<b>von Ferruccio Delle Cave</b><BR /><BR />Strawinski hat nach eigenen Aussagen an seinem Oratorium „Oedipus Rex“ hart gearbeitet, stets die musikalische Ausformung der Tragödie des Sophokles im Auge behalten: <i>„Ebenso wie mir das Lateinische, dessen man sich im täglichen Leben nicht mehr bedient, eine gewissen 'Haltung' aufzwang. So verlangte auch die musikalische Sprache selbst nach einer hergebrachten Form“,</i> wie er in seiner Autobiografie „Mein Leben“ festhält. Sein mit Jean Cocteau getexteter „Oedipus Rex“ ist ein „szenisches Oratorium“ nach Sophokles und wurde am 30. Mai 1927 im „Théâtrè Sarah Bernhardt“ in Paris uraufgeführt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223403_image" /></div> <BR /><BR />Zum ersten Mal überhaupt in unseren Breiten erklang der archaische Duktus dieses Werkes als Saisoneröffnung des <b>Teatro Stabile</b> im Stadttheater Bozen, monumental und archaisch zugleich. Eine Zusammenarbeit mit der <b>Stiftung Haydn</b> und dem <b>Ensemble Vocale Continuum</b> unter der Leitung seines Chordirigenten <b>Luigi Azzolini.</b> Die musikalische Gesamtleitung hatte <b>Donato Renzetti</b> inne und präsentierte in einer knappen Stunde ein geschlossenes Oratorium in all seiner formalen Strenge, das aber auch eine emotionale Wucht ausströmte. <BR /><BR />Die Inszenierung verzichtete bewusst auf Bewegung und setzte stattdessen auf musikalische und sprachliche Ausdruckskraft. <b>Toni Servillo</b>, gefeierter Schauspieler und Regisseur, führte als Erzähler mit größter Strenge durch die tragische Fabel, seine Stimme verlieh dem lateinischen Libretto eine greifbare Dramatik, ohne die Monumentalität des Werks zu unterbrechen. Die Entscheidung, das Werk in Latein zu belassen und die Handlung durch einen Sprecher in italienischer Sprache zu vermitteln, schuf eine, dem antiken Stoffe gerechte Atmosphäre. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223406_image" /></div> <BR /><BR />Das <b>Haydn Orchester</b> unter der Leitung von Donato Renzetti zeigte klangliche Präzision. Der Continuum-Vokalchor unter Luigi Azzolini überzeugte mit kraftvoller Präsenz und klanglicher Homogenität, besonders in den Erzählpassagen, die Strawinskij getreu dem antiken Chor als statische Dramatik begreift.<BR /><BR />Die Gesangsolistinnen und -Solisten (<b>Magnus Vigilius</b> als Ödipus, <b>Katharina Magiera</b> als Iokaste, <b>Mateusz Ługowski</b> als Kreon und Bote, <b>Anthony Robin Schneider</b> als Tiresias und <b>Saverio Fiore</b> als Hirt kamen über eine mittelgute Leistung nicht hinaus und hätten, ganz vorne am Bühnenrand aufgestellt, mehr Bühnenpräsenz erhalten! <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223409_image" /></div> <BR /><BR />Der „Ödipus Rex“ war in dieser Aufführung kein gewöhnlicher Opernabend, sondern ein Ritual, eine musikalisch-theatrale Beschwörung antiker Tragik. Die Kombination aus Strawinskys kompromissloser Komposition, Servillos eindringlicher Erzählkunst und des Orchesterklanges sowie der Monodie der Chorpassagen haben dem Abend ihr ureigenes Kolorit verliehen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223412_image" /></div> <BR /><BR /><b>Weitere Termine:</b> Heute, 20.30 Uhr; 10. und 11. Oktober, 19 Uhr; 12. Oktober, 16 Uhr, Stadttheater Bozen<h3> 5 Fragen an Toni Servillo</h3><b>Wann haben Sie „Oedipus Rex“ zum ersten Mal entdeckt und welchen Eindruck hat Strawinskys Interpretation der griechischen Tragödie auf Sie gemacht?</b><BR />Toni Servillo: Ich bin seit vielen Jahren ein Liebhaber klassischer Musik, ja, ich glaube, sie ist vielleicht meine größte Leidenschaft. Ich habe eine umfangreiche Plattensammlung mit vielen Titeln, oft von verschiedenen Interpreten. „Oedipus Rex“ habe ich zum ersten Mal gehört, als ich mich mit Strawinskys Werk zu beschäftigen begann. Zuerst habe ich mich mit seinen Meisterwerken, „Der Feuervogel“, „Le Sacre du printemps“ auseinandergesetzt, dann entdeckte ich den Opernkomponisten Strawinsky mit „La carrière d'un libertin“, und gleichzeitig erinnere ich mich an die „Sinfonia di Salmi“ – ein selten aufgeführtes Meisterwerk – und an diesen wunderbaren „Oedipus Rex“, den ich bereits in der Vergangenheit mit dem Orchester der RAI unter der Leitung von Juraj Valcuha aufführen durfte.<BR /><BR /><b>Als Narrator ist Ihre Rolle in „Oedipus Rex“ von grundlegender Bedeutung. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen?</b><BR /><?Schrift Spationierung="0ru"> Servillo: Sehen Sie, es gibt keine Herausforderung, es ist ein immenses Vergnügen, sich inmitten eines Orchesters zu befinden, das Musik von einer Schönheit spielt, die in manchen Momenten unerträglich ist. Ich erinnere mich, dass ich mir zugezwinkert habe, als ich zum ersten Mal an dieser Oper mit dem ersten Geiger des Orchesters der RAI Turin mitgewirkt habe, der wiederholte: „Was für eine wunderbare Musik, was für eine wunderbare Musik.“ Es gibt keine Herausforderung, tatsächlich begleitet der Erzähler die Handlung, indem er die Geschichte des Mythos von Ödipus auf schonungslose Weise erzählt. Es gibt auch szenische Versionen dieser Oper mit Bühnenbild und Kostümen. Doch meiner Meinung nach liegt die Kraft dieses Abends ganz in der Musik, und der Monumentalität, die aus der Klangmasse strahlt und auf den Zuschauern widerhallt. Auch wählte Strawinsky Latein nicht, weil es eine tote Sprache ist, sondern weil es eine versteinerte Sprache ist.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1223415_image" /></div> <BR /><?_Schrift> <BR /><b>Die Entscheidung des Stabile, die Saison mit einem monumentalen Werk wie „Oedipus Rex“ zu eröffnen, das sich mit einem archaischen Mythos befasst, ist ungewöhnlich und scheint nicht in die heutige Zeit zu passen. Was halten Sie davon und welche aktuellen Zusammenhänge können diese Entscheidung rechtfertigen?</b><BR />Sorvillo: Ich finde die Idee wirklich sehr schön. Als mir die Möglichkeit angeboten wurde, habe ich nicht gezögert, denn ich liebe es, unter den Musikern zu sein, die dieses Wunderwerk aufführen. Sie sprechen von einem monumentalen Werk: Das heißt, Stra- winsky wollte, dass dieses Mysterium für den Zuschauer in dieser versteinerten Atmosphäre eingeschlossen bleibt, aber trotz Versteinerung kommt es zu außergewöhnlichen Emotionen, weil die Musik wunderschön ist. Die Arie von Iokaste ist wunderbar, die Arien von Ödipus ebenso. Und dann gibt es noch diese Haltung, die Strawinsky gegenüber den klassischen Musikformen seiner Vorgänger einnimmt, daher gibt es hier Sinfonik und es gibt Bereiche, die an Verdi erinnern. Ich glaube, er hat sich auch sehr amüsiert, indem er in diesem Werk ein Kompendium der Musik kreiert. Und in dieser versteinerten Atmosphäre setzt er das Lateinische, das alles übersteigert, gleichzeitig auch vervielfacht es das Geheimnis, das in dieser Geschichte steckt, deren Protagonist Ödipus ist. Aus kultureller Sicht hat Ödipus ein sehr langes Leben in der Literatur, im Kino gibt es einen wunderbaren Film von Pasolini, um nur einen zu nennen. Als ich meine Ausbildung machte, lasen wir Bücher über Ödipus, heute scheint mir, wird dies Lektüre kaum angeboten, diese Themen werden nicht mehr so häufig behandelt. Umso lobenswerter ist es, dass dieses Theater ein Zeichen setzt, indem es die Saison mit diesem Werk eröffnet. Ich wiederhole, wir haben Begriffe wie „Mysterium“ und „versteinert/monumental“ verwendet, die das Publikum vielleicht verwirren könnten, aber die Musik ist von einer unerschöpflichen Schönheit.<BR /><BR /><b>Die Kombination aus Stra- winsky Komposition, der Musik des Haydn Orchesters und dem Ensemble Vocale Continuum ist ein Beispiel für die Verbindung zwischen Theaterkunst und Musik, zwischen Wort und Klang. Sie haben bereits in der Vergangenheit an ähnlichen Produktionen mitgewirkt auch mit dem Maestro Donato Renzetti…</b><BR /><?Schrift SchriftWeite="97ru"> Servillo: Ich habe mit Renzetti ein zeitgenössisches Melodram mit Texten von Giuseppe Montesano aufgeführt. Es ist der Autor, mit dem ich in der letzten Saison hier in Bozen zusammengearbeitet habe. Die Texte stammen aus seinem bei Feltrinelli veröffentlichten wunderschönen Roman mit dem Titel „Di questa vita menzognera“ (Von diesem lügnerischen Leben) und die Musik vom großartigen zeitgenössischen Komponisten Fabio Vacchi. Das Melodram trug den Titel „Eternapoli“ und handelte von einem Gangster, der die Stadt in einen touristischen Vergnügungspark verwandeln wollte, was in unseren Städte in gewisser Weise tatsächlich passiert. Das Stück hätte im San Carlo von Neapel aufgeführt werden sollen samt Tournee, die jedoch wegen der Pandemie unterbrochen wurde. Wer weiß, vielleicht wird sie eines Tages wieder aufgenommen. <BR /><?_Schrift> <BR /><b>Sie sind ein großer Musikliebhaber, so sehr, dass Sie von der Universität Bologna die Ehrendoktorwürde in Musik- und Theaterwissenschaften erhalten haben, als Zeugnis Ihrer Verbundenheit mit der Kunst in all ihren Formen. Wenn Sie ein Instrument auswählen könnten, welches würden Sie gerne spielen?</b><BR />Servillo: Nein, ich würde kein Instrument wählen, wenn ich die Möglichkeit hätte, ein anderes Leben zu führen, aber das ist nicht möglich. Ich würde aber ernsthaft Musik studieren, und ich würde sehr gerne dirigieren.