Wir treffen uns, um uns zu verabschieden. Morgen fährt er nach Hannover. (Dieses Morgen ist mittlerweile bereits vorüber, wir trafen uns am vorvergangenen Sonntag, Anm. der Autorin.) <b>Von Lene Morgenstern</b><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1315281_image" /></div> <BR /><BR /><BR />Er zieht von dannen, um zu werden, was er sein will. Er geht für längere Zeit – genauer gesagt vorerst für acht Semester. Mit zwei Koffern und mit einem Che Guevara-Poster. Vor wenigen Wochen hat er die Aufnahmeprüfung in die Hochschule für Musik, Theater und Medien in jener Stadt, der man das reinste Hochdeutsch nachsagt, bestanden, als einer der Jüngsten von insgesamt neun Personen. Probiert haben es in etwa fünfhundert. Ich habe eine Million Fragen. <BR /><BR />Von der Bühne träumt er seit mindestens drei Jahren. Auf der Bühne steht er regelmäßig seit ebenso drei Jahren. Zuletzt war er im Theaterstück der Vereinigten Bühnen Bozen „Möglichkeitsmenschen“ (Regie: Peter Lorenz) im Stadttheater Bozen zu sehen. Insgesamt hat er bis dato – er zählt und zählt und zählt und kommt nach minutenlanger Rechnerei zu einem beachtlichen Ergebnis – 50 Auftritte absolviert. Vor allem als Poetry Slammer. Und als solcher von Anfang an in den vorderen Reihen. Die bisher größte Zuschauerschaft applaudierte ihm bei einer Performance vor dem Südtiroler Landtag anlässlich einer Demonstration gegen die Mitte-Rechts-Koalition im Südtiroler Winter 2023/2024. Er hatte sich durchaus als politischer Aktivist bezeichnet, jetzt nennt er sich politischer Beobachter. Ich denke an das Che Guevara Poster.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1315284_image" /></div> <BR />Das größte Haus bespielte er im Stadttheater Graz beim Finale des Ö-Slam 2024. Die für ihn prägendsten Erfahrungen machte er in Wien, der Stadt seiner eigenen Wahl nach seinem impulsiven Schulabbruch. „Es war zu früh, nach Wien zu gehen,“ sagt er, „ich wollte direkt ans Max Reinhardt-Seminar, und das hat nicht geklappt.“ Gleichzeitig wurde er Südtiroler Poetry Slam-Landesmeister 2024 und ein Jahr später gleich noch einmal. <Kursiv>„Ja,“</Kursiv> sagt er, „Poetry Slam war und ist sehr wichtig. Ich habe viel über Bühnenpräsenz gelernt. Ich weiß jetzt, was Timing ist. Ich habe experimentiert, wie Bewegung wirkt und vor allem habe ich erfahren, was auf der Bühne funktioniert.“ <BR /><BR />Und heute, nach einer Handvoll weiterer Aufnahmeprüfungen an anerkannten Schauspielschulen in diversen deutschen Städten, kommt er seinem vielleicht größten Traum mit einer beginnenden und soliden Ausbildung konkret näher. Er will und wird Schauspieler werden. Ich habe zwei Millionen Fragen. <BR /><h3> „...ich bin ein neuer Mensch“</h3><BR />Er heißt Nathan Laimer, auf Poetry Slam-Bühnen Nathan der Nice, wir rühren beide im Kaffee, und dann schalte ich auf Sprachaufnahme und höre einfach nur zu. <Kursiv>„Als ich die E-Mail mit der Zusage bekam,“</Kursiv> sagt Laimer, „o.k., es war eigentlich komplizierter, es gab ein Feedback-Gespräch, in welchem die Zusage in Aussicht gestellt wurde, und dann erst kam die Zusage, also da dachte ich, hey, ich bin ein neuer Mensch.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1315287_image" /></div> <BR />Er schaut mich an. Und dann sinniert er: „Tatsächlich bin ich natürlich noch derselbe.“ Er erzählt von der langen Zeit der Vorbereitung: „In meinen Anfängen hat mich meine Großtante Magdalena Schwellensattel vorbereitet (Die Theater-Regisseurin, Schauspielerin und Moderatorin ist 2025 gestorben, Anm. der Autorin), später dann Markus Westphal. Ich habe gelernt, vom Vortragen eines Textes zum Erleben eines Textes zu gelangen, in einen Flow-Zustand zu kommen.“<BR /><BR />Er schwärmt: „Das Publikum will die fertige Rolle sehen. Dazu braucht es Regiearbeit. Es geht auch um das Textverständnis. Es geht darum, die richtige Haltung zu finden und wirklich zu verstehen, warum man etwas sagt.“ <BR /><BR />Er hat an sich gearbeitet. „Als ich in Hannover dann für 5 Minuten 'die Robbe’'aus dem Stück ,Gegen den Fortschritt’ von Esteve Soler gespielt habe, war ich im Flow und hatte meinen bisher wohl stärksten Auftritt.“<BR /><BR />Wir befinden uns in Runde 1 bei der Aufnahmeprüfung in Hannover. „In Runde 2 habe ich dann nochmals 'die Robbe' gespielt.“ Laimer bemerkt meinen fragenden Blick. „Die elf Personen in der Jury wollten wissen, ob ich den Text reproduzieren kann, deswegen habe ich dieselbe Szene nochmals gespielt. Genau gleich. Das ist durchaus so gewollt. 'Der Romeo', den ich zusätzlich vorgetragen habe, war dann aber, glaube ich, nicht so wirklich überzeugend. Ich bekam eine Hausaufgabe. Ich sollte 'am Romeo' arbeiten. Und tags darauf, in der dritten und letzten Runde, hatte ich 'den Romeo’'also überarbeitet. Und was ist dann passiert? Ich musste – böse Überraschung – den Amokläufer’ (von Stefan Zweig) vorspielen, also etwas ganz anderes.“ <BR /><BR />Er schweigt und seufzt. „Ich habe improvisiert. Und es ist gut gegangen.“<BR /><BR />So eine Aufnahmeprüfung ist nicht weniger spannend als ein Poetry Slam. Und auch das Ergattern von Rollen im Real Life scheint nicht einfach zu sein. <Kursiv>„Meine bisherigen Auftritte in Südtirol verdanke ich dem Küken-Privileg. Es gibt weniger Schauspieler als Schauspielerinnen.“</Kursiv> Die Macher sind aber schon oft Männer, oder? „Ja,“nickt Laimer, „und auch die Stars.“<BR /><h3> Traumrollen</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1315290_image" /></div> <BR /><BR />Wir schweifen ab in die Politik und zum Papst und kehren dann wieder ins Theater zurück und landen bei den Traumrollen. „Ich möchte böse Rollen spielen. Da gibt es mehr Innenleben. Aber ich werde mit Handkuss jede Rolle annehmen.“<BR /><BR />Wir reden über das Hineinschlüpfen in Rollen. <Kursiv>„Ich habe Rituale,“</Kursiv> erklärt mein Gesprächspartner. „Bevor ich auf die Bühne gehe, sage ich ,Auf geht’s!’ zu mir – o.k., in einer etwas anderen Wortwahl.“ <BR /><BR />Er schmunzelt. „Bei einem Poetry Slam drehe ich das Mikrofon ein Stück zu weit nach oben, dann korrigiere ich es nach unten und so bringe ich mich in meine Rolle. Im Theater hilft das Kostüm. Danach begebe ich mich in die Haltung der Person, die ich spiele und bevor ich auf die Bühne starte, wiederhole ich den Namen meiner Rolle immer wieder und wieder.“<BR /><BR />Nach Aufführungsende legt Laimer das Kostüm ab und damit auch die Rolle. Nach einem Poetry Slam ist das ein bisschen anders. Kostüme sind schließlich nicht erlaubt. „Ich liebe den Austausch nach meinen Slam-Auftritten“ erklärt Laimer, „aber ich mag keine Komplimente.“ Ich überlege kurz, und dann mach ich ihm ein Kompliment. Ich bin schließlich stolz auf ihn. Und wir sind ja auch gerade überhaupt nicht bei einem Poetry Slam. <BR /><BR /><BR />Die Kaffeetassen sind verräumt. Laimer muss in den Backstage-Bereich des Theaters. Die Welt ist ein schöner Ort mit Drama, Baby. Er sagt Tschüss, und ich sage:<Kursiv> „Nathan,“ </Kursiv>Pause, Timing, „ich verabschiede mich mit den folgenden drei Worten – Pause, Timing: ,Ich (Pause, Timing) verabschiede dich.’“ (frei zitiert nach Andreas in der Au). Ende da. Aber danach haben wir laut gelacht. <BR /><h3> Zur Person</h3>Nathan Laimer alias Nathan der Nice besuchte das Sprachengymnasium in Meran. 2023 erhält der heute 20-jährige Meraner beim „70. Österreichischen Jugendredewettbewerb“ in Innsbruck in der Kategorie „Sprachrohr“ den ersten Preis und wird „Österreichischer U20 Poetry Slam-Champion“. Er war Landesmeister im Poetry Slam 2024 und 2025 und steht als Schauspieler auf verschiedenen Bühnen Südtirols. Jetzt beginnt er seine Schauspielausbildung.<h3> Termin</h3>Wer Nathan der Nice wiedersehen will, ist zum Finale der LM26 eingeladen, am 14. August in der UFO Arena in Bruneck. Der Eintritt ist frei, es bedarf keiner Reservierung. Und wer Hannover kennenlernen will, möge zu den Deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften 2026 fahren. Sie finden ebenda statt, vom 23.-26. September.