Zeitgenössische Kunst und Gegenwartsjazz – das passt in Bozen sehr gut zusammen. Das vor fünf Jahren eröffnete Museion – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst schlägt eine Brücke zwischen einem globalisierten Kunstbetrieb und dem Publikum sowie der Kunstszene in Südtirol. Dabei zeigt das Haus nicht nur junge Kunst und „entdeckt“ Talente jenseits des Mainstream, sondern stellt auch prominente Positionen der Weltkunst in Bozen vor.Die Suche nach Neuem, der Mut zum Risiko und die Präsentation bedeutender Künstler – das trifft auch auf das Südtirol Jazzfestival zu und deshalb ist das Museion in diesem Jahr der wichtigste Festivalstandort. Hier sind Klang-Experimente ebenso erlaubt wie kantiger und unkonventioneller Spitzenjazz.Acht Konzerte finden im und vor dem Haus statt und alle Besucher können sich dabei auch die laufenden Ausstellungen ansehen wie die Themenausstellung „Little Movements: Self-practice in Contemporary Art“ der beiden chinesischen Gastkuratoren Carol Yinghua Lu und Liu Ding, junge Kunst aus Österreich („Desiring the Real- Austria Contemporary“) oder „Fabulous Muscles” von Danh Vo – und Kunst und Jazz bei einem Rundgang ganz persönlich verbinden.Das Programm im MuseionDas Konzertprogramm im Museion beginnt am Sonntag (30.06) mit einer Matinée in der Museion Passage. Ab 11 Uhr spielt das Harris Eisenstadt’s September Trio dort einen „puristischen” Jazz, der komplexe Rhythmen und Harmonien ohne elektronische Hilfsmittel mit einer Leichtigkeit verbindet.Begleitet wird Harris Eisenstadt vom Routinier Ellery Eskelin (sax) und von der Pianistin Angelica Sanchez.Am Donnerstag (04.07) um 19.30 Uhr ist in der Passage musikalischer „Tumult” aus Amsterdam zu hören. Das Sextett Nacked Wolf (Felicity Provan: tr; Ofir Klemperer: voc, synth; Yedo Gibson: sax; Mikael Szafirowski: g; Luc Ex: b; Gerri Jäger – dr) ist Teil des Tumult-Kollektivs und musiziert „ungezähmt”– diese Klangmaschine verarbeitet schwerfälligen Rock, Pop-Melodien und Jazz und produziert aus diesen „Rohstoffen“ einen „wilden“ Sound, der Hörgewohnheiten immer wieder frech und übermütig herausfordert.Jazz auf den TalferwiesenJazz ist nicht nur hinter der beeindruckenden Glasfassade des Museion zu hören, sondern auch auf den Talferwiesen vor diesem „Kunsthaus“. Am Freitag (05.07) und am Samstag (06.07) finden auf der Open-Air-Bühne jeweils um 21 Uhr Top-Konzerte statt, die von Auftritten in den Ausstellungsräumen umrahmt werden.Das Musikprogramm könnte vielseitiger kaum sein. Den Anfang macht am Freitag um 11 Uhr ein „schräges“ Konzert der französischen Band IRèNE (Yoann Durant: sax; Clément Édouard: sax; Julien Desprez: g; Sébastien Brun: dr, electronics) in der Passage. Diese Band aus dem Musikerkollektiv COAX mixt einen unwiderstehlich-bunten Cocktail aus Jazz, Indie-Rock und Electro-Sounds. IRèNE macht hochdynamische Musik, die sich Gattungsschubladen immer verweigert. Manchmal klingt das zerbrechlich und graziös – und im nächsten Moment brauen sich tonale Wirbelstürme zusammen, dass es eine wahre Freude ist.Melodischer KammerjazzWer es lieber ruhiger haben möchte, kommt später auf seine Kosten: Auf dieses Klangfeuerwerk folgt um 19 Uhr, ebenfalls in der Passage, melodischer Kammerjazz mit Pascal Schumacher (p) und Sylvain Sifflet (sax, cl).Der aus Luxemburg stammende Schumacher komponiert für Film und Theater und hat sich in die europäische Jazz-Elite gespielt. Auch der Franzose Sylvain Sifflet schreibt für das Kino. Ein Fest für das LiedVor dem Haus feiert der vielfach ausgezeichnete französische Ausnahmepianist Baptiste Trotignon ab 21 Uhr ein „Fest für das Lied“ – grenzenlos und jenseits aller gängigen Formate. In Bozen stellt Trotignon „Song Song Song” mit Jeanne Added (voc), Dre Pallemaerts (dr), Thomas Bramerie (b), Mônica Passos (voc, g) und Minino Garay (perc, body rhythm, cajon) vor. Das Repertoire reicht von Jacques Brels Chanson-Klassiker „Ne me quitte pas“ über von Trotignon vertonte Textvorlagen des französischen Pop-Komponisten Christophe Miossec bis zu Schuberts berühmtem Kunstlied „Du bist die Ruh”.Das Cello beim FestivalAuch am Samstag (06.07) lädt das Südtirol Jazzfestival am Standort Museion zu drei Konzerten ein. Das musikalische Programm beginnt um 11 Uhr in der Museion Passage mit einem Soloauftritt des italienischen Cellisten Francesco Guerri. Das Violoncello als Soloinstrument ist im Jazz ungewöhnlich. 2011 spielte der holländische Cellist Ernst Reijseger auf dem Südtirol Jazzfestival, 2013 kommt Francesco Guerri, der wie Reijseger von der klassischen Musik zum Jazz wechselte. Guerri studierte am Konservatorium in Cesena. Er spielte in Sinfonieorchestern und begleitete Tänzer und Schauspieler. 2007 schloss er sich für einige Monate Gianluca Petrellas Cosmic Music Orchestra an. Guerris Cello quietscht und singt und stöhnt – kurz: dieser Solist entlockt seinem Instrument erstaunliche Töne und lässt dabei polyphone Musik entstehen.Kunst und JazzUm 19 Uhr folgt dann eine besondere Mélange von Kunst und Jazz. Im vierten Stock des Museion zeigt der 1975 in Saigon (Ho-Chi-Minh-Stadt, Viêtnam) geborene und in Kopenhagen aufgewachsene Künstler Danh Vo die monumentale Arbeit „Fabulous Muscles”. Im Rahmen seines mehrjährigen Projekts „We the people“ dekonstruiert er die Freiheitsstatue und setzt die Einzelteile neu zusammen. Vo’s Skulptur, die als Work in Progress weltweit gezeigt wird, besteht wie das Original aus Kupferplatten, die durch Treiben in die gewünschte Form gebracht wurden. In Bozen präsentiert Danh Vo 15 neue Bronzeelemente in Originalgröße. Die Bauteile der von Frédéric Bartholdi im 19. Jahrhundert entworfenen Statue wurden ursprünglich von Europa nach Amerika verschifft und vor Ort zusammengesetzt. Indem er die Skulptur in ihre Einzelteile auflöst, geht der Künstler diesen Entstehungsweg zurück, zerlegt eine Ikone und lässt die mit diesem nationalen Symbol verknüpften Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit ebenfalls zerfallen.Die Direktorin des Museion, Letizia Ragaglia, wird durch diese Ausstellung führen, in der danach die vietnamesische Sängerin Huong Thanh (dt. Lotusduft) mit dem britischen Gitarristen Jason Carter auftritt. Prominente Weltmusik aus Vietnam trifft also auf Elemente der US-Freiheitsstatue und das ist – vor allem angesichts der Geschichte des 21. Jahrhunderts –eine spannende und brisante Mischung. Huong Thanh wurde ebenfalls in Saigon geboren. Die im Gesangsstil der Cai Luong-Oper und im traditionellen Gesang ausgebildete Solistin traf 1977 in Paris ihren Landsmann Nguyên Lê (Gitarre) und entdeckte den Jazz. In den folgenden Jahren nahm das Duo zahlreiche CD´s auf, auf denen auch Paolo Fresu und Dhafer Yussef zu hören sind.Open Air-KonzertDas Open-Air-Konzert (21 Uhr) ist dann, wie viele andere Gastspiele des Südtirol Jazzfestivals 2013, eine Premiere: Mit Angelika Niescier, Jim Black, Gianluca Petrella, Chris Tordini und Florian Weber steht an diesem Abend ein Quintett der Extraklasse zum ersten Mal gemeinsam auf einer Bühne. Dass dieses Konzert in Bozen stattfindet, ist natürlich kein Zufall. Angelika Niescier und Jim Black begegneten sich im Juli 2012 beim Südtirol Jazzfestival und beschlossen schon damals zusammen zu spielen. Angelika Niescier gehört zu den herausragenden Frauen in der europäischen Jazzszene. Jim Black ist einer der einflussreichsten Schlagzeuger des zeitgenössischen Jazz. Gianluca Petrella zählt zu den bedeutendsten Jazz-Posaunisten weltweit. Chris Tordini ist in der New Yorker Clubszene zu Hause und der in Europa und den USA erfolgreiche Pianist und Komponist Florian Weber verbindet überzeugend Jazz und Klassik.stol