Im kleinen Raum muss er sich anstrengen, in seinem Streifenkleid stemmt er kniend, auf ein Bein gestützt, die karierte Kugel nach oben: Karo und Streifen, Atlas und zerknitterte Himmelskugel erzeugen ein besonderes visuelles Raumerlebnis. Ein Gespräch. von Eva Gratl<BR /><BR /><b>Atlas ist eine Figur der Mythologie, sie trägt das Himmelgewölbe. Sie haben sich an dieser Figur inspiriert, er trägt eine zerknitterte Kugel. Nun kann man als Betrachtende ja viel assoziieren. Was war Ihre Intention? Tragen wir heute so schwer? </b><BR />Esther Stocker: Ja, sicher mischt sich da ein Grundgefühl über die Weltlage hinein. Ich denke schon, dass einige Menschen sehr viel tragen, etwas das größer ist als sie selbst und auch ihre eigene Verantwortung überschreitet. Und ich habe auch direkt mehrere Menschen aus meinem Umfeld vor Augen, und ein persönliches Gefühl hat sich da hineingemischt. Ganz besonders interessiert mich eine gewisse Ambivalenz, die diese Figur für mich ausstrahlt: Sie wirkt einerseits sehr beschwert, fast erdrückt, andererseits stellt sie sich aber auch einer großen Aufgabe und nimmt diese schwierige Situation auf sich. <BR /><BR />Ich dachte auch an den Turm im Schloss Tirol und einer gewissen Erwartung, die uns doch unbewusst beschleicht, wenn man ganz nach oben kommt. Gibt es da vielleicht eine Belohnung, löst sich da ein Rätsel? Lüftet sich ein Turm-Geheimnis? Für mich hat die Atlas Figur aufgrund ihrer kosmologischen Verbundenheit eine Bedeutung. Die Darstellung eines Menschen, der sich am Himmelskörper und einer zu großen Form abmüht, finde ich sehr berührend. Meine Faszination gilt auch der Tatsache, dass solche Figuren überdauern und wohl Grundbilder, Grundzustände des Menschseins beschreiben können.<BR /><b><BR />Schwarz-Weiß ist Ihre Kunst-Sprache. Was kann diese im Vergleich zu anderen Farben? </b><BR />Stocker: Es geht da für mich in erster Linie um die genaue Beschreibung von Differenzierungen, das Unterscheiden der Beziehungen zwischen den Formen, damit diese zumindest auf den ersten Blick sofort unterscheidbar werden. Auf den zweiten Blick sind sie dann schon oft weniger klar. Wir brauchen ja Differenzierung, um etwas erkennen, verstehen zu können, oder um uns mit etwas in Beziehung zu setzen. Schwarz-Weiß ist da naheliegend. Aber das Ziel ist ja die Verbindung mit etwas. Das ist an sich schon ein Paradox, dass wir Trennung brauchen um uns zu verbinden. Mir gefällt durchaus die Vorstellung der Distanz, die auch Respekt und erhöhte Aufmerksamkeit bedeuten kann, um Nähe zu erzeugen.<BR /><BR /><b>Linie ist Ordnung, und diese fällt in Ihren Werken oft aus dem Rahmen: Können wir Ihre abstrakten Werke auch als Spiegelbild unserer Gesellschaft betrachten?</b><BR />Stocker: Das sollte man Kunst immer, sie passiert ja in einem gesellschaftlichen Rahmen. Ich arbeite allerdings nicht symbolisch, mich interessiert vielmehr, was Formensprachen aussagen können und wie sie sich zu unserem Leben verhalten. Auch was wir über Formensprache lernen können, ohne ein spezielles Vorwissen zu haben. Ich denke, dass unsere intuitive Logik auch auf das ästhetische Feld übertragbar ist.<BR /><BR />Das Abweichen der Linien, der Formen aus einem fast erwarteten Rhythmus ist für mich als ästhetisches Zeichen faszinierend. Ich frage mich öfter, ob wir ohne Abweichungen überhaupt etwas erkennen, verstehen könnten. Immer gleiche Abläufe würden doch die Differenzierung verflachen, wir würden Zeit oder Raumgefühl verlieren. Und auch das Gefühl füreinander. Wir brauchen zwar Rhythmus, aber die völlige Gleichförmigkeit würde das Leben irgendwie traurig und ereignislos machen – finde ich.<BR /><BR /><b>Auch eine Katze ist diesmal zu sehen und der Titan trägt figürliche Züge. Ein neuer Weg zu neuer Form? </b><BR />Stocker: Ich kann das nicht näher erklären, aber es war der Ort und die Zeit dafür, dieses Zeichen in das Werk zu bringen. In der letzten Zeit habe ich mir auch immer wieder in unterschiedlichen Museen oder historischen Gebäuden Chimären und andere Tier- und Mischwesen angesehen. Im Schloss Tirol gibt es ja auch den geflügelten Drachen im Gewölbeteil, eine Art Maskottchen für das Haus. <BR /><BR />Zu Recht faszinieren die Menschen seit immer schon die Tierlebensformen. Und ich denke gerade auch darüber nach, dass die ersten Kunstwerke der Menschheit eigentlich Tierdarstellungen waren. Wenn die Menschen in ihrem Menschsein nicht so gut vorankommen, sollten sie sich vielleicht wieder die Tiere ansehen. Der kürzlich verstorbene <b>Alexander Kluge</b> hat gemeint, der Mensch sollte versuchen, ein gutes Tier zu sein. Eine ganz gute Idee wie ich finde. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1324872_image" /></div> <h3> Zur Person:</h3>Die Künstlerin Esther Stocker wurde 1974 in Schlanders geboren. Von 1994-1999 studierte sie Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien, an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand und am Art Center College of Design in Pasadena/Kalifornien. 2004 Otto Mauer-Preis, 2007 Südtiroler Preis für Kunst am Bau, 2009 Preis der Stadt Wien. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Wien.<BR /><BR />Sie arbeitet im Bereich Malerei, Raum und Objekt. In ihren Installationen thematisiert sie Ordnung und Unordnung, System und Systemstörung. Ihre Arbeiten fordern den Sehsinn heraus und spielen mit unserer Wahrnehmung.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1324875_image" /></div> <BR />Die Kunst von Esther Stocker konzentriert sich auf das Sehen und die Wahrnehmung des Raums, die mit einem existenziellen und sozialen Ansatz behandelt werden. Ihre Gemälde, Skulpturen und Werke im öffentlichen Raum (Bahnhöfe, U-Bahn-Stationen, Museen und andere öffentliche Einrichtungen) zeichnen sich durch einen geometrischen Stil und eine sehr begrenzte Farbpalette – Schwarz, Weiß und Grau – aus.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR /><BR />Termin: Bis 8. November, Schloss Tirol