Dienstag, 04. August 2015

Salzburger Festspiele: Wunder-„Norma“ mit Cecilia Bartoli

Wohl kaum dreht sich bei einer Oper die Gefühlsspirale so durchgehend, ja in ständig ungebremster Leidenschaft, wie bei der „Norma“ von Vincenzo Bellini. Wer die verbotene Liebe zwischen der gallischen Druiden-Priesterin Norma und des römischen Prokonsuls Pollione als unvergleichliches Widerstandsdrama gegen die römische Besatzung in der dramatischen musikalischen Formulierung erlebt, dem wird auch gleichzeitig eine packende Handlung serviert, die sich im wohl ergreifendsten Belcanto immer fordernd zuspitzt. Wenn diese „tragedia lirica“ dann auch noch von Cecilia Bartoli mit fabulierender Dichte dargestellt und gesungen wird, dann ist das „die“ Sternstunde der Oper schlechthin, weil das Wunder Bartoli mit seiner fordernden Persönlichkeit auch gleich alle Beteiligten zu fantastischen Höchstleitungen animiert und mitreißt.

Feurig findet die Oper Norma ihr Ende - Foto: Hans Jörg Michel
Feurig findet die Oper Norma ihr Ende - Foto: Hans Jörg Michel

Wenn sich Norma bei einer rituellen Zusammenkunft an ihr Volk wendet und einen Aufstand gegen die römischen Besatzer ablehnt, dann weist sie darauf hin, dass die Römer nicht im Krieg gegen die Gallier untergehen, sondern weil ihre dekadente Verderbtheit, trotz der militärischen Überlegenheit, ihr Untergang sein wird. Nach dem gemeinsamen Ritual, das sich in einem Gebet an die Mondgöttin richtet, gibt Norma den Befehl, nicht anzugreifen bis sie ein Zeichen gibt.

Insgeheim jedoch sehnen alle den Angriff herbei, aber die zaudernde Norma will vor allen den Römer Pollione schützen, weil sie erstens von ihm zwei Kinder und ihn beschützten will, solange er ihr treu ist. Doch Pollione ist in die angehende junge Druiden-Priesterin Adalgisa verliebt, mit dem sie, nach hin und her gerissenem Zwiespalt, nach Rom reisen will, um seine Frau zu werden. Norma kennt die Liebe von Adalgisa, doch sie weiß nicht, dass es Pollione ist.

Aber als sich das Geheimnis lüftet, verflucht sie ihn. Pollione ist aber gegen sein Liebesschicksal machtlos. Nun stehen auch die Kinder im Zentrum, die in Rom ein Sklavenschicksal erwartet. Norma will sie töten, doch in Zeichen des Krieges und nach freundlicher Fürsprache mit Adalgisa werden sie gerettet. Norma aber ruft ihr Volk zusammen und erklärt, dass eine meineidige Priesterin ihr Land verraten habe. Als die verdutzten Gallier von ihr erfahren, dass sie es selbst ist, beschließt Norma mit Pollione, der ihr seine ewige Liebe ankündet in den Flammentod zugehen nachdem alle erfahren haben, dass Pollione auch der Vater ihrer Kinder ist.

Das Regie-Duo Moishe Leiser und Patrice Caurier zeigt ein packendes, politisches Widerstandsdrama um 1940  

Ausgehend von der Prämisse, dass die „Norma“ mehr ist, als ein allergreifendes Liebesdrama, wird die Handlung in die Zeit der deutschen Besatzung des Zweiten Weltkriegs verlegt, wo sich in einer verwaisten Schule Widerstandskämpfer der Résistance treffen. Die Assoziationen zum neorealistischen Film „Roma, cittá aperta“ von Roberto Rossellini mit Anna Magnani werden bewusst zum  Vorbild der „Norma“ mit der überragenden Cecilia Bartoli, die mit jeder Faser eine bruchlinienhafte gespaltete Frau in darstellerischer Vollendung  zeigt.

Die ganze Inszenierung wird zu einem geradezu zwingenden Miterleben, weil durch die herrliche, ästhetische Ausstattung ein sich immer verdichtender Wahrnehmungseffekt bereitstellt, der sich dann durch eine wunderbare psychologische ausdifferenzierte Personenführung im höchstmusikalischen Theater aufsegmentiert. Das bedeutet vor allem, dass es der Regie gelingt, alles Opernantiquierte mit szenischer Raffinesse zu vermeiden, weil einfach gar niemand nur irgendeinen Ansatz von den großspurigen blöden Operngesten hat.

 

Die Gallier rufen “guerra, guerra” gegen die Römer - Foto: Hans Jörg Michel

Die ungebrochene Befindlichkeit eines schaurigen Kriegserlebnisses, wo sich alles Liebende von vorhinein zerstört, wird zum erzählerisch assoziierten Besatzungsdualismus Römer gegen Gallien und der Résistance gegen Fremdherrschaft, was sich in fantastischer Bellini-Musik vergegenwärtigt.

Cecilia Bartoli ist in allen musikalischen-darstellerischen Momenten DIE Wunder-Norma der Gegenwart

Was sich da auf der Bühne abspielt, ist schier unfassbar, ja überdimensional erfreulich, weil Cecilia Bartoli mit der Aura des überragenden Belcanto-Spieles eine tollkühne Heroine ist, die nicht nur das Publikum in ungebremstem Bann zieht, sondern auch alle handelnden Personen. Es ist unglaublich, mit welcher stimmlichen Überlegenheit sie die Partie mit superber Kultur gestaltet, sei es bei den langausauszusingenden Stellen, wo sie mit einem Zauberlegato vom zärtlichsten Piano ins Melodramatische wechselt.

 

Norma und Pollione - Foto: Hans Jörg Michel

Ihr Gesang verströmt quer durch die ganze Tessitura mit traumatisch eingedunkeltem Timbre und vor allem mit vollendet Koloraturgeperltem, was sich über oder unter dem Text zum bewegendsten Geschichte-Erzählen zusammenfügt. Sie erfindet die Norma neu als erschütternde Tragödin, als politisches Agitprop, als kämpfende und liebende Frau. Berührend als verzweifelte Novizin, natürlich hier als kriegsgeschädigtes Mädchen, ist Rebecca Olvera als Adalgisa auch tadellos sängerisch, während der Pollione, großartig gesungen, nie forcierend, von John Orsborn das Beklagende mit tenoralem Schmelz darstellerisch als groß-gebrochener Charakter auslebt. Auch Michele Pertusi ist als Oroveso, Vater von Norma, mit seinem profunden Bassgesang eine echt resistente Erscheinung, wie auch die schmächtige Norma-Vertraute Liliana Nikiteanu als Clotilde!

Giovanni Antonini, das „Orchestra La Scintilla“ sorgen mit dem Chor für kongeniale Einheit

Dass die „Norma“ von einem Originalklang-Ensemble gespielt wird, mag viele überraschen, die es als simples Gezirp abqualifizieren, doch Giovanni Antonini – bei und bestens bekannt – ist ein Meister der delikaten Zwischentöne, mit ausgesprochener, ja einzigartiger Affinität zur göttlichen Musik von Bellini. Vom ersten Augenblick an bis zum überwältigenden Schluss lässt Antonini eine Weihe mit der Bühne erklingen, die durch die grandiosen Künstler des „Orchestra La Scintilla“, aber auch durch den wirklich außergewöhnlich kultiviert singenden „Coro della Radiotelevisione Svizzera“ zu einem unvergesslichen Ereignis mutieren.

Die Einheit mit der Bühne ist mit kalkulierter Klangsymbiose allgegenwärtig und wundervoll von affektgeladener Schönheit, weil sie dem Publikum unsichtbar die Geschichte mit erzählt. „Es ist die beste und schönste Operninszenierung, die ich je erlebt habe“, sagte mir eine junge Dame und wichtige Mitarbeiterin der Festspiele. Dem ist nichts hinzufügen, trotzdem empfehle ich hier, entgegen meiner Gewohnheit, unbedingt die DVD dieser „Norma“. Zwar ist das direkte Erleben von Graden, weil die Singstimmen eine andere Dynamik haben, doch auf der DVD oder CD klingt alles noch besser, als in der wirklich nicht guten Akustik im „Haus für Mozart“.

Standing Ovations!  

C. F. Pichler aus Salzburg

stol