Samstag, 28. Juli 2018

Salzburger Festspiele: „Die Zauberflöte“ mit Magie

Zirzensische Magie provoziert die neue Inszenierung der Zauberflöte der US – Regisseurin Lydia Steier. Eine märchenhafte Gute – Nacht – Geschichte, die Klaus Maria Brandauer als Großvater den drei Knaben erzählt, wird zur besinnlichen Poesie, die auch durch die fantastischen Wiener Philharmoniker unter dem Dirigenten Constantinos Carydis zum Ereignis wird. Die Sänger sind eher mittelmäßig.

Foto: Ruth Walz
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Foto: Ruth Walz

Wenn Lydia Steier die Handlung in 11 Kapiteln abspielen lässt, dann beginnt das schon bei der Ouvertüre bei offenem Vorhang in einer Wohngegend anno 1913. Nach dem Abendessen begleitet der Großvater seine der Enkel in das Kinderzimmer, sie ziehen sich aus, schlüpfen mit ihren weißen Nachthemden ins Bett und lauschen dem Zauberflöten – Märchen.

Brandauer liest sehr innig und gleich erscheint der von Schlange verfolgte Tamino durch das Zimmerfenster und fleht um Hilfe, während die Drei Damen mit Gewehren das Unsichtbare Ungeheuer erschießen.

„Die Zauberflöte kann man im übertragenen Sinne als allesfressend bezeichnen“ (Lydia Steier)

Das wird auf der riesigen Bühne des großen Festspielhaues mit dem opulenten Bühnenbild von Katharina Schlipf und mit den Kostümen des fin de siècle  eindrucksvoll gezeigt, wobei die kindliche Überschwänglichkeit der üppigen Comics „Little Nemo“ von 1905 sicher große Nostalgien vor dem 1. Weltkrieg erweckt.

Aber Lydia Steier, die eine sehr gute Situationskomik und Personenregie auf die Bühne bringt, hat in ihrer Arbeit auch konzeptionelle Bruchlinien die oft schwer nachzuvollziehen sind, auch wenn es wundervoll ist, dass die drei Knaben und der Großvater immer auf der Bühne sind. Warum Brüche? Weil Sehnsüchte und Liebe durch überfrachtete Kostümierungen zur Farce werden.

„In jedem Falle ist der Erzähler ein Mann, der dem Hörer Rat weiß“ (Walter Benjamin)

Da sich die  Handlung der Zauberflöte nicht in einem Satz erzählen lässt, ist das „ Es war einmal“ Märchen an sich wundervoll auf die Personen bezogen, wenn etwa Papageno auch ins Buch des Großvaters guckt um das bürgerliche Traumspiel besser zu erkennen.

So ist die Welt der Königin der Nacht eine kriegerische martialische, während  die von Sarastro ein Magic Circus ist, wo enorm viele skurril gekleidete Typen, Jongleure, Zwerge ein nicht definierbares Spiel treiben. Doch bei all den Lichteffekten werden gutausgeklügelte Bewegungen zum tollsten Theater das sich allerdings in steter Wiederholung konsumiert.

Tamino, der Prinz, erscheint als Soldat im roten Ornat, die Drei Damen tragen Soldatenjoppen mit geschwungenen Plüschröcken, die Königin der Nacht trägt ein grellweises Kleid mit einem gehörnten Lyra – Hut, Sarastro hat Zirkus - Kleider a la Charles Dickens, wie auch seine Untertanen, die Pamina, die ja eigentlich die Hauptperson sein sollte, weil sie Tamino durch die Prüfungen führt, ist ein bleiches kleines  Rokokogirl, nur der Papageno erscheint als ulkiger Metzger der Gänse für Sarastro schlachtet.

Die drei Knaben als Stars

Die immer und überall anwesenden drei Knaben und auch der toll rezitierende Großvater – Brandauer berührt  mit seiner einfachen schlichten Erzählweise –  sind die gefeierten Stars des Abends.  Anzumerken ist, dass der 1. Akt weit schöner und schlüssiger inszeniert ist wie der folgende. Die Videos von „fettFilm“ sind  praktisch nicht vorhanden.

Dabei wären gerade im 2. Akt, wo wir lange nur die dunkelgrauen riesigen Stahlgerüste sehen, handlungsbezogene Filmsequenzen zu wünschen, zumal bei der entscheidenden Feuer – und Wasserprobe rein gar nichts passiert und Pamina und Tamino einfach regungslos dastehen. Es gibt zusammengefasst viel Poesie, aber insgesamt ist diese Inszenierung eine überbordende gut durchchoreographierte Glitzershow.

Überforderte Sänger

Selten war der Gesang so durchwachsen und unterschiedlich. Mathias Goerne ist ein blasser Sarastro, vor allem wenn seine tiefen Töne fast immer kraftlos verloren gehen, dagegen singt  Mauro Peter als  Tamino  schon die Bildnis – Arie mit viel Piano – Gefühl, die Pamina der Christine Karg überzeugt nicht, ihr  „Ach ich fühl es“ hat wenig Trauer

Die Drei Damen singen nicht homogen und: es fehlt ihnen auch das Zickige, blass ist auch – nicht der „Mohr“, nein, hier der weiße „Diener“ Monostatos von Michael Porter, gut  die Papagena der Maria Nazarova. Aber der vollkorpulente Adam Plachetka ist sängerisch wie darstellerisch (nie überzogen, natürlich) der beste und wünschenswerteste Papageno.

Den übertrifft nur noch die überragende Russin Albina Shagimuratova als Königin der Nacht! Erstens mit ihrer bedrohlichen Fasslichkeit bei den Koloraturen und dann sind ihre Spitzentöne von höchstem Erkenntniswert. Toll!

Überragende Wiener Philharmoniker

Sobald der Schlussjubel ausbricht, dann gehen zunächst Ovationen zu Recht an die Drei Knaben, jedoch wenn sich die Wiener Philharmoniker erheben, dann steigt der Jubelpegel noch weiter. Unfassbar, wie schön sie Mozart spielen, auch mit dem aufmerksamen Dirigenten Carydis, der Musiker mit nicht nur fein begleitet, sondern der auch die schönsten Farben durch eine intime Piano – Dynamik hervorlockt. Übrigens auch aus dem sublimen Wiener Staatsopernchor.

Es ist übermenschlich, wenn die Philharmoniker innerhalb von 24 Stunden ihr 1. Philharmonisches Festkonzert mit der gigantischen „Zweiten“ Mahler am Vormitttag spielen und gleich am Abend  auch  die Premiere der „Salome“  gestalten. Ein Musiker erzählte mir, der bei allen drei Veranstaltungen dabei ist, dass er in den letzten Tagen mit den Opern – Generalproben und den Konzertproben  4. Dienste an eine Tag hatte und betont, das er und alle Kollegen sagen: „Wir müssen das schaffen, weil wie die weltbesten sein wollen!“  Na wunderbar und bis zur „Salome“.   

C. F. Pichler aus Salzburg      

stol