragend dargestellt und naturgemäß gesungen wird, wie von Ekaterina Semenchuk. Furchterregend mit fantastischem Tiefentimbre ist sie zunächst eine resolute gestrenge Museumwärterin, bis dann bei der fantastisch gesungen „Stride la vampa“ das Schicksalbestimmende wie ein traumatisierendes Feuer lodert. 

Was hier so furchterregend erzählt wird, summiert sich ebenfalls zu stimmlichen Parametern, die im Mezzo-Gesang einer Sternstunde gleichkommen. War Frau Semenchuk vor zwei Jahren hier eine sehr gute Eboli (Don Carlo/Verdi) so ist ihre Azucena ein leiterhaftes Hinaufklettern ins  traumgesteuerte Singen. Das verfeindete männliche Geschwisterpaar ist auch sehr gut, doch es kommt nicht an das alles überragende Frauenpaar Netrebko/Semenchuk heran.  

Der Manrico des noch sehr jungen Italieners Francesco Meli hat viele schöne Momente, aber gerade in der Stretta „Di quella pira“ ist die Stimme in der Höhe doch etwas zu dünn, dann stört ja auch seine unerträgliche Operngestik, wenn er bei jeder Phrase die Hände spreizt und handlungsabwesend an der Rampe einfach „vorsingt!“ Der Pole Artur Rucinski überzeugt als Conte di Luna zunächst mit seiner noblen Baritonstimme, die weitaus besser und durchdringender ist als Placido Domingo, von dem er  die Rolle übernommen hat.

Doch auch er stolziert, manchmal sogar stimmforcierend,  wie ein fremder Solitär über die Bühne. Nun Hermanis hat gerade die Männercharaktere nicht psychologisch inszeniert. Diana Haller ist eine sehr gute Ines, genauso wie der Bass Adrian Sâmpetrean als wundervoller Ferrando, der am Beginn die Handlung in Gang setzt. Wien immer ist der Wienerstaatsopernchor ein Klasse für sich. Die Musikalische Leitung von Gianandrea Noseda ist ausgezeichnet, wenn er mit dem „Festspiel“ Orchester Wiener Philharmoniker, dem besten der Welt, einen hervorragenden, ja herrlich durchwegs leidenschaftlichen Verdi serviert. Noseda und Anna Netrebko verbindet ja eine große musikalische Freundschaft, die sich übrigens bei diesem „Wunder – Trovatore“ noch ausweitet, weil Noseda mit herrlicher Zeichengebung den atemberaubenden Gesang der Netrebko mitfühlt, wie übrigens auch bei den anderen Solisten. Große Oper und naturgemäß: Standing Ovations!

C. F. Pichler aus Salzburg

stol