<b>„Die Inspiration für eine Choreografie sollte der Tanz selbst sein“, haben Sie in einem Gespräch behauptet. Was bedeutet dies in Zusammenhang mit dem Festival Equilibrio?</b><BR />Emanuele Masi: Ich bin davon überzeugt, dass alles Inspirationsquelle für den Tanz sein kann. Tatsächlich gibt es, wie in allen Kunstgattungen, Themen, die immer wieder aufgegriffen werden. Dies geschieht beispielsweise in der Malerei häufig, wo es ikonische Werke gibt, die neu interpretiert werden oder als Anregung für Künstler dienen. Auch im Tanz greifen Choreografen oft auf „klassische“ Ballettstücke zurück.<BR /><BR /><b>Das Festival präsentiert eine Vielfalt von Genres, Musikstilen und Tänzen. Welches ist das verbindende Element?</b><BR />Masi: Ich denke, der Berührungspunkt ist die große Neugier. Dabei kann es sich um einen traditionellen Tanz, ein klassisches Ballett oder auch die Bibel handeln, wie im Fall der Tanzstücke „Hohelied“ oder „Todsünden“. Schließlich kann es auch die Metrik, der Rhythmus, der französischen Tragödie sein, so etwa in „Tragédie, new edit“ von Olivier Dubois. <BR /><BR /><b>„D“: Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Tanzfestival in Rom zustande?</b><BR />Masi: Ich glaube, man hat an mich gedacht, weil ich bei Tanz Bozen bewiesen habe, dass ich ein Festival wiederbeleben kann, das in einer bestimmten Phase seiner Geschichte weniger in der Stadt und in der Welt des Tanzes verwurzelt war. Und auch wegen des Programmformats „EDEN“ von 2020: Tanz von einem Tänzer für einen Zuschauer. <BR /><BR /><b>In Rom haben Sie auch Choreografen eingeladen, die in den vergangenen Jahren in Bozen dabei waren. Nach welchen Kriterien haben Sie diese ausgewählt?</b><BR />Masi: Das war mir eine Herzensangelegenheit, weil sowohl Künstler, das Tanz Festival Bozen selbst und ich zusammen „erwachsen“ geworden sind. Ein Beispiel dafür ist die Gauthier Dance Company, die uns seit Jahren als Gastkompanie begleitet. Von Bozen aus hat das Ensemble eine internationale Karriere hingelegt und tritt heute in New York oder Israel auf. <BR /><BR /><b>Lederhosen, Hosenträger, ein kariertes Hemd und Stutzen, das ist die typische Bekleidung eines Schuhplattlers. Das Festival schließt mit dem Stück „Folk-s“ lehnt sich sich an diesen Tanz an. Damit hat Alessandro Sciarroni 2019 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig (Sektion Tanz) gewonnen.Was werden der Choreograf und das Ballet de L'Opéra de Lyon in Rom zeigen?</b><BR />Masi: Die Uraufführung des Stückes fand schon 2012 statt – damals in Tracht. In der Tat gab es später mehrere Varianten dieser Aufführung. In Rom wird eine Version gezeigt, die für die Oper in Lyon geschaffen wurde. Die Kostüme sind also nicht traditionell, die Tänzer tragen einfache kurze Stoffhosen und T-Shirts. Sciarroni nutzt den Volkstanz für seine Ästhetik der ständigen Wiederholung auch in anderen Stücken. Wenn eine Bewegung oft wiederholt wird, ist es, als ob die Zeit stehen bleiben würde. Es gelingt, den Wert „Zeit“ besser zu genießen. In „Folks“ fällt vor allem die totale Vertrautheit auf, die zwischen den Tänzern entsteht, da sie sich dauernd beobachten müssen, weil auch ohne Musik getanzt wird. <BR /><BR /><b>Sie haben das Stück bereits 2017 im Museion gezeigt. Hatten Sie nie Bedenken, diesen so beliebten alpenländischen Volkstanz in dieser Variante in Südtirol zur Aufführung zu bringen?</b><BR />Masi: Doch. Schon seit 2012 ist mir „Folk-s“ mehrmals angeboten worden. Doch wie soll ein italienischer Choreograf einen Südtiroler Volkstanz interpretieren, so dass er nicht das Gemeingefühl verletzt, war meine Überlegung. Als Sciarroni mit viel Feingefühl und im Dialog mit einer Volkstanzgruppe aus dem Ahrntal das Stück überarbeitete, wusste ich, dass so es richtig ist. Damals im Museion traten Kinder, lokale Tänzerinnen und Tänzer, Schuhplattler und ein Akkordeonspieler auf. <BR /><BR /><b>Apropos Museion, auch 2023 weichen Sie ins Museion aus…</b><BR />Masi: Ja, die Ausstellung „Plot“ von Asad Raza wird zum Schauplatz von Tanz Bozen. Die Choreografin Moriah Evans wird 2 Performances kreieren für die hybride Umgebung im zweiten Stock – ein Terrain aus Erde. <BR /><BR /><b>Und was darf sich der Zuschauer noch von Tanz Bozen 2023 erwarten? </b><BR />Masi: Stand 2022 der Körper im Mittelpunkt, ist es 2023 der Geist. Weitere Themen, die wir anschneiden sind der Machismo und der Feminismus. Auch werden wir die Queer-Ikone Ivo Dimchev sehen und die Gauthier Dance Company mit dem Stück „Lieben Sie Gershwin?“.<BR /><BR /><b>Ihr Vertrag als Künstlerischer Leiter von Tanz Bozen läuft noch bis 2025, und dann?</b><BR />Masi: (lächelt) Ich denke immer darüber nach, was das Beste für das Festival ist…<h3>Das Tanzfestival Equilibrio</h3>in Rom wird von der Stiftung „Musica per Roma“ in Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium vom 7. bis 25. Februar veranstaltet. Auch bei der 17. Ausgabe sind internationale zeitgenössische Choreografen eingeladen, die ein ausgedehntes Programm mit Flashmobs, Vorträgen und Videodokumentationen zeigen. Nach einem zweijährigen Corona-bedingten Zwangsstopp, wurde Emanuela Masi, künstlerischer Leiter von Tanz Bozen, mit dem Neustart beauftragt, der nun zum zweiten Mal das Tanzfestival kuratiert. Ort: Auditorium Parco della Musica von Renzo Piano, Pietro de Coubertin str., 30, Rom. <Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR />