Ein Gespräch mit dem Koordinator Philipp Kieser.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069617_image" /></div> <BR /><BR /><b>Kultur ist per Definition frei. Was bedeutet bzw. was verstehen Sie dann unter „Freie Kultur“?</b><BR />Philipp Kieser: „Freie Kultur“ ist mehr als ein Schlagwort – sie ist das Rückgrat einer offenen, demokratischen Gesellschaft. In einer Zeit, in der Kultur zunehmend durch kommerzielle und institutionelle Interessen kontrolliert wird, steht freie Kultur für den ungehinderten Zugang zu Kunst und Wissen. Sie ermöglicht es Menschen, ihre Kreativität ohne die Zwänge des Marktes oder der Politik zu entfalten. Diese Form der Kultur ist unerlässlich für eine Gesellschaft, die sich durch Vielfalt, Innovation und kritische Reflexion aber auch Fragmentierung und Polarisierung auszeichnet. Freie Kultur bietet Räume für marginalisierte Stimmen und schafft Gelegenheiten für soziale Interaktion und gemeinschaftliches Engagement. In einer Welt, die immer stärker von wirtschaftlichen Interessen geprägt wird, ist es entscheidend, solche Freiräume zu bewahren und auszubauen.<BR /><BR /><b>Und wer sind in Südtirol Ihre Team-Player?</b><BR />Kieser: Die IG Freie Kultur vereint aktuell rund 30 Mitglieder (lächelt: Trendenz steigend) aus unterschiedlichsten Bereichen der Kultur- und Kreativszene: darunter das DingsDo Festival, das Gör Collective, Spazio Ama, Riot Club Culture, Basis und viele weitere. Diese Initiativen decken ein breites Spektrum ab, von Subkultur bis hin zu zeitgenössischer Kunst. Sie sind mehr als nur Akteure im Kulturbetrieb. Sie sind Träger einer Bewegung, die sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung und Kontrolle kultureller Ausdrucksformen stellt. Gerade in ländlichen Regionen, wo der Zugang zu Kultur oft eingeschränkt ist, spielen diese Mitglieder eine zentrale Rolle. Sie schaffen nicht nur kulturelle Angebote, sondern tragen auch zur sozialen Kohäsion bei, indem sie Räume für Begegnung und Austausch schaffen.<BR /><BR /><b>Schon lange setzten Sie sich für die „freie Kulturszene“ ein. Was sind jetzt, da sie in der Gruppe agieren können, Ihre nächsten Vorhaben?</b><BR />Kieser: Unsere nächsten Schritte umfassen konkrete politische Initiativen, wie den kürzlich eingereichten Beschlussantrag, über den Mitte September im Südtiroler Landtag abgestimmt werden soll. Dieser Antrag zielt darauf ab, die freie Kultur politisch zu verankern und finanzielle Fördermöglichkeiten zu sichern. Wir streben auch die Einführung eines Nachtbürgermeisters an, der sich gezielt um die Verbesserung des Nachtlebens und der Clubkultur kümmert – Aspekte, die sowohl für städtische als auch ländliche Gebiete von Bedeutung sind. Ein weiteres Projekt ist die Schaffung eines Kulturbetriebs mit Veranstaltungsraum in Bozen, der als Zentrum für die Kreativ- und Kulturwirtschaft dienen soll. Diese Vorhaben sind nicht nur Schritte zur Förderung der Kultur, sondern auch zur Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe und zur Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region.<BR /><BR /><b>Als langfristiges Ziel geben Sie an, dass Südtirol als Modellregion für freie und kreative Kultur etabliert werden soll. Die IG Freie Kultur verfolge die Vision, unabhängige Kulturinitiativen zu stärken und die kulturelle Landschaft durch soziale Innovation optimal weiterzuentwickeln. Wie stellen Sie sich das konkret vor?</b><BR />Kieser: Um Südtirol als Modellregion für freie und kreative Kultur zu etablieren, müssen wir konkrete Maßnahmen umsetzen, die über die bloße Förderung urbaner Zentren hinausgehen. Unser Ziel ist es, in der gesamten Region, einschließlich der ländlichen Gebiete, kulturelle Freiräume zu schaffen, die für alle zugänglich sind. Diese Freiräume sollen nicht nur kreative Entfaltung ermöglichen, sondern auch soziale Innovation fördern. Kulturzentren und Netzwerke, die in verschiedenen Gemeinden entstehen, können als Katalysatoren für lokale Entwicklung dienen, indem sie zur sozialen Integration beitragen und neue Arbeitsmöglichkeiten schaffen. Durch solche Initiativen wird Kultur zu einem integralen Bestandteil des Lebens in Südtirol und fördert gleichzeitig das seelische Wohlbefinden der Bevölkerung.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069620_image" /></div> <BR /><b>Sie sagen, sie wollen sich auch für die Verbesserung der Rahmenbedingungen freier Kulturarbeit in Südtirol einsetzen und möchten die Forderungen der IG Freie Kultur sowohl im Regierungsprogramm der Provinz Südtirol als auch in den städtischen und gemeindlichen Kulturämtern verankert sehen. Um so frei zu bleiben? Ein Paradoxon?</b><BR />Kieser: Es mag widersprüchlich erscheinen, politische Unterstützung für eine Bewegung zu fordern, die sich der Unabhängigkeit und Freiheit verschrieben hat. Doch um die nötigen Freiräume für kreative Entfaltung zu sichern, sind Rahmenbedingungen erforderlich, die diese Freiheit überhaupt erst ermöglichen. Politische Anerkennung und Unterstützung sind notwendig, um kulturelle Initiativen vor wirtschaftlichen und bürokratischen Zwängen zu schützen. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Kultur unabhängig von kommerziellen und politischen Einflüssen gedeihen kann. Der Zugang zu kulturellen Angeboten kann Konflikte entschärfen, Integration fördern und das Gemeinschaftsgefühl stärken – alles wesentliche Elemente für eine stabile und gerechte Gesellschaft.<BR /><BR /><b>Was konkret erwarten Sie jetzt von den Regierenden? Was sind die Forderungen an die Politik?</b><BR />Kieser: Von den Regierenden in Südtirol erwarten wir klare Unterstützung und konkrete Maßnahmen zur Förderung der freien Kultur. Wie schon gesagt, unsere Forderungen umfassen die Bereitstellung von Fördermitteln, die Schaffung günstiger rechtlicher Rahmenbedingungen und den Abbau bürokratischer Hürden, die kreative Prozesse behindern. Wir fordern die Einführung von Koordinationsstellen, die als Brücke zwischen Kulturinitiativen und politischen Entscheidungsträgern fungieren. Diese Maßnahmen sind notwendig, um die kulturelle Vielfalt zu sichern und den Beitrag der Kultur zur sozialen Integration und öffentlichen Sicherheit zu stärken.<BR /><BR /><b>Sie fordern weniger Bürokratie und einfachere Abwicklung von Entscheidungsprozessen. Gleichzeitig soll aber auch eine Koordinationsstelle geschaffen werden, um die Kulturtreibenden mit den politischen Stellen in Verbindung zu bringen, das scheint mir widersprüchlich...</b><BR />Kieser: Die Koordinationsstelle sollte eine eine Taskforce sein, die sich aus der IG Freie Kultur entwickelt. Also Menschen, die die Problematiken und Bedürfnisse der freien Kulturszene genau kennen und wissen, wo einzugreifen ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069623_image" /></div> <BR /><b>Die Gründung dieser Initiative hat auch einen sehr bedauerlichen Grund: „Die 'Freie Kultur' in Südtirol steht zunehmend unter Druck“, erklären Sie in Ihrem „Manifest“. Inwiefern?</b><BR />Kieser: Die freie Kultur in Südtirol sieht sich einer Reihe von Herausforderungen gegenüber, die ihre Existenz und Weiterentwicklung gefährden. Einerseits gibt es rechtliche und bürokratische Hürden, die es Kulturschaffenden erschweren, ihre Projekte umzusetzen. Insbesondere kleinere, unabhängige Initiativen leiden unter diesen Bedingungen, da sie oft nicht die Ressourcen haben, um diese Hindernisse zu überwinden. Andererseits fehlt es an finanzieller Unterstützung, wodurch viele innovative Projekte gar nicht erst realisiert werden können. Hinzu kommt die zunehmende Kommerzialisierung des kulturellen Raums, die nicht-profitable, aber gesellschaftlich wertvolle Projekte verdrängt. Besonders in ländlichen Gebieten, wo Kultur eine entscheidende Rolle bei der Integration und Prävention spielt, ist dieser Druck spürbar. Ohne gezielte Unterstützung durch die Politik drohen diese Regionen, kulturell zu veröden, was langfristig soziale Spannungen verschärfen und die Abwanderung verstärken könnte. Die IG Freie Kultur setzt sich deshalb dafür ein, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken und eine lebendige, vielfältige Kulturszene in ganz Südtirol zu fördern.<BR /><BR /><b>Informationen:</b><BR />Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende, Vereine und Kollektive, die sich aktiv an der Gestaltung der freien Kultur in Südtirol beteiligen wollen, können sich melden unter: vereinigungfuerfreiekultur @gmail.com<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1069626_image" /></div> <BR /><h3> Manifest der Interessensgemeinschaft für Freie Kultur</h3><BR /><b>Definition von Freier Kultur</b><BR /><BR /><BR />Freie Kultur ist mehr als nur ein Konzept – sie ist das Rückgrat einer offenen, demokratischen Gesellschaft. Unter Freier Kultur verstehen wir den freien Zugang zu kulturellen Ausdrucksformen, also die Möglichkeit, Kunst und Wissen ohne kommerzielle<BR />oder institutionelle Einschränkungen zu teilen, zu nutzen und weiterzuentwickeln. Sie steht<BR />für eine Kultur, die von Menschen für Menschen geschaffen und nicht von wirtschaftlichen<BR />oder politischen Interessen dominiert wird.<BR /><BR /><BR /><b>Ziele und Vision</b><BR /><BR /><BR />Unser Ziel ist es, eine lebendige und vernetzte Kultur in unserer Region zu fördern. Wir wollen eine Interessensgemeinschaft aufbauen, die die Vielfalt und Kreativität unabhängiger Kulturinitiativen stärkt und gleichzeitig eine nachhaltige und sozial gerechte Kulturentwicklung ermöglicht. Unser Bestreben ist es, die freie Kultur in all ihren Facetten zu fördern – von der jungen Kultur über die Nacht- und Subkultur bis hin zu neuen, innovativen kulturellen Ausdrucksformen. Gemeinsam möchten wir Südtirol als Vorreiter einer freien und kreativen Gesellschaft etablieren, in der Kultur als integrativer Bestandteil des sozialen<BR />Lebens verstanden wird.<BR /><BR /><BR /><b>Grundprinzipien</b><BR /><BR /><b>Offenheit:</b> Unsere Gemeinschaft setzt sich für Transparenz, Partizipation und den<BR />freien Austausch von Ideen ein.<BR /><BR /><b>Freiheit:</b> Wir verteidigen das Recht auf kulturelle Freiheit und die Möglichkeit, Kultur ohne kommerzielle Einschränkungen zu schaffen und zu erleben.<BR /><BR /><b>Vielfalt:</b> Wir fördern kulturelle Vielfalt als Grundlage für Innovation und gesellschaftlichen Fortschritt.<BR /><BR /><b>Gemeinschaft:</b> Unser Netzwerk basiert auf Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung, um eine starke, solidarische Kulturbewegung zu schaffen.<BR /><BR /><b>Nachhaltigkeit:</b> Wir engagieren uns für nachhaltige Praktiken in der Kulturproduktion<BR />und -verbreitung, um eine zukunftsfähige Kulturlandschaft zu gestalten.<BR /><BR /><b>Inklusive Kultur:</b> Wir unterstützen soziale und geschlechtliche Vielfalt aktiv, damit sich alle gleichermaßen anerkannt und inspiriert fühlen.<BR /><h3> Partizipation und Gemeinschaft</h3><BR />Unsere Interessensgemeinschaft lebt von der aktiven Beteiligung all ihrer Mitglieder. Wir glauben fest daran, dass Kultur nur durch gemeinsames Handeln und die Einbindung aller Beteiligten gedeihen kann. Wir laden Künstlerinnen und Künstler, Kulturschaffende, Vereine, Kollektive und Einzelpersonen ein, sich einzubringen und die Zukunft der freien Kultur in Südtirol mitzugestalten. Unser Netzwerk soll ein Ort des Austauschs und der<BR />Zusammenarbeit sein, an dem Ideen entstehen und wachsen können. Nur gemeinsam können wir die Herausforderungen meistern und die Kultur in unserer Region nachhaltig stärken.<BR /><h3> Politische Forderungen</h3><BR />Wir fordern eine umfassende Anerkennung und Unterstützung freier Kulturinitiativen durch die Politik. Dies beinhaltet die Bereitstellung von Fördermitteln, die Schaffung von<BR />rechtlichen Rahmenbedingungen, die kulturelle Freiheit begünstigen, sowie den Abbau<BR />bürokratischer Hürden, die das kulturelle Schaffen einschränken. Wir setzen uns für die<BR />Einführung von Koordinationsstellen ein, die als Bindeglied zwischen Kulturinitiativen und<BR />politischen Entscheidungstragenden fungieren, um eine effektive und faire Förderung der<BR />freien Kultur zu gewährleisten.<BR /><h3> Globale Perspektive</h3><BR />Freie Kultur kennt keine Grenzen. Unsere Vision ist es, Südtirol in ein globales Netzwerk freier Kulturschaffender einzubinden. Wir glauben an den Austausch und die Zusammenarbeit über regionale und nationale Grenzen hinweg, um die freie Kultur weltweit zu stärken. Dabei wollen wir von erfolgreichen Modellen lernen und gleichzeitig innovative Ansätze entwickeln, die unserer spezifischen kulturellen Landschaft gerecht werden.<BR /><h3> Aufruf zum Handeln</h3><BR />Die Zeit ist jetzt. Wir rufen alle, die an die Kraft der freien Kultur glauben, dazu auf, sich uns<BR />anzuschließen und aktiv am Aufbau dieser Gemeinschaft mitzuwirken. Es liegt an uns, die<BR /><?Schrift Spationierung="0ru"> Bedingungen für eine lebendige und vielfältige Kulturlandschaft zu schaffen. Lasst uns gemeinsam für eine Kultur eintreten, die offen, frei und für alle zugänglich ist. Jeder Beitrag zählt – sei es durch Engagement, kreative Impulse oder den gemeinsamen Kampf für unsere kulturellen Rechte. Gemeinsam können wir die Kultur in unserer Region nachhaltig verändern und eine neue Ära Freier Kultur einläuten.<BR /><?_Schrift>