Wir haben bei ihm nachgefragt...<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355445_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das von der internationalen Kritik gepriesene „originalklang project“ geht in seine dritte Ausgabe. Die Meisterkurse der Gustav Mahler Academy haben bereits begonnen. Ist dieses Projekt im historischen Klangbild der Wiener Aufführungspraxis des frühen 20. Jahrhunderts mittlerweile „beinahe“ eine Routinesache, oder immer noch eine ungewisse Reise in eine neue Klangwelt?</b><BR />Philipp von Steinaecker: Bei Mahler ist es schon so, dass jede seiner Symphonien in gewisser Weise ein eigenes Universum darstellt, sodass die Neuentdeckung mit den alten Instrumenten auch jedes Mal andere Schätze bzw. Klänge freilegt. Außerdem haben wir vor vier Jahren mit der Neunten, einem Spätwerk, begonnen, dann letztes Jahr mit der Fünften aus seiner mittleren Periode weitergemacht, und heuer spielen wir die Vierte aus der frühen Wunderhorn-Phase. Alles ganz verschiedene Klangwelten. Natürlich überdenken wir alle unsere Herangehensweise unter dem Jahr und kommen bei manchen Fragen auch zu anderen, oft komplexeren Ergebnissen. Also von Routine kann keine Rede sein. Ich glaube, dann würden wir es auch bleiben lassen!<BR /><BR /><BR /><b>Welche neuen Perspektiven auf die Werke, die Sie mit der Mahler Acaemy schon einstudiert haben, haben die historischen Instrumente bereits eröffnet, die auf modernen Instrumenten verloren gehen?</b><BR />Von Steinaecker: Für mich persönlich sind es ganz verschiedene Aspekte. Ich finde sehr interessant, wie die Instrumente in der Balance aufeinander abgestimmt sind, das ist absolut eine wichtige Erkenntnis auch für Aufführungen auf modernen Instrumenten. Dann liebe ich den charakteristischen Klang, den sie haben. Ganz entscheidend ist auch, bei welcher Lautstärke oder Tonhöhe diese Instrumente anfangen, schrill zu klingen. Das ist bei den modernen Instrumenten anders, und es ist ja eine Farbe, die Mahler immer wieder nutzt. Hier genau zu verstehen, wo er das will, finde ich auch sehr wichtig! <BR /><BR />Wie schön warm und weich und dunkel die Streicher mit Darmsaiten klingen und wie wenig Vibrato man mit diesen Saiten benutzen kann, fasziniert mich auch. Insgesamt ist das Klangbild transparenter und Mahlers komplexer Kontrapunkt wird durchhörbar, wo ich mich auf modernen Instrumenten oft gefragt habe, wie er das gemeint haben könnte.<BR /><BR />Die Entdeckung und die „Gefahr“ der unperfekten alten Instrumente führt aber auch zu einem besonderen Geist auf der Bühne, zu einem Gefühl des Risikos und der Expedition zu den letzten weißen Flecken auf der Karte. Das macht auch etwas mit den Spielern, und schließlich berührt es auch, zu wissen, dass diese Instrumente schon damals im Einsatz waren, dann 100 Jahre irgendwo rumlagen und nun wieder das Licht und den Klang der Welt erleben. Ein richtiger zweiter Frühling.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355448_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie sprechen von den jungen Musikerinnen und Musikern, wie bringen sie sich auf dieser Entdeckungsreise ein?</b><BR />Von Steinaecker: Für die sind es ganz schön viele Eindrücke, die da auf sie einstürmen. Die meisten von ihnen spielen diese Symphonien zum ersten Mal. Das allein ist ja schon eine Riesenerfahrung. Während sie in diese Welt eintauchen, bekommen sie aber viele Spielanweisungen, die sie so nicht kennen, und müssen sich von manchen sicher geglaubten Dingen verabschieden. Zum Beispiel, einen Rhythmus nicht ganz so zu spielen, wie er notiert ist, sondern ihn idiomatisch ein bisschen zu verändern. Als Beispiel nenne ich hier, weil das alle kennen, die Begleitung des Wiener Walzers, wo ja die Zwei immer früh kommt und früher, als sie notiert ist. Wir machen das an vielen Stellen, um den Charakter der Musik oder des ihr zugrunde liegenden Volkstanzes herauszubringen oder um eine besonders schöne Note zu unterstreichen. Aber das muss man sich erst mal trauen, nach Jahrzehnten, in denen man versucht hat, mit dem Metronom zu spielen. Letztlich wirkt das aber befreiend. Dann sitzen sie alle neben gestandenen Profis aus Top-Orchestern, mit denen sie sich anfreunden, von denen sie lernen, durch die sie ihre Netzwerke und Möglichkeiten erweitern. Und dann gehen wir auf Tournee in einige der großen Säle Europas, zu den Proms mit 5.000 Zuhörern. Das ist alles ganz schön viel zu verkraften!<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355451_image" /></div> <BR /><b>Und welche Rolle spielt dabei Intuition?</b><BR />Von Steinaecker: Tolle Frage! Erst mal muss man die Intuition ein Stück weit im Zaum halten, weil die Intuition nur auf die bereits verinnerlichten Ausdrucksmöglichkeiten zurückgreifen kann. Aber dann lernt man, sich in diesem neuen Dialekt – eine ganz neue Sprache ist es ja nicht – auszudrücken, und dann wird man darin frei. Denn das ist das Ziel, am Ende und im Konzert niemals theoretisch zu denken, sondern der neu bereicherten Intuition zu folgen. Deshalb machen wir auch erst mal Kammermusik, damit die jungen Musiker wirklich Zeit haben, das alles zu verinnerlichen und sich dabei auch zu hören.<BR /><BR /><BR /><b>Während jetzt parallel zum Auftakt der Kurse die fünften Sinfonie Mahlers – aufgenommen vor zwei Jahren – bei Alpha Classics erschienen ist, wird nun in Toblach die vierte einstudiert und aufgenommen. Hätten Sie zu Beginn dieses außergewöhnlichen Projekts gedacht, dass Sie damit einen so großen internationalen Erfolg erzielen würden? Denn das Orchester setzt zu einer Tournee an, die jene von vor zwei Jahren noch mal in den Schatten stellt, mit Terminen an der Elbphilharmonie Hamburg, an der Scala in Mailand, am Concertgebouw Amsterdam oder bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall in London…</b><BR />Von Steinaecker: Das ist natürlich schon toll! Und dass das so schnell gehen würde, hätte sich niemand erwartet. Aber es zeigt auch, dass der Markt durchaus Platz hat für Projekte, die die ausgetretenen Pfade ein Stück weit verlassen. Dass unsere Herangehensweise so vielen Menschen gefällt und ihnen, so wie uns, einen erfrischten Zugang zu dieser unfassbaren Musik gibt, das freut mich und meine Musiker wahnsinnig.<BR /><BR /><BR /><b>Auch in der Planung gibt es Neuigkeiten: Denn das Projekt soll jährlich stattfinden…</b><BR />Von Steinaecker: Genau, wir wollen versuchen, den Zyklus vollständig aufzuführen und aufzunehmen, und wenn man bei zehneinhalb Symphonien bei einem Rhythmus von zwei Jahren bleibt, wird das sehr lang. Außerdem haben die Studenten Lust auf Mahler. Die klassischen Elemente der Academy bleiben aber davon unberührt. Es gibt weiterhin bei jedem Projekt Kammermusik, es gibt die wichtigen Meisterkurse, und auch das Spiel im Kammerorchester mit Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestra wird weiter gepflegt werden. Dafür sind wir mit <Fett>Sir John Eliot Gardiner</Fett> für die Zukunft im Gespräch.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355454_image" /></div> <BR /><b>Eine große Überraschung gibt es in diesem Jahr: Gustav Mahlers Enkelin Marina kommt auf Einladung der Academy nach Toblach und übernimmt offenbar sogar die Schirmherrschaft des Originalklangprojektes. Wie ist Ihnen das gelungen?</b><BR />Von Steinaecker: Marina habe ich vor einigen Jahren beim Festival in Aix-en-Provence kennengelernt und ihr von unserem Projekt erzählt. Sie ist dann vor zwei Jahren zu unserem Konzert in der Philharmonie in Paris gekommen und war sehr begeistert von der Atmosphäre auf und hinter der Bühne. Sie ist auch sehr angetan von unserem Outreach-Projekt, den Mahler Ambassadors. Diese Ambassadors sind junge Menschen, die aus einem klassikfernen Umfeld stammen, die uns bei den Proben besuchen und von Coaches, Musikologen und Philosophen in die jeweilige Symphonie eingeführt werden. Sie begleiten uns fünf Tage lang, und am Ende dieser Zeit kennen und verstehen sie diese Musik genauso wie die Musiker. Dann erst hören sie sie im Konzert von Anfang bis Ende. Das hat vor zwei Jahren zu unglaublich emotionalen Reaktionen geführt, und da hat sich bestätigt, was wir erhofft hatten: dass diese Musik für jeden Erdenbürger und bis heute relevant ist. Die Mahler Academy in Kombination mit originalklang project und Mahler Ambassadors hat Marina begeistert, und sie hat den Titel der Mahler Academy Patronesse angenommen.<BR /><BR /><BR /><b>Und welche Rolle wird sie in Zukunft für die Academy spielen?</b><BR />Von Steinaecker: Für uns ist es ein schönes und wichtiges Symbol, in dieser Form die Unterstützung der Familie Mahler zu spüren. Marina ist eine faszinierende Persönlichkeit, die mit ihrem Projekt <Kursiv>Songs of the Earth</Kursiv> versucht, durch Kunstprojekte zur Rettung unserer Gesellschaften und unseres Planeten beizutragen. Sie wird uns mit Rat, Ideen, mit ihrem riesigen Netzwerk und mit ihrem Enthusiasmus, der so unerschöpflich ist wie der unsrige, zur Seite stehen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355457_image" /></div> <h3> Zur Person Marina Mahler</h3><BR />Die Enkelin von Gustav Mahler wurde 1943 in London ge- boren. Als sie sieben Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter Anna nach Beverly Hills zur Großmutter Alma Mahler-Werfel. Marina selbst betätigt sich als Mäzenin. In Spoleto, wo sie eine neue Heimat fand, fördert sie das berühmte <Kursiv>Festival dei Due Mondi</Kursiv>, sie hat auch die Anna Mahler International Association für junge Künstlerinnen ins Leben gerufen. Vor allem angesichts weltanschaulicher Krisen spricht Marina Mahler sich für die Förderung Talente in der klassischen Musik sowie in der bildenden Kunst aus. Die international tätige Kulturmanagerin – nun auch Mahler Academy Patronesse – widmet ihr Leben zudem dem Erhalt des familiären Erbes.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Termine:</b><BR /><BR />„originalklang project“ mit Originalinstrumenten des Euregio Kulturzentrums Toblach: <BR />4.9., Stadttheater Bozen <BR /><BR />5.9., 18 Uhr, Kulturzentrum Toblach <BR /><BR />Mahler Academy Orchestra; Johanna Wallroth Sopran; Philipp von Steinaecker Dirigent <BR /><BR />Programm: Janácek, Mládí (Bläsersextett) – Mahler, Symphonie Nr. 4 G-Dur