Unterstützung erhält der außergewöhnliche Klangkörper diesmal von der Südtiroler Jodelkönigin Anneliese Breitenberger.Sie beschreiten mit ihrem hochkarätig besetzten Klangkörper musikalisch immer wieder neue Wege und haben eine individuelle Tonsprache entwickelt, in der sich Elemente unterschiedlichster Genres zu einem homogenen Ganzen verbinden. Gibt es stilistische Einschränkungen für Sie?Gerd Hermann Ortler: Nein. Ich sehe Musik in erster Linie nicht als in verschiedene Stile unterteilte Kunstform. Man konzentriert sich viel zu sehr auf das Kategorisieren. Musik ist etwas Universales und muss nicht nach stilistischen Gesetzen zerstückelt werden. Entscheidend ist die Qualität, nicht das Etikett. Außerdem leben wir in einer globalisierten Welt, in der dem Hörer eine noch nie da gewesene Vielfalt an Musik der Vergangenheit, der Gegenwart und Musik aus verschiedensten Ländern zur Verfügung steht. Das beeinflusst die musikalische Entwicklung und eröffnet neue kreative Möglichkeiten.Für Ihren Auftritt bei transart haben sie ein Stück für die Südtiroler Jodelkönigin Anneliese Breitenberger komponiert. damit betreten sie wieder ein neues Terrain. Was war an dieser Aufgabe besonders reizvoll?Gerd Hermann Ortler: Ich fand es interessant, das Jodeln, ein bedeutendes Element der Südtiroler Musik-Tradition, aus meiner Perspektive darzustellen und in meine Tonsprache einzubinden. Gustav Mahler sagte einst: ‚Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.‘ Für das Feuer kann ich garantieren.Sie wurden mit dem „downBeat Student Music Award 2010“ in der Kategorie „Jazz Arrangement, Graduate College Winners“ ausgezeichnet. Die Auszeichnung gilt als Ritterschlag in der internationalen Jazzszene. Und: 2010 wurde, erstmals wieder nach Jahren, ein europäischer Musiker damit bedacht. Wie haben Sie von der Auszeichnung erfahren und wie wirkt sie sich auf Ihre Arbeit, ihre Karriere aus?Gerd Hermann Ortler: ich habe einen Anruf meines damaligen Kompositionsprofessors Ed Partyka erhalten, welcher von meiner Auszeichnung im DownBeat Magazine gelesen hatte. Ich war sehr überrascht, weil ich nicht damit gerechnet hatte. Nach einer Woche bangen Hoffens, dass es kein Druckfehler war, habe ich dann glücklicherweise ein offizielles Gratulationsschreiben und den Preis erhalten. Diese Auszeichnung hat mir, auch weil sie selten nach Europa geht, großen Rückenwind gegeben. Mit dem Preis wurde es einfacher Leute und Institutionen von meinen Projekten zu überzeugen. Gerade am Beginn einer Komponisten-Karriere sind solche Auszeichnungen sehr wichtig, da man öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, die einem bei seiner Arbeit im stillen Kämmerlein eher selten zu Teil wird. Trotzdem sollte man nicht vergessen, dass ein Preis weder der alleinige Schlüssel zum Erfolg, noch die absolute Wahrheit ist. Er nimmt einem nicht die Arbeit ab und ändert auch nichts an der Qualität der Kompositionen.Sie haben die Auszeichnung des downBeat Magazine für das Arrangement von Madonnas Welthit „like a virgin“ zugesprochen bekommen. warum gerade Madonna?Gerd Hermann Ortler: Ich wollte eine bekannte Melodie humorvoll aufbrechen und in einen neuen Kontext stellen. „Like a Virgin“ ist perfekt dafür. Ich suchte ein sehr berühmtes, eingängiges Stück mit Kultstatus. Ein solches erlaubt es nämlich auch Leuten, welche sich eigentlich nicht sonderlich für komplexe Musik interessieren, meinem Arrangement zu folgen und sich auf das Abenteuer einzulassen, da sie sich an der Ausgangsmelodie orientieren können. Doch wenn Sie mit ihrer Frage auf meine tiefere Beziehung zu Madonna anspielen wollten, so muss ich Sie leider enttäuschen…Ihr Werdegang liest sich bilderbuchhaft… Ausbildung an der „Konservatorium Wien – Privatuniversität“ und der „Universität für Musik und darstellende Kunst Graz“, Begabtenstipendium der Stadt Graz, 2010 dann der renommierte US-amerikanische „downBeat Student Music Award“, 2011 das Staatsstipendium für Komposition vom österreichischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Wie hat eigentlich alles begonnen? Gerd Hermann Ortler: Ich kann gar nicht genau sagen, wie und wann ich zur Musik gekommen bin. Feststeht, dass sie – seit ich mich erinnern kann – immer da war. Ich wurde nämlich in eine musikalische Familie hinein geboren. Anfangs waren vor allem meine Eltern und mein Großvater maßgeblich. Dieser war Kapellmeister in Glurns und spielte eine Reihe von Instrumenten. Er war sozusagen mein erster Lehrer. Ich glaube, dass der frühe Umgang mit Musik einem hilft, sie als etwas sehr Natürliches wahrzunehmen und einem das nötige Selbstvertrauen gibt. Dieses braucht man nämlich, wenn man die verschiedenen Ausbildungsstätten durchläuft. Meine wichtigsten Lehrer in Südtirol waren Hans Tutzer im Fach Saxophon und Andreas Cappello im Fach Klavier.Sie haben mich fit für mein Studium gemacht. Entscheidend für meine professionelle kompositorische Laufbahn war die Bekanntschaft mit Universitätsprofessor Ed Partyka. Ich habe von ihm sehr viel gelernt und große Unterstützung für meine Projekte erfahren. Er war es auch, der mich dazu ermutigt hat das GHO Orchestra zu gründen.Welche Rolle spielt Ihre Herkunft in Ihren Arbeiten? Eines Ihrer Stücke, das Sie 2008 beim Internationalen Kompositionswettbewerb „Jazzverk“ in Schweden aufgeführt haben, trägt beispielsweise den Titel „Willsch oane zu d’ Oarn?“Gerd Hermann Ortler: Ich bin Glurnser und warum soll ein schwedischer Moderator nicht mal einen Titel auf Vinschgerisch ansagen? „Willsch oane zu d’ Oarn?“ ist zudem eine legitime Frage und hat durchaus auch eine musikalische Dimension. Meine Herkunft ist Teil meiner Identität und Ausgangspunkt meines musikalischen Weges. Natürlich kamen und kommen im Laufe der Zeit immer neue Erfahrungen und Stationen dazu. Man verändert und entwickelt sich. Man lernt Neues kennen und man vergisst so einiges. Das Leben schnitzt kräftig an einem herum, deshalb ist die Rückbesinnung auf die Herkunft in turbulenten Zeiten ein wichtiger Anker. Es kommt allerdings auch der Moment, wo man den Anker einholen muss, um auf das offene Meer zu treiben, damit man neue Ufer entdecken kann.Wie würden sie die Zutaten für Ihren erfolg beschreiben?Gerd Hermann Ortler: Ich finde, dass Authentizität sehr wichtig ist. Wenn Musik ehrlich gemeint ist und eine starke Emotion transportiert, dann kann sie viele Menschen erreichen und überzeugen. Außerdem sind Individualität und Wiedererkennungswert, sowie die erzählerische Kraft einer Komposition fundamental. Von äußerster Wichtigkeit für ein erfolgreiches Projekt sind die ausführenden Musikerinnen und Musiker. Und ich habe das Glück in meinem GHO Orchestra mit außergewöhnlichen Instrumentalisten aus bedeutenden Orchestern, wie den Wiener Philharmonikern und dem Orchester der Wiener Volksoper, sowie mit fabelhaften Musikern der europäischen Jazzszene zusammenzuarbeiten. Sie alle sind ein wichtiger Teil des Erfolgs, denn auf die Umsetzung kommt es schlussendlich an.Welches Konzertprogramm darf sich das transart-Publikum unter dem Titel „Two Or More Sides Of the Same Coin“ erwarten?Gerd hermann Ortler: Dieses Programm besteht aus meiner Suite „A Snail’s Life“ und dem Concerto „Two Or More Sides Of The Same Coin“, das ich für den großartigen Saxophonisten Wolfgang Puschnig geschrieben habe. In diesem Konzertprogramm transformiert sich das GHO Orchestra in ein Kammer-Ensemble. Der Klang eines Streichquartetts steht dem Sound einer Jazz-Rhythmusgruppe, einer weiblichen Stimme, sowie Holz- und Blechbläsern gegenüber. Im Spannungsfeld der unterschiedlichen Klangfarben finden die Elemente des Jazz und der klassischen Musik zueinander, ergänzen sich und führen zu einem einheitlichen Ziel: Musik von künstlichem Schubladendenken zu befreien und spartenspezifische Assoziationen und Erwartungen aufzubrechen. Dies wird übrigens mein Debüt-Konzert mit dem GHO Orchestra in Südtirol sein. Ich freue mich schon sehr!