Am 13. Jänner der vergangenen Jahre wurde im Hause Cyrus-Hemsworth Liam Hemsworths Geburtstag gefeiert. Dieses Jahr feierte die US-amerikanische Pop-Sängerin alleine, dafür heftig, nämlich mit der Lancierung ihrer Single „Flowers“. Der Song brach innerhalb einer Woche alle Rekorde und wurde zum meist gestreamten Spotify-Song aller Zeiten. <BR /><BR /><b>1. Das sagt die Psychologin Sabine Cagol</b><BR /><BR /><b>Mit der Trennungshymne „Flowers“ dominiert Miley Cyrus weltweit die Charts. Abgesehen von der leicht einprägsamen Melodie, welche Elemente im Lied und im Video berühren uns als Gesellschaft so stark?</b><BR />Sabine Cagol: Musik ist grundsätzlich ein starkes Medium, welches Emotionen anspricht. Menschen regulieren sich auch durch Musik, wobei jeder unterschiedlich empfänglich ist. Rhythmus, Lautstärke, alles spielt eine Rolle. Musik hilft, Emotionen zu verarbeiten. In der Musiktherapie wird dies erfolgreich zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Im Text erkennen wir uns wieder. Er evoziert Erinnerungen an ähnliche Erlebnisse – in diesem Fall eine Trennung. Im Augenblick, wo wir uns wiedererkennen, können wir das verarbeiten, wir dürfen mitspüren. Wenn Menschen in einer ähnlichen Situation sind, kann dieses Lied Kraft und Selbstsicherheit geben.<BR /><BR /><b>Arbeitet der Song auch mit unserem Unterbewusstsein?</b><BR />Cagol: Das ist ein großes Wort. Ich würde sagen, er regt einen inneren Dialog an. Gefühle, die man nicht einordnen kann, können durch den Song verarbeitet werden. Er könnte so eine kathartische Wirkung haben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="863261_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Das Lied und das Video sind auch eine Hymne auf die Selbstliebe, brauchen wir das gerade jetzt, umso mehr?</b><BR />Cagol: Eigenliebe ist sicher nie falsch, und die Idee, dass man sich selbst genügen kann, ist wirklich wichtig. Andererseits haben wir in den vergangenen 2 Jahren gemerkt, wie schlimm es ist, wenn wir nicht in Beziehung treten dürfen. Grundsätzlich kann man sagen, in gesunden Beziehungen bedeutet die Bezogenheit auf eine andere Person ein Plus, in hohem Maße abhängig zu sein, in einer Beziehung ist jedoch nicht gesund. Sich selbst toll finden, ist ein weites Thema, mit dem sich viele auseinandersetzen, oft ein Leben lang.<BR /><BR /><b>Die Sängerin kommt sehr authentisch rüber, spielt das auch eine Rolle für den großen Erfolg des Songs?</b><BR />Cagol: Absolut. Miley Cyrus scheint es zu schaffen, gut beim Publikum zu landen, sei es mit den Texten, sei es mit ihrer authentischen Art, das gefällt. <BR /><BR /><b>Wenn „Rachesongs“ zum Hit werden: Schon Justin Timberlake hat seine Trennung von Britney Spears musikalisch verar- beitet, Popstar Shakira rechnet in ihrem aktuellen Lied „Music Sessions #53“ mit Ex-Partner Gerard Piqué ab. Im Gegensatz zu Shakira ist Mileys Song keine Abrechnung, sondern sie schließt mit der Vergangenheit ab und macht Hoffnung auf die Zukunft… Brauchen wir heute umso mehr einen Ausblick?</b><BR />Cagol: Der Song ist elegant, sehr optimistisch und zukunftsorientiert. Miley Cyrus selbst strahlt großes Selbstbewusstsein aus. Im Moment brauchen wir das sehr. Wenn man verletzt worden ist, muss aber auch Platz für verschiedene Gefühle sein. Man sollte sich auch um die entstandenen Wunden kümmern und dem Trauerprozess Zeit geben. Auf diesen Teil fokussiert Cyrus nicht. Auch wenn es verlockend klingt, so schnell ist man nicht geheilt, wenn eine Beziehung zu Ende geht, gibt es auch Gefühle wie Trauer und Wut. Das Lied gibt Zuversicht, was wichtig ist, aber um den Rest kommt man trotzdem nicht herum.<BR /><BR /><BR /><b>Trennung, Liebeskummer, Verlobungen, Krankheit… alles wird heutzutage öffentlich gemacht. Warum haben so viele Menschen, auch Stars, so sehr das Bedürfnis, ihre intimsten Gefühle jedem preiszugeben?</b><BR />Cagol: Emotionen und persönliche Erlebnisse wurden, denke ich, schon immer in der Kunst und in der Musik verarbeitet. Künstler beschäftigen sich mit inneren Dialogen, die eigenen Themen sind dabei sehr prägend. Es ist ein Phänomen der heutigen Zeit und Gesellschaft, dass viel öffentlich zur Schau gestellt wird. Die große Reichweite finde ich nicht unbedingt gut, denn heute hat das größere Konsequenzen.<BR /><BR /><b>Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?</b><BR />Cagol: Ich denke, die Sozialen Medien haben unsere Feedbackkultur nachhaltig beeinflusst. Das, was von anderen im Netz gut geheißen wird, hat einen hohen Stellenwert. Man kann damit sogar Geld verdienen. Grundsätzlich brauchen wir Anerkennung. Likes auf unsere Posts im Netz können bestärkend sein. Der Schuss kann aber auch nach hinten losgehen. Dazu zählen extreme Phänomene wie Cybermobbing und Hate-Kommentare. Wenn man viel von sich preisgibt, ist man auch angreifbar. Dass man nicht Everybodys Darling sein kann, ist auch klar. Leider ist es relativ einfach, im Netz andere zu beleidigen. Es gibt Studien, die belegen, dass wir tendieren, grausamer zu anderen zu sein, wenn wir Ihnen nicht direkt in die Augen schauen. Gegen diese Angriffe sind vor allem Jugendliche leider oft in keinster Weise gewappnet. Deshalb glaube ich, dass es sehr wichtig ist, die Medienkompetenz zu stärken. <BR /><BR /><b>Was kann so ein Rachesong bei dem Ex-Partner bewirken?</b><BR />Cagol: Es ist sicher keine gute Sache. Als Promi bin ich aber dem Medienrummel ausgesetzt und kann hoffentlich damit besser umgehen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-58196682_quote" /><BR /><BR /><b>„Flowers“ ist auch ein Befreiungssong und ein Confidence Booster für Frauen, besonders das Video... Welche Rolle spielt die bewusste Auswahl der Kleidung?</b><BR />Cagol: Anscheinend trägt Miley Cyrus am Ende des Videos den Anzug ihres Ex-Mannes. Wenn das stimmt, hat dies natürlich eine starke Symbolik. Als ich das Video zum ersten Mal sah, hat mir die Darstellung der Verwandlungsfähigkeit von Frauen gut gefallen. Vom Vintage-Kleid, zur Unterwäsche bis hin zum Herrenanzug. Man kann sich auch daran stören, dass viel Körper und nackte Haut zu sehen ist und sich fragen, ob das für eine zeitgerechte Darstellung der Frau gut ist. Wo sich die Aufmerksamkeit hinrichtet, entsteht Wirklichkeit. Ich glaube, das Video kann einladen, viele unterschiedliche Geschichten zu erzählen.<BR /><BR /><b>In den sozialen Medien findet man viele Menschen, auch Promis, die Mileys Tanzperformance kopieren. Was hat es mit diesem Nachahmungseffekt auf sich?</b><BR />Cagol: Man kann grundsätzlich beobachten, dass es im Netz Mode ist, Trends nachzuahmen. Es scheint zu funktionieren, denn man muss sich nicht neu erfinden, sondern nachahmen und man bekommt Anerkennung. <BR /><BR /><b>Warum glauben Sie also, hat dieser Song so eingeschlagen?</b><BR />Cagol: Der Moment der Veröffentlichung ist sicher sehr prägend. Wir alle befinden uns in der Zeit nach der Corona-Pandemie und mitten im Ukraine-Krieg. Wir haben uns als Opfer gefühlt und alles fiel uns schwer. Verzweiflung ist leider ein weit ausgebreitetes Gefühl. Menschen sehnen sich nach Optimismus, sie wollen eine Nachricht der Hoffnung. Wäre der Song nächstes Jahr, oder im vorigen Jahr herausgekommen, hätte er vielleicht nicht so viel Erfolg gehabt.<BR /><BR /><BR /><b>2. Das sagt die Komponistin Manuela Kerer</b><BR /><BR /><b>„Flowers“ ist der meist gestreamte Song in einer Woche in der Geschichte von Spotify (fast 100 Millionen) und der viert meist gestreamte an einem Tag (17,5 Millionen). „I can buy myself flowers“ ist dabei die Zeile, die zum Ohrwurm geworden ist. Was ist ein Ohrwurm und warum sorgen die paar Worte im Lied von Miley Cyrus dafür, dass man sie nicht mehr vergisst?</b><BR />Manuel Kerer: Ein Ohrwurm ist eine Melodie, ein Lied oder eine musikalische Wendung, die uns nicht mehr „aus dem Kopf geht“, ohne dass wir diesen Vorgang bewusst steuern. Die Wissenschaft hat sich in den letzten Jahren viel mit diesem Phänomen beschäftigt und verschiedene Erklärungsansätze und Theorien dazu entwickelt. Interessant ist, dass wir besonders anfällig für Ohrwürmer zu sein scheinen, wenn wir eher entspannt sind und unser Gehirn gerade nicht mit etwas Kompliziertem oder Aufmerksamkeitfordernden beschäftigt ist. Man könnte also sagen: Wenn sich unsere grauen Zellen langweilen, dudelt es besonders häufig in unserem Kopf. Es gibt kein Patent-Rezept, wie Musik zum Ohrwurm wird, aber Forscher haben herausgefunden, dass besonders zuerst steigende und dann wieder fallende Tonhöhenverläufe an unser Gedächtnis klopfen. Miley Cyrus' Refrainstelle „I can buy myself flowers“ startet zwar mit einer fallenden Tonfolge, steigt aber sofort danach und fällt dann wieder, was diese Theorie bestätigt. Andere Studien haben ergeben, dass Intervallsprünge oder Wiederholungen von Teilabschnitten uns besonders hartnäckig im Kopf bleiben: Auch das erfüllt der Refrain von „Flowers“. Ich denke aber, dass auch Geschmack und Gewohnheit wahnsinnig viel ausmachen. Mir persönlich bleiben gewisse Harmoniewendungen von Beethoven- Symphonien oder ungewöhnliche Melodieverläufe viel eher im Kopf.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="863264_image" /></div> <BR /><BR /><b>Auch wenn Miley im Song die Trennung von ihrem Ex-Mann verarbeitet, vermittelt das Lied Wohlbefinden. Welche musikalischen Elemente sind dafür verantwortlich?</b><BR />Kerer: Das sind zum einen der unbeschwerte, mit Betonungen spielende 4/4 Rhythmus mit Schlagzeug und Gitarrenriffs, bei dem quasi automatisch ein Bein mitzuwippen beginnt. Die Tonalität ist vorwiegend in Dur gehalten, was zur guten Laune beiträgt. Zum Wohlbefinden trägt auch die verspielte Instrumentierung bei, die einen gewissen Retro-Touch und einen coolen 70-er Vibe transportiert, verstärkt durch Streicherklänge, die gegenläufig zum Gesang geführt sind. Aber auch Mileys rauchige Stimme vermittelt Entspannung und Coolness, was die Leute einfach gerne hören. <BR /><BR /><b>Auch Shakira verarbeitet in ihrem Song „BRZP“ die Trennung von Ex-Fußball Weltmeister Gerard Piqué. Sie befasst sich mit dem Thema auf eine direkte, fast angreifende Art. Welche Unterschiede können wir auf musikalischer Ebene zwischen Shakiras und Miley Cyrus erkennen?</b><BR />Kerer: Shakiras Song spielt im Gegensatz zu Mileys „Flowers“ mit elektronischen Elementen wie Bearbeitungen und leichten Verzerrungen der Stimme. Auch die Instrumentierung ist sehr auf elektronische und Sythesizer-Klänge ausgerichtet. BRZP ist schneller, wirkt auch dadurch insgesamt musikalisch etwas aggressiver, was durch einen Sprechgesang-Anteil verstärkt wird. Insgesamt haben beide Sängerinnen ihren ganz persönlichen Stimmklang, der sich natürlich unterscheidet.<BR /><BR /><b>Welches sind hingegen die Ähnlichkeiten?</b><BR />Kerer: Beide haben einen gerade Rhythmus, beide haben eine klare Strukturierung und ein Intro, auf das Strophe und Refrain folgen. Beide Songs sind sehr gut produziert.<BR /><BR /><embed id="dtext86-58197844_quote" /><BR /><BR /><b>Im Video möchte Miley Cyrus nicht nur die Unabhängigkeit unterstreichen, sondern auch das Selbstbewusstsein einer Single-Frau betonen. Würden Sie diesen Song als feministisch bezeichnen? Gibt es überhaupt feministische Züge in der Musik?</b><BR />Kerer: Die Musik des Songs an sich würde ich nicht als feministisch bezeichnen. Bei „Flowers“ ist es mit Sicherheit der Text, der das „Empowerment“ transportiert. Interessant ist, dass Miley auf Bruno Mars' Song „When I Was Your Man“ anspielt, wo es heißt „That I should've bought you flowers and held your hand“, auch im melodischen Verlauf ist eine gewisse Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen. Insgesamt vermittelt jedenfalls der Text, dass es ok ist, alleine zu sein, dass das Wichtigste ist, sich selbst zu lieben, was natürlich wichtige Botschaften sind. Die Musik legt sich wirklich gut unter diese Message, allein vermittelt sie diese aber nicht. Das kann, will und soll Musik auch nicht, denn das ist gerade das Wunderbare an ihr: Jede und jeder kann Verschiedenstes in diese universale Sprache hineininterpretieren. Wenn wir über das Video sprechen, kann man natürlich darüber streiten, ob es feministisch ist, seinen makellosen Körper in Unterwäsche im Rhythmus zu räkeln. Viele Feministinnen würden behaupten, Miley macht sich damit zum Objekt. Andererseits kann argumentiert werden, dass sie selbstbewusst ihren Körper zeigt, was natürlich ihr absolut gutes Recht ist. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass einem diese Gefahren bewusst sind, dass klar ist, dass die Musikindustrie auch nach dem Prinzip „Sex sells“ funktioniert und dass es nicht nur ein einziges Schönheitsideal gibt.<BR />Feministische Züge in der Musik gibt es für mich, wenn ich die ganze Musikgeschichte betrachte und sehe, wie viele Frauen im Laufe der Zeit dafür gekämpft haben, musizieren und Musik komponieren zu können. Für die Musik selbst sollte es aber eigentlich völlig irrelevant sein, welches Geschlecht sie hervorbringt. Aus meiner Sicht sollte nur eine Kategorisierung relevant sein: Gute oder schlechte Musik.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />