„Wie die Stimmung auf einer Hochzeit, einer Party oder einem Fest ist, hängt nicht nur vom DJ ab, sondern auch von den Gästen und der Atmosphäre. Anders ausgedrückt: Ein DJ ist nicht verantwortlich für die Stimmung, er muss das Feingefühl besitzen, sein Publikum zu ‚lesen‘ und mit den richtigen ‚Tracks‘ die Stimmung zu steuern.“<BR /><BR />Diese Aussagen überraschen. Überhaupt überrascht Walter Garber mit vielen seiner Ansichten über den DJ-Beruf, der mit Klischees behaftet ist wie: „Der DJ ist immer so laut“, „DJs machen das DJing immer nur nebenbei“, „DJs schleppen nach jedem Auftritt eine Frau ab“, „DJs lassen eh nur vorgefertigte Playlists ablaufen“ oder „Nur mit einem Laptop ist man ein echter Profi“.<BR /><BR />Der gebürtige Meraner möchte mit diesen Vorurteilen über DJs aufräumen, indem er das verkörpert, was ein DJ einmal war: ein Kulturträger und Kulturvermittler, der mit Vinyl-Schallplatten groß geworden ist. Anders ausgedrückt: Garber ist einer von wenigen DJs, die noch mit einem Mischpult, zwei Plattenspielern und Vinyl-Schallplatten arbeiten. Er ist so etwas wie eine lebende DJ-Zeitmaschine, die die Ursprünge der DJ-Kultur in die Gegenwart transportiert.<h3> Einen Laptop braucht er nicht</h3>Tatsächlich begannen DJs in den 1940er- und 1950er-Jahren mit Schallplatten aufzulegen. Damit zusammen hängt auch der Begriff DJ: Er stammt von „Disk Jockey“ ab, wobei das englische Wort „disk“ auf die Schallplatte und der Begriff „jockey“ auf die Fähigkeit des DJs hinweist, Musikstücke zu mischen und nahtlos zu spielen. Erst ab den 1990er-Jahren wurden CDs, CD-Player und computergestütztes Mischen populär. Mit diesem neuen Trend konnte und kann Garber damals wie heute nichts anfangen. Nicht nur, weil er selbst mit Schallplatten groß geworden ist, sondern auch, weil seine großen DJ-Vorbilder von damals (Beppe Loda und Daniele Baldelli) ebenfalls ihre Karriere mit Vinyl begonnen hatten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1050756_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Erstmals mit Schallplatten aufgelegt hat der heute 56-Jährige in Wien, wo er Germanistik und Publizistik studierte. Das Auflegen mit Platten vergleicht er gerne mit einem Buch: „Wie das Buch ist die Schallplatte ein haptisches Objekt, zu dem ich eine Beziehung aufbauen kann. Das macht die Arbeit als DJ für mich erst richtig interessant.“ Geprägt wurde Garbers Musikstil in jener Zeit von Techno- und House-Beats, die ihre Wurzeln in afroamerikanischen Gemeinschaften hatten und in den späten 1980ern nach Europa kamen. <h3> Von wegen vorgefertigte Playlists</h3>Mit diesen Einflüssen im Gepäck, kam Garber nach Abschluss seines Studiums 1998 in seine Heimat Südtirol zurück. Unter dem Namen „DJ Veloziped“ (französisch „vélocipède“ für „Fahrrad“), den er übrigens heute noch trägt, mixte er viele Freitagabende auf „Radio Tandem“ stundenlang Techno- und House-Beats mit Vinyl-Schallplatten live on air – damals noch nebenberuflich. Hauptberuflich zog es den studierten Germanisten in alte Bibliotheken, wo er historische Bücher und Sammlungen bewahrte, erforschte und zugänglich machte. Und genau da schließt sich der Kreis: bei Garbers Liebe zum Historischen, Alten und oft zu Unrecht Vergessenen – wie das Auflegen alter und neuer Tracks mit Schallplatten (insgesamt besitzt er rund 7000 davon). <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1050759_image" /></div> <BR /><BR />Das Auflegen selbst ist für ihn mehr als nur das Abspielen von Musik. „Es ist eine bewusste Entscheidung für Qualität, für die Haptik und für die Auseinandersetzung mit der Materie“, sagt er. Jede Schallplatte erzählt eine Geschichte, trägt Spuren der Zeit und hat ihren eigenen Charakter. Dieses Handwerk ist für den DJ also eine Art Kulturgut, das er bewahren möchte. „Schließlich hat die digitale Technik das DJing revolutioniert und gleichzeitig vereinfacht“, erklärt der heute 56-Jährige. Was einst eine Kunstform war, die jahrelange Übung und ein feines Gespür für Musik erforderte, kann heute technisch schnell erlernt werden. <h3> Synchronisieren damals und heute</h3>Mit einem einfachen Knopfdruck, dem sogenannten „Sync-Button“, werden zwei Lieder heute automatisch synchronisiert. Das manuelle Synchronisieren mit Schallplatten, das Walter Garber noch macht, funktioniert hingegen folgendermaßen: Der DJ hört den nächsten Track im Kopfhörer, während der aktuelle Track laut gespielt wird. Mit dem Pitch-Regler am Plattenspieler passt er die Geschwindigkeit des nächsten Tracks an. Um die Beats zu synchronisieren, schiebt oder bremst er die Schallplatte mit der Hand. Sobald die Beats übereinstimmen, mischt er den neuen Track ein und passt Lautstärke sowie Klangregler an, um einen fließenden Übergang zu schaffen.<h3> DJ: Frauenheld und Drogenjunkie?</h3>Walter Garber, der mit seiner langjährigen Partnerin in Meran lebt (und dementsprechend auch nicht dem DJ-Klischee „DJs schleppen nach jedem Auftritt eine Frau ab“ entspricht), ist europaweit mit seinem einzigartigen DJ-Stil sehr gefragt. <BR /><BR />Sein Können unter Beweis gestellt hat er bereits in renommierten Locations wie dem „Salon des Amateurs“ in Düsseldorf, der „Grellen Forelle“ in Wien, dem „Veniceberg“ in Verona sowie auf bedeutenden Kunst- und Kulturveranstaltungen wie der Biennale in Venedig, um nur einige wenige zu nennen. Und dennoch: Auch Garber ist vor einem weiteren verbreiteten Vorurteil gegenüber seiner Berufssparte nicht gefeit: Drogen. „Wenn du als DJ Techno oder House auflegst, wird die Musik sofort mit Drogen in Verbindung gebracht.“ Natürlich seien Drogen in der Party- und Clubszene allgegenwärtig. „Aber eben nicht nur bei Technopartys, sondern auch in der Volksmusik-Branche, man denke etwa an den Ballermann“, gibt der DJ zu bedenken. <BR />Er jedenfalls sieht sich fernab von den vielen Klischees, die an seinem Beruf haften, als Bewahrer einer Kultur, die ihre Wurzeln in einer Zeit hat, als DJs noch als Künstler und Kulturbotschafter angesehen wurden. <BR /><BR />Deshalb überrascht seine Meinung zur gegenwärtigen Popmusik auch nicht: „Mit dieser Radiomusik kann ich nichts anfangen. Zu viel Einheitsbrei, zu wenig Seele.“ Hier schlägt wohl die Haltung eines DJs der alten Schule durch, die zur Abwechslung einmal wirklich dem Klischee entspricht.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-65637072_listbox" />