Montag, 08. August 2016

FSU: „Eine Anständige soll keinen Kotzbrocken heiraten“

„Saperlott“ denkt sich das Publikum, wenn es Dorine, Orgons Dienstmagd, auf der Bühne sprechen hört. Dorine hat ein bitter-böse Mundwerk und weiß es schonungslos einzusetzen. Ab 15. August kann man in Laag über Dorine lachen, sich über Orgon wundern und Tartuffe verabscheuen: Die Freilichtspiele Südtiroler (FSU) feiern an Mariä Himmelfahrt ihre „Tartuffe“-Premiere – gespielt wird bis Anfang September.

Das FSU-Ensemble bei der Probe. - Foto: Roland Pernter
Das FSU-Ensemble bei der Probe. - Foto: Roland Pernter

Molière (1622–1673), der Autor von „Tartuffe oder der Betrüger“, gehört zu den berühmtesten Dramatikern der Weltliteratur und „Tartuffe“ zu den brillantesten Komödien der Theatergeschichte: Regisseur Roland Selva, künstlerischer Leiter der FSU, hat sich für die diesjährige Produktion ganz bewusst für dieses Stück entschieden – doch der Reihe nach.

Tartuffe hält in Orgons Haushalt Einzug

Orgon und seine Mutter, Madame Pernelle, himmeln, nein, vergöttern Tartuffe. Orgon, selbst ein frommer Mann, ist ihm in der Heiligen Messe begegnet und war sofort von ihm angetan: „Ich bin, seit er in meinen Lebenskreis getreten, ein andrer Mensch geworden – er hat mich gelehrt, die weltlichen Gefühle abzutöten. Heut könnt' ich Frau und Kinder sterben sehen und dazu lächeln, als sei nichts geschehen!“, meint er zu seinem Schwager Clèante.

Wen wundert’s, dass Orgon Tartuffe kurzerhand in sein Haus aufgenommen hat. Durch die Anwesenheit dieses frommen Heilsbringers, der die sündige Welt retten will, sollen den „Sodom-und-Gomorra-Sitten“, die scheint’s unter Orgons Dach herrschen, ein Ende bereitet werden.

Durch Ogons Familie geht ein tiefer Riss

Der Rest der Familie – allen voran Orgons Frau Elmire und ihr Sohn Damis – sieht das völlig anders. Für sie ist Tartuffe ein übler Scharlatan, ein bigotter Blender, der mit dem paradiesischen Jenseits nichts am Hut hat, dafür aber nach dem Paradies auf Erden lechzt und dafür Orgons Glauben und Gutgläubigkeit schonungslos missbraucht – auch dem Publikum wird das schnell klar.

Als Tartuffe nun Mariane heiraten soll, die eigentlich Valère versprochen war, kippt die Stimmung vollends. Und Dorine, die poltert, dass es eine Freude ist: „Ich ersticke, wenn ich nicht reden kann“. Vollmundig setzt sie sich gegen die Hochzeit ihrer Freundin zur Wehr: „Wenn Orgon an Tartuffe schon so einen Narren gefressen hat, soll er ihn doch selber heiraten!“

Tartuffe lauert lüsternd

Tartuffe hat indes sein „frommes Auge“ auf Orgons Frau geworfen. Dorine und Elmire nutzen seine allzu männlichen Gelüste und hecken einen Plan aus – Orgon soll Tartuffe beim fingierten Fremdgehen „ertappen“. Der Arme hat derweil aber schon Haus und Hof an Tartuffe überschrieben…

Bitter-böser Spott und rasantes Schauspiel

Geschliffene Dialoge, bitter-böser Spott und rasantes Schauspiel kennzeichnen Molières Stück. Mit „Tartuffe“, einer komödiantischen Fundamentalkritik der Bigotterie am französischen Hof, hatte sich der französische Dramatiker weit aus dem Fenster gelehnt und mächtige Feinde gemacht – erst die dritte Textverfassung fand die Zustimmung König Ludwigs XIV.

„Sind wir nicht alle Orgons?“

Regisseur Roland Selva hat den klassischen Stoff weitgehend im Original belassen und dennoch seine zeitgenössische Aktualität herausgearbeitet – „Sind wir heute nicht auch alle Orgons? Empfänglich für Prediger und Ideologen, die vorgeben zu wissen, wie‘s geht und von sich behaupten, doch nur das Beste für alle zu wollen?“. Eine großartige Komödie, die provoziert und amüsiert.

Mit Horst Herrmann (Tartuffe), Patrizia Pfeifer (Elmire), Sebastian von Malfèr (Damis), Jasmin Mairhofer (Mariane), Nik Neureiter (Orgon), Anton Gallmetzer (Clèante), Thekla Piger-Malojer (Loyal), Katharina Gschnell (Dorine), Erika Carli (Madame Pernell) und Valère (Carlo-Emanuele Esposito) kann Selva auf ein überzeugendes Schauspielensemble zurückgreifen. Die Lichtgestaltung stammt von Alfredo Piras, Bühne und Kostüme von Nora Veneri. Der Spielort der FSU, Laag bei Neumarkt, sorgt für zusätzliches Flair. Die Premiere findet am 15. August um 20.30 Uhr statt, gespielt wird zudem am: 15./18./19./22./23./24./25./26./29./30/31. August und am 1. und 2. September.

Reservierungen und Auskünfte sind zu Bürozeiten unter 0471/812128 oder per E-Mail [email protected] oder online www.fsu-neumarkt.com/de/fsu/  möglich. 

stol

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