Freitag, 06. September 2019

Romantik im Herbst: „Gut gegen Nordwind“ kommt ins Kino

Daniel Glattauers Bestseller-Liebes-Roman „Gut gegen Nordwind“ kommt ab 12. September in die heimischen Kinos. Man darf sich auf viele sehr schöne und berührende Momente freuen.

Der Film ist sehr berührend und melancholisch inszeniert. - Foto: Screenshot/Trailer/Youtube
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Der Film ist sehr berührend und melancholisch inszeniert. - Foto: Screenshot/Trailer/Youtube

Hauptfigur Leo bekommt in der Endphase seiner langjährigen Beziehung Mails von Emmi, die eigentlich ein Abo bei einem Verlag kündigen will und sich bei der Mailadresse verschrieben hat. Aus einem zunächst ruppigen Wortgefecht wird bald ein Flirt, und beide verlieben sich ineinander, ohne sich jemals in der Realität getroffen zu haben und ihr Aussehen zu kennen. So unterhalten sich die beiden über ihre innersten Gefühle und Probleme. Doch Emmi ist bereits verheiratet.

Viele schöne Momente

Auch mit einigen Handlungsänderungen ist Glattauers Briefroman naturgemäß schwer zu verfilmen: Film kommuniziert mit Bildsprache und Musik tendenziell emotionaler und ungreifbarer als Schrift. Die poetisch inszenierten, gesättigten Bilder und die subtile Musik arbeiten den Kontext der Mails aus und setzen diese in Relation zur Lebens- und Gefühlsrealität der Figuren. Nora Tschirner und Alexander Fehling geben der Handlung besonders durch ausgefeilte feine und minutiöse Mimik eine wichtige zusätzliche emotionale Ebene, sodass sie mit all ihren Fehlern, Ängsten und Problemen wunderbar menschlich und sympathisch sind. Gerade deswegen funktioniert der Film aber auch ohne Verweis auf die Vorlage gut und sorgt für viele sehr schöne und berührende Momente.

Buch erschien bereits vor 13 Jahren

Dass seit dem Erscheinen des Buches bereits 13 Jahre vergangen sind und der Film in der Gegenwart spielt, stellt ihn vor einige Probleme. Zwar werden die nun allgegenwärtigen Smartphones, die es 2006 noch nicht gab, gekonnt in die Handlung eingebaut und teils sogar als Ersatz des tatsächlichen Mailpartners zärtlich im Bett vor dem Einschlafen gestreichelt, während man noch auf den digitalen Gute-Nacht-Kuss hofft. Doch das am Anfang gegebene Versprechen, sich nicht gegenseitig zu googeln und auf keine der Dutzenden Chat-Apps umzusteigen, gibt der Beziehung im Jahr 2019 den Status eines Sozialexperiments, das spätestens mit wachsender emotionaler Beteiligung der beiden Figuren nicht mehr angebracht erscheint.

Der Film thematisiert besonders den Gegensatz zwischen analoger und digitaler Kommunikation. In der Realität gibt es beinahe nur Missverständnisse und Streit, lediglich der digitale Austausch zwischen Emmi und Leo funktioniert. „Emmi ist meine Freiheit“, bekennt Leo. Doch trotz des zumeist als Dialog inszenierten intensiven Schriftverkehrs, in den sich die beiden Figuren aus ihren Lebensumständen flüchten, sind beide einsam. Sind sie überhaupt beziehungsfähig? Ist es überhaupt irgendjemand?

Sehnsucht nach Liebe

Der Film thematisiert somit die Sehnsucht nach einer emotional tiefen, eindringlichen Beziehung, die im Gegensatz zur Reduktion auf körperliche Verhältnisse ohne Bindung steht: Für ein Mail von Emmi lässt Leo schon mal eine halb ausgezogene Frau auf dem Sofa liegen, um den Abend dann doch lieber mit seiner Cyber-Affäre Emmi vor dem Laptop zu verbringen, während er aus einem Wasserglas Rotwein schlürft. Reine körperliche Nähe wird von vornherein ausgeschlossen, „sonst kann ich ja auch zu (der Promiskuitätsplattform, Anm.) 'tinder' gehen“, schreibt Leo. Damit wirft der Film aber auch unweigerlich die Frage auf, wo das Fremdgehen in der digitalen Welt beginnt.

„Gut gegen Nordwind“ funktioniert als Liebesfilm, weil die selbstauferlegte Fernbeziehung und die Anonymität im digitalen Raum eine ganz eigene intensive Vertrautheit und Verbindung zwischen Leo und Emmi schafft, die aufgrund der wahrhaft eindrucksvollen schauspielerischen Leistung sehr berührend und melancholisch inszeniert ist. Doch fehlt das I-Tüpfelchen zum Glück – die physische Nähe. Oder würde diese den Mythos der perfekten Person am anderen Bildschirm zerstören? Weil sich die beiden Figuren manchmal gerade wegen des Blicks aufs Smartphone in der Realität nicht sehen, drängt sich die Frage auf, ob uns digitale Medien nicht doch einsamer machen.

stol/apa

stol