Südtirol Online: Wieso gerade „Salome“?Manfred Schweigkofler: Das, was man gerne machen würde, muss sich mit den Möglichkeiten treffen. Die Theater von Modena und Piacenza haben Interesse an „Salome“ gezeigt, so sind wir diese Co-Produktion eingegangen. Eigentlich wollte ich „Tristan und Isole“ machen, „Salome“ war ein Kompromiss, auf den wir erst im zweiten oder dritten Moment gekommen sind. Es war aber auf jeden Fall eine der Opern, die ich ohnehin gerne gemacht hätte. Ich bin nämlich ein Richard Strauss-Fanatiker und möchte früher oder später mehrere Richard-Strauss-Opern machen.STOL: War es ein guter Kompromiss?Schweigkofler: Ich bin auf jeden Fall zufrieden. Man muss eben immer warten: wann sind die Zeiten reif, wann sind die Bedingungen gut? Und heuer schien die Zeit für „Salome“ zu sein.STOL: In wenigen Sätzen: Worum geht es in „Salome“?Schweigkofler: Es ist die alte Bibelgeschichte von Johannes dem Täufer, der am Hof des Herodes festgehalten wird, weil er sich gegen die Frau des Herodes geäußert hat. Salome entdeckt diesen Propheten, der sie ablehnt. Nach einem Tanz, den sie für Herodes macht und wo er ihr verspricht, bis zur Hälfte des Königreiches zu geben, fordert sie den Kopf des Propheten Joachanaan. STOL: Drei Adjektive, die auf diese Oper zutreffen?Schweigkofler: Perfekt: Es ist eine perfekte Oper. Jedes Wort, jede Note ist perfekt. Die Oper ist grotesk: Die Figuren, die darin vorkommen, sind sehr überzeichnet und machen in der Überzeichnung viel Wahres. Und für mich – nach sechs Wochen Arbeit – ist die Oper schwierig: weil die Auseinandersetzung mit so einem großen Kunstwerk einem alles abverlangt. Das Werk ist so perfekt geschrieben, dass man dauernd mit der eigenen Mangelhaftigkeit konfrontiert wird. Man wird sehr demütig, wenn man „Salome“ inszenieren muss.STOL: Sie sagen, die Figuren machen viel Wahres. Trotz der alten Thematik: Kann man einiges auf die heutige Zeit ummünzen?Schweigkofler: Man kann sehr viel auf die heutige Zeit ummünzen. Die Parallelen sind einfach frappierend: Da ist ein alter, geiler, reicher Herrscher, der die Minderjährigen auf seine Party lockt, damit sie sich dort für ihn ausziehen. Dafür verspricht er ihnen Schmuck, Reichtum und Geld, politische Sitzungen und Funktionen...STOL: Das kommt einem bekannt vor.Schweigkofler: Ja, das kommt einem einfach bekannt vor. Aber das geht durch alle Figuren: Die Herodias, die tolle Frau des Herodes, die den ganzen Schuppen, der von ihrem Mann durchaus in Gefahr gebracht wird, zusammenhält. Eine alternde Frau, die merkt, dass ihre Reize nicht mehr lange ziehen werden und ihr so langsam die Felle davonschwimmen. Wie sie sich vehement dagegen wehrt – das ist eine total heutige Geschichte. Aber vor allem die Sehnsucht der Menschen, aus diesem korrupten System auszubrechen hin zu einer besseren Welt, die permanent als Hilferuf über der ganzen Oper schwebt, ist extrem aktuell.STOL: Sie habe die Oper neu inszeniert. Wie hebt sich Ihre Inszenierung von anderen ab?Schweigkofler: Ich kenne nicht viele andere Inszenierungen. Ich bringe aber gerne Theatralik in Opern hinein. Ich verlange von den Sängern, dass sie zu Schauspielern werden – was sehr gut gelungen ist. Außerdem eine typische Ästhetik: Ich verwende immer gewisse Scheinwerfer, die ich der MTV-Welt entlehne, um Oper auch für junge Leute attraktiv zu machen.STOL: Sie greifen gerne stark ins Bühnenbild ein.Schweigkofler: Absolut.STOL: Wie weit wagt man sich bei einer Neuinszenierung vom Libretto weg?Schweigkofler: Das ist eine ganz heiß diskutierte Frage. Ich gehe immer davon aus, dass man dem Libretto dienen muss. Wie man das tut, ist offen.STOL: Wie handhaben Sie das?Schweigkofler: Ich möchte, dass ein Zuschauer von 2012 auf die Bühne hinaufschaut und Menschen von 2012 erkennt, auch wenn wir eine Oper machen, die 107 Jahre alt ist. Das ist immer mein größter Reiz.Interview: Barbara Raich______________________________________________________________________________________________________„Salome“ ist am 25. und 26. Jänner im Bozner Stadttheater zu sehen (Tickets: 0471/053800). Die Premiere wird ab 19.50 italienweit auf Rai Radio 3 / suite live übertragen.