Freitag, 19. März 2021

Paul Thuiles „genius loci

In seiner fünften Einzelausstellung in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman in Innsbruck präsentiert Paul Thuile neue Arbeiten, die fotografisch dokumentierte Wandzeichnungen als Lichtobjekte im Raum erfahrbar machen und – wie der Titel andeutet – um den alten Topos des genius loci (lat. „der Geist des Ortes“) kreisen.

Der Künstler Paul Thuile spricht im STOL-Video über seine Ausstellung "genius loci" in der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman. - Foto: © stol
Oft sind es unbewohnte oder zum Abriss bestimmte Gebäude, die Thuile aufsucht, um dort in einem spontanen künstlerischen Akt Alltagsgegenstände oder Ausschnitte eines Raumes in umrisshaften Zeichnungen an die Wand zu fixieren.

Scheinen die vom Künstler skizzierten alltäglichen Motive oder Architekturelemente vordergründig wertneutral, so erhalten sie mit dem Wissen, dass Menschen von ihnen Gebrauch machten, dass sie wie „Zeitzeugen“ von der Vergangenheit erzählen, einen neuen Stellenwert. Paul Thuile fertigt seine Zeichnungen aus nächster Nähe zur Wand an, wobei er nur das darstellt, was sich in seinem Blickfeld befindet. Dadurch ergeben sich perspektivische Verzerrungen und architektonisch instabil anmutende Schrägansichten wie aus der Perspektive eines „Insekt(s), das aus seinem Sehtrichter die Welt erkundet“ (Paul Thuile).


In einem zweiten künstlerischen Akt lässt Thuile die Wandzeichnungen neben den entsprechenden „realen“ Raumausschnitten fotografieren. Dies ermöglicht eine mehrschichtige Raumerfahrung, die zwischen dem subjektiven Standpunkt des Künstlers und dem „objektiven“ Standpunkt der Kamera wechselt. Durch das Zusammenspiel von Zeichnung und Fotografie thematisiert Paul Thuile das Verhältnis von Wirklichkeit und Wahrnehmung und wirft die Frage auf, inwiefern Realität immer nur ausschnitthaft, also subjektiv verzerrt wahrgenommen werden kann.

Darüber hinaus werden in Thuiles Arbeiten auf verschiedenen Ebenen Momente der Zeitlichkeit aktiviert. So hält die fotografische Dokumentation der Zeichnungen nicht nur den künstlerischen Akt des Zeichnens auf Dauer fest, sondern beleuchtet – in dieser Ausstellung auch im wörtlichen Sinne – generell Raumerfahrung als Erfahrung in der Zeit. Subjektiv erlebt, vermittelt uns Paul Thuile über einen mehrstufigen künstlerischen Prozess – von der Wandzeichnung über die Fotografie bis hin zur Leuchtbox – den genius eines bestimmten Ortes, der mittlerweile womöglich schon der Vergangenheit angehört.


Vita

Der Künstler Paul Thuile (*1959 geboren in Bozen) lebt und arbeitet in Gargazon. Von 1982-1988 studierte er an der Hochschule für angewandte Kunst Wien bei Prof. Oswald Oberhuber. Seit 2002 ist er außerordentlicher Professor auf der Fakultät für Design an der Freien Universität Bozen. Thuile ist seit guten drei Jahrzenten in nationalen und internationalen Gruppen und Einzelausstellungen vertreten.

eva