Montag, 27. Juli 2020

Jeeedeeermaaann“: Salzburgs Festspiel-Dauerbrenner wird 100

„Jeeedeeermaaann“ – die schaurigen Rufe von den Türmen der Salzburger Altstadt und von der Festung Hohensalzburg, die den „reichen Mann“ aus selbstzufriedener Feierlaune jäh herausreißen und ihn ans nahe Ende gemahnen, gehören zum unveräußerlichen Bestand der Salzburger Festspiele.

Großes Theater in Salzburg: Die Jedermann-Aufführungen werden 100.
Großes Theater in Salzburg: Die Jedermann-Aufführungen werden 100. - Foto: © APA / BARBARA GINDL
Genau genommen gäbe es das größte Musik- und Theaterfestival der Welt gar nicht ohne den seit 1920, also seit genau 100 Jahren, gespielten Dauerbrenner aus der Feder von Festspielmitgründer Hugo von Hofmannsthal.

Mit mehr als 28.000 Aufführungen ist zwar Agatha Christies „The Mousetrap“ („Die Mausefalle“) uneinholbar das am längsten laufende Theaterstück der Welt. Da kann der Salzburger „Jedermann“ mit bislang „nur“ 715 Aufführungen nicht mithalten. Dafür haben die alljährlichen Festspielaufführungen von Hofmannsthals Mysterienspiel vom „Sterben des reichen Mannes“ – Christies kriminalistischer Evergreen kam erst 1952 im Londoner West End heraus – die längere Tradition.

Bei der Festspiel-Premiere 2 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs setzte der Regisseur Max Reinhardt das Stück erstmals auf dem Domplatz in Szene. Seither wurde es mit Ausnahme der Jahre 1922 bis 1926 sowie der Zeit von 1937 bis 1945, als Hofmannsthals Werke unter den Nazis nicht gespielt werden durften, jeden Sommer aufgeführt und zum Markenzeichen des Festivals. Die stets ausverkauften Vorstellungen sind finanziell eine sichere Bank, was manchen Überlegungen, das Stück abzusetzen oder auszutauschen, bislang zuverlässig den Boden entzogen hat.

Altenglisches Mysterienspiel in Knittelversen

Uraufgeführt wurde der „Jedermann“ 1911 in Berlin. Hofmannsthal hatte sein Erfolgsstück, das in zahlreichen (mundartlichen) Bearbeitungen seither auch an vielen anderen Festspielorten präsentiert wird, nach Art eines altenglischen Mysterienspiels in historisch anmutenden Knittelversen verfasst. Die Wiederbelebung dieser archaischen, mit allegorischen Figuren wie dem „Mammon“ oder dem „Glauben“ ausgestatteten dramatischen Form wollte der Dichter als Erneuerung des Theaters aus dem Geist der Vergangenheit verstanden wissen.

Bis 2002 wurde der „Jedermann“ in Salzburg streng nach den Vorgaben Reinhardts inszeniert, in altertümlichen Kostümen und deklamatorischer Sprache. Der Leiter der Oberammergauer Passionsspiele, Christian Stückl, brach erstmals mit der ehernen Tradition und setzte deutliche moderne Akzente.

Die auch in diesem Jahr gespielte Inszenierung von Michael Sturminger aus dem Jahre 2017 ist die bislang radikalste. Sie zeigt einen sehr heutigen „Jedermann“ in Alltagskleidung, den nicht göttliches Schicksal, sondern mutmaßlich ein Hirntumor ereilt. Dass er auf einer modernen Krankenstation zu liegen kommt, darf als unfreiwillige Parallele zur Corona-Pandemie gewertet werden.

Auch das Bild der „Buhlschaft“ hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Legte man früher vor allem Wert auf dralle Weiblichkeit, geben sich die jeweiligen Geliebten des „Jedermann“ unterdessen als emanzipierte Frauen. In diesem Jahr schlüpft Caroline Peters in die renommierte, wenn auch dramaturgisch eher unwichtige Rolle.

Von harschen Kritiken und einem großen Jubiläum

Natürlich hat der in Salzburg gepflegte „Jedermann“-Kult Kritiker auf den Plan gerufen. Sie störten sich zum Beispiel daran, dass ein in ihren Augen privilegiertes Festspielpublikum die finale Bekehrung und Läuterung des „reichen Mannes“ auf der Bühne heuchlerisch beklatsche, um sich danach umso ungestörter eigenen Partyfreuden hingeben zu können. Niemand wohl hat das ätzender getan als Helmut Qualtinger und eine Calypso-Combo in dem 1958 erschienenen Song „Jedermann-Kollapso“: „Komm Mister Jedermann, gemma bisserl sterben.“

Das Jubiläum „100 Jahre Jedermann“ soll am 22. August in der Salzburger Altstadt mit einem „Jedermann“-Tag und einer abendlichen Festaufführung mit Tobias Moretti in der Titelrolle gebührend gefeiert werden – wegen der Corona-Pandemie unter Beachtung strikter Hygienebestimmungen. Mit dabei sind auch ehemalige „Jedermänner“ wie Klaus Maria Brandauer, Cornelius Obonya und Peter Simonischek, der die prestigeträchtige Rolle von 2002 bis 2009 verkörperte und damit der ausdauerndste „Jedermann“ aller Zeiten war.

dpa