Mittwoch, 20. Juli 2016

71. Bregenzer Festspiele: Zum ersten Mal ohne Bundespräsident eröffnet

In Ermangelung eines Bundespräsidenten hat am Mittwoch Nationalratspräsidentin Doris Bures die 71. Bregenzer Festspiele feierlich eröffnet. Im Mittelpunkt der Ansprachen von Bures, Kulturminister Thomas Drozda (beide SPÖ) und Festspielpräsident Hans-Peter Metzler stand die Bedeutung von Kunst und Offenheit. Den Auftakt des fünfwöchigen Festivals bildet am Abend Franco Faccios Oper „Hamlet“.

Nationalratspräsidentin Doris Bures bei ihrer Eröffnungsrede.
Nationalratspräsidentin Doris Bures bei ihrer Eröffnungsrede. - Foto: © APA

Die Nationalratspräsidentin betonte in ihrer Eröffnungsrede die gesellschaftspolitische Kraft der Kunst, immer wieder Kontroversen anzustoßen, als ihre wichtige Seite. Gleichzeitig mahnte sie, diese Kontroversen niemals zum Anlass zu nehmen, „jene, die sie auslösen, zu beschränken. Am Ermöglichen von Kunst, kritischer Kunst, von Kunst, die vielleicht genau jenen nicht zusagt, die sie ermöglichen, daran ist die Offenheit einer Gesellschaft abzulesen“, gab Bures zu bedenken. Diese gelte es mit allen Mitteln zu verteidigen, nannte sie „feige Terrorakte, wie jüngst jener in Nizza“ Angriffe auf unsere Gesellschaft.

Europa als Garant des Frieden
Das Thema Kontroversen stellte Bures mit der kommenden Wahlauseinandersetzung in Österreich und dem erstmaligen Austritt eines EU-Mitgliedsstaates in einen politischen Kontext und rief dazu auf, ein Voranschreiten des Vertrauensverlustes der Menschen in das europäische Projekt – „dem Garant unseres friedlichen Zusammenlebens“ – zu verhindern. Gleichzeitig bekräftigte die Nationalratspräsidentin ihr Vertrauen, dies „mit vereinten Kräften, mit unserem starken Bekenntnis für ein geeintes und solidarisches Europa“ auch zu schaffen und erntete dafür den Applaus der Festgäste.

Neues und Altes auf der Seebühne

Neben der Wiederaufnahme von Puccinis letzter Oper „Turandot“, inszeniert von Marco Arturo Marelli auf der Seebühne, geht in diesem Jahr im Festspielhaus die von Intendantin Elisabeth Sobotka wiederentdeckte Oper „Hamlet“ des italienischen Komponisten Franco Faccio unter der Regie von Olivier Tambosi als österreichische Erstaufführung in Szene. Nach wenig Zeitgenössischem in ihrem ersten Jahr wagt sich Intendantin Sobotka 2016 mit der Musiktheater-Uraufführung „Staatsoperette – Die Austrotragödie“ und der österreichischen Erstaufführung „Make no Noise“ von Miroslav Srnka auf wenig beschrittenes Terrain. Vielversprechend ist das von Sobotka im letzten Jahr eingeführte Opernstudio, das in diesem Jahr wieder junge Gesangstalente auf die Bühne holt. Sie werden, unterstützt von der bayerischen Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender, Mozarts Oper „Don Giovanni“ am Bregenzer Kornmarkttheater auf die Bühne bringen.

Eröffnungsvorstellung mit "Die Staatsoperette"
Etwas kürzer als in den vergangenen Jahren (rund 60 Minuten), aber um nichts weniger abwechslungsreich gestaltete sich die heurige Eröffnung, die einen bunten Reigen der Stücke des Bodensee-Festivals lieferte. Gruseliger Höhepunkt war das Lied „Ich bin so xund“ aus „Die Staatsoperette“ von Otto M. Zykan in Vertonung von Michael Mautner und Irene Suchy. Engelbert Dollfuß als Puppe (gespielt und gesungen von Habjan) skizzierte darin unterstützt von den Wiener Symphonikern unter Hartmut Keil die Werte und Überzeugungen des Austrofaschismus mit erschreckender Deutlichkeit. Die brasilianische Sopranistin Camila Titinger (Ofelia) und der italienische Tenor Riccardo Massi (Calaf) gaben mit den Arien „Principe Amleto!“ bzw. „Non piangere, Liu“ einen Einblick in die Opern „Hamlet“ und „Turandot“. Gemeinsam mit den Sängern Oksana Sekerina, Hagar Sharvit, Dashuai Chen, Jung Rae Kim, David Ostrek und Wolfgang Stefan Schwaiger ließ Titinger mit „Ecco il birbo“ die Neugier auf „Don Giovanni“ größer werden.

Schwelgen in Erinnerungen: 71 Jahre Festspiele
Sowohl Bures als auch Drozda und Metzler erinnerten anlässlich des 70-Jahre-Jubiläums der Bregenzer Festspiele an die Anfänge im Jahr 1946 auf zwei Kieskähnen. „In einer Stadt, die nicht einmal über ein Theater verfügte, war die Idee, Festspiele abzuhalten, außergewöhnlich“, betonte der Kulturminister und lobte dieses „Die Dinge in die Hand nehmen“ der Veranstalter, das „man schon als Vorbild für die Herausforderungen der Gegenwart sehen“ könne. Drozda und Metzler zollten den Wiener Symphonikern Dank, die seit den Geburtsstunden des Festivals mit dabei sind. „Auch wenn man den Symphonikern rückblinkend unterstellen könnte, dass der echte Hunger weitaus größeren Anteil am Zustandekommen dieser Zusammenarbeit hatte als der metaphysische Hunger nach Kunst“, warf Drozda schmunzelnd ein und spielte damit auf einen Brief aus dem Jahr 1946 an, in dem sich das Orchester ausdrücklich für die überaus gute Bewirtung in der Vorarlberger Landeshauptstadt bedankte.

Kunst als Symptom der Freiheit
Die Bedeutung der Kunst stand nicht nur in der Rede der Nationalratspräsidentin im Mittelpunkt. Metzler sah Offenheit als „unabdingbare Voraussetzung“ für Kunst, für ein „vorurteilsfreies Nach-Außen Gehen“. Für die Verantwortlichen der Festspiele gehöre es zum Selbstverständnis, Bedingungen zu erhalten und zu schaffen, dass „die Menschen über die Kunst zusammengebracht werden können“, „ohne Diktat von Nationalität oder Ideologie: allein fokussiert auf ein gemeinsames Projekt“, sagte Metzler. Drozda betonte die Verantwortung der Politik für die „freie Entwicklung der Kunst“, wie sie in der Verfassung garantiert sei, aber auch die Verantwortung für die Finanzierung derselben. „Kunst braucht sich nicht und niemals über Umwegrentabilitäten zu rechtfertigen“, sie sei der Reichtum der Gesellschaft und der kommenden Generationen, stellte der Kulturminister klar.

apa

stol