Montag, 15. Juni 2015

Triumph mit „The Tempest“ und Festwochen „Seelenkosmen“

Die Oper „The Tempest“ des britischen Komponisten Thomas Adès wurde 2004 an der Royal Opera Covent Garden mit sensationellen Erfolg uraufgeführt. Wenn nun die Wiener Staatsoper die österreichische Erstaufführung unter der Leitung des Komponisten und in der bildgewaltigen Inszenierung von Robert Lepage präsentiert, so ist das ein Triumph von singulärem Musiktheater. Bei den Wiener Festwochen, die nunmehr in die letzte Wochen starten, erleben wir wiederum durch Performances und besondere Konzerte berührende Seelenkosmen.

Foto: Michael Pöhn
Foto: Michael Pöhn

Der charismatische Komponist und Dirigent Pierre Boulez sagte einmal: „Das größte Problem der zeitgenössischen Musik ist die Wiederaufführung.“ Damit hat er nicht Unrecht, nur im Falle der Musik von Thomas Adès, die Boulez wegen ihrer tonal ausgerichteten Konstrukte ohnehin nicht gelten lässt, ist das völlig anders. Denn mit der Oper „The Tempest“ hat der junge Brite ein Opernmelodram geschrieben, das eigentlich alle Parameter des Zeitgenössischen sprengt, sofern wir Zeitgenössisches als Nachfolge des Atonalen und deren Folgen bis heute empfinden. Adès geht eine völlig andere Richtung, weil er zunächst mit fabelhafter Orchestrierung ein gewaltiges Kaleidoskop von impressionistischer Schönheit, von klassizistischer Anmut zu einer instrumentalen Gewichtung formuliert, die sich in den Sinnstimmen überragend transformiert. Da gibt es schon mal barocke Anklänge als Anomalie des Rachsüchtigen, die sich dann nicht selten  in die Welt der Antipoden Richard Strauss und Puccini wendet, oder die durch Benjamin Britten und Michael Tippet ihr britisches Vorbild haben. Doch die misstönende Verzerrung von Akkorden, oder das subtile Säuseln der Streicher beim Entfesseln des harmonischen Sturmes verknoten sich zu wunderbarer selbstentworfener Dramatik.

Das  Zerrissene und Wilde der Rhythmik vollendet die düstere Welt Shakespeares

„Der Sturm“ ist das meistvertonte Stück von Shakespare in der sogenannten E – und U – Musik. Interessant ist dabei die Anweisung, die der Dichter selbst im 3. Akt gibt: „Du musst dich nicht fürchten; diese Insel ist voll von Getöse, Tönen und anmutigen Melodien, welche Belustigen und keine Schaden tun, manchmal sumsen tausend klimpernde Instrumente um mein Ohr; manchmal Stimmen….“ Von dieser Prämisse ausgehend, hält sich Adès an den Dichter, denn nur der hinzugefügte Chor der Höflinge tritt auf. Aber es ist nicht der Text von Shakespeare, sondern von der sensiblen Meredith Oakes, die bewirkte, dass einige Personen weggelassen wurden. Prospero macht hier eine andere Entwicklung als Charakter, denn er ist es, der die ganze Zeit befreit, weil Liebe stärker ist als Zauberei. Durch die Liebe wird das verfeindete Mailand mit Neapel versöhnt, und das auf einer Insel wo Sandbänke wie beim Symbolismus ans Land gezogen werden. Das alles verteilt sich auf drei grenzintensive Akte.

Robert Lepage inszeniert die Story  im Innenraum und Bühne der Mailänder Scala

Neben dem sofort erkennbaren Bühnenbild der „Scala“, mit ihren Logen, dann im zweiten Akt vom Souffleurkasten aus zu verfolgen ist, erleben wir ein packendes Theater im Theater mit eindringlicher Personenregie, die trotz ihrer starken Bildeffekte die Musik feinsinnig durch choreographiert. Der erste Akt steht ganz im Zeichen von Prospero, den Adrian Eröd auch mit den Zaubermitteln seiner Stimme souverän darstellt und vor allem singt, denn diese Partie ist enorm schwer. Da wir nicht nur die „Scala“ zur Zuflucht einer unbekannten Insel für seine Tochter Miranda – einmalig, innig erlebt, gesungen von der großartigen Stephanie Hootzeel – sondern das Schiffbrüchige erreicht ein staunendes Publikum, das sich bei anmutigen Barock-Klängen, die rachsüchtig ins Gegenwärtige kippen, nichts Besseres wünscht, als dass der Neapolitaner Ferdinand – großartig Pavel Kolgatin – endlich ihr Gemahl wird. Die Liebesszene im 2. Akt, wo beide vom Land zum Meer schreiten, wird zum schönsten Traum à la Puccini, nicht nur für Miranda. Doch noch ist die Insel zerklüftet und  mitten im Klangkosmos trillert der Luftgeist Ariel  - gesungen und gespielt von der fantastischen Audrey Luna – seine mitfühlenden höchsten Töne von denen wir schon am Beginn wie eine gemalt – gesungene Luft überwältigt werden. Audrey Luna wird frenetisch bejubelt. Wunderbar zwischen gaunerhafter monströser Wildheit und zartfühlender Mitleidenschaft, charakterisiert der glänzende Sängerdarsteller Thomas Ebenstein in allen musikalischen Facetten den Caliban. Doch auch die anderen Rollen werden grandios interpretiert. Der Chor singt, agiert mit höfischer Noblesse und der instrumentale Glanz des Orchesters wird durch das überragende Spiel zum unvergesslichen Triumph für alle, auch weil der Komponist Adès, als Dirigent, sein Klanguniversum mit brillanter Reflexion über alle Raffinessen hinweg, zur stupenden Einheit, ja zum Gesamtkunstwerk modelliert. Jubel. Allerseits!

„Was Menschen, den Menschen antun können“ so Mieczyslaw Weinberg

Für den Intendanten der Festwochen und feinsinnigen Künstler Markus Hinterhäuser ist es eine Mission, vergessene und verfolgte Künstler endlich wieder zu entdecken. In dieser Richtung wird es auch bei den Salzburger Festspielen weitergehen, wenn Hinterhäuser ab 2016 dort Intendant sein wird. Die Frage stellt sich, wieso ein Komponist wie Weinberg so lange überhört werden konnte, denn schon als Jungendlicher komponierte der jüdische Musiker aus Polen seine ersten Stücke, um schließlich ein Oeuvre von 20 Symphonien, Konzerte, Kammermusik und Opern zu hinterlassen. Sein ganzes Leben war aber eine Flucht vor der Verfolgung. Zuerst von den NS-Schergen, die seine ganze Familie ausrottete und dann geriet er wie sein Mentor Schostakowitsch, in dessen Schatten er stand, in der Stalin-Zeit wieder in Gefangenschaft. Gidon Krämer und die Kremerata Baltica haben nun einen wirklich emotionalen Konzertreigen mit Weinberg-Werken veranstaltet. So erweckt etwa die Kammersymphonie Nr. 1 für Streicher eine aufrührende Sehnsucht von tonaler Rücknahme und dissonanter Seelenwelt. Durch die besondere melodische Eigenheit von slawischer Volksemotion, ist  gerade die Kremerata mit ihren herrlichen Flageoletts und dem einzigartigen Streicherton stilbildend für einen Menschen, der es als moralische Pflicht betrachtete, gegen die Gräuel der Menschheit zu schreiben. Zu erwähnen ist auch herzzeitliche Performance „Bamako“, eine UA der Kettly Noël aus Haiti. Mit „Je ne suis pas noir“ (Ich bin keine Schwarze) erfindet die in Mali lebende Choreographin ihr selbstgetanzten Stücke, wobei sie die  Ausgrenzung in allen Facetten untersucht und mit rhythmischer Tanzkunst bis zur Ekstase auslotet. In diesem Minimalismus verbergen sich radikale Anklagen gegen verbrecherischen Alltag der Frauenprostitution in Afrika. Die große Zustimmung für diesen außergewöhnlichen Seelenkontinent macht Hoffnung.

C. F. Pichler aus Wien

stol