Der Verein „PERFAS – Performing Artist South Tyrol“ setzt sich seit der Gründung 2021 dafür ein, dass Künstlerinnen und Künstler eine faire Bezahlung für ihre Arbeit erhalten.<BR /><BR />Die prekäre Lage der Kreativwirtschaft hatte sich besonders durch die Corona-Krise herauskristallisiert. Seit Ende 2022 hat das Land Südtirol deshalb einen Prozess gestartet, der seit gestern ein sichtbares Zeichen hat: Fair Pay in der Kultur soll dazu beitragen, dass Kunstschaffende faire Arbeitsbedingungen und eine gerechte Entlohnung in Anspruch nehmen können, aber auch gesellschaftliche Wertschätzung und Anerkennung für ihre Arbeit erfahren.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1216509_image" /></div> <BR />„Kunst und Kultur sind auch ein Wirtschaftsfaktor, der Wertschöpfung, Arbeitsplätze und zusätzliche Einnahmen generiert. Die Fair Pay-Initiative soll dazu beitragen, dass Künstlerinnen und Künstler angemessen und würdig bezahlt werden. Denn Kunst ist auch Arbeit!“, meinte gestern Kulturlandesrat <b>Philipp Achammer.</b> Auf die Frage, ob die drei Kulturlandesräte diesbezüglich auch zusammenarbeiten würden, meinte er: „Wir sollten uns auf jeden Fall gemeinsam darum kümmern.“ Und inwiefern sei das Thema „fair pay“ für die Regierung in Rom ein Anliegen – immerhin besitzt Italien den größten Teil des europäischen Kulturerbes – wollten wir wissen. Da geschehe noch wenig, erklärte der Kulturlandesrat. Derzeit gehe es hauptsächlich um die Sensibilisierung hierzulande. „In Kürze werden sich auch die großen Kulturförderer im Land, Region, Gemeinden, Stiftung Sparkasse etwa treffen und darüber diskutieren.“ Auch würde die Kulturabteilung bei der Vergabe von Fördergeldern genau kontrollieren, dass diese für die faire Bezahlung von Künstlerinnen und Künstlern eingesetzt würden. „In Österreich etwa gibt es zweckgebundene 'Fair-Pay-Budgets', und in diese Richtung wollen wir uns auch bewegen.“ Auch die Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung (SAAV) beteiligt sich an dieser Initiative.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1216512_image" /></div> <BR /><BR /><b>Joanna Voss</b>, SAAV-Geschäftsführerin zeigte auf, dass im Bereich Literatur lediglich Bestseller-Autoren allein vom Buchverkauf leben könnten, für zahlreiche Schriftstellerinnen würden sich jedoch erst durch Honorarnoten für Lesungen oder ähnlichen Initiativen Einnahmen ergeben. Das Ziel des Fairness-Prozesses fasste Voss für ihren Bereich zusammen: „Autorinnen und Autoren, die von ihrem Schreiben leben möchten, soll dies ermöglicht werden.“ Knapp 120 Autoren und Autorinnen gebe es in den drei Landessprachen in Südtirol. Die überwiegende Mehrheit, könne aber nicht vom Schreiben leben, sondern müsse anderen Arbeiten nachgehen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1216515_image" /></div> <BR /><BR />Das Land habe in den vergangenen Jahren zusätzliche Geldmittel bereitgestellt (insgesamt jährlich über 700.000 Euro) und betreibe Sensibilisierungsarbeit nach innen, um auch bei Gemeinden, Bibliotheken und anderen Institutionen das Bewusstsein für faire Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb zu stärken, erklärte zudem der Direktor der Abteilung Deutsche Kultur, <b>Volker Klotz.</b><BR /><BR />Kulturelle Arbeit müsse gesellschaftlich relevant werden, zeigten sich alle beteiligten Partner der Initiative einig. <BR /><h3> 5 Fragen an Peter Schorn</h3><BR /><b>Sie sprechen von einem Transformationsprozess in der öffentlichen Wahrnehmung bezüglich Anerkennung der Arbeitsleistungen von Künstlerinnen und Künstlern. Was hat PERFAS bereits erreicht?</b><BR />Peter Schorn: Uns gibt es als Berufsvertretung der Darstellenden Kunst erst seit vier Jahren, in der kurzen Zeit haben wir bereits einen konstruktiven Dialog mit der Kulturpolitik und Institutionen etabliert. Die regionalen Rentenzuschüsse, Budgeterhöhungen im Theater oder der neue Music Fund sind Schritte in die richtige Richtung, die maßgeblich von uns angestoßen wurden. Gleichzeitig gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung noch viel Aufklärungsbedarf: Nicht immer ist durchgedrungen, dass Kunst harte Arbeit ist. Musikschaffende etwa sind oft mit völlig realitätsfernen Vorstellungen von Auftraggebern konfrontiert: Da sollten sie etwa sechs Stunden ohne Pause auf dem Musikfest oder der Hochzeit für ein Taschengeld spielen. Eine professionelle Leistung gibt es nur zu professionellen Bedingungen.<BR /><BR /><BR /><b>„Kunst und Kultur sind tragende Säulen der Gesellschaft“, sagen Sie. Richtigerweise muss das auch etwas kosten...</b><BR />Schorn: Aus Studien wissen wir, dass kulturelle Teilhabe der zweitwichtigste Einflussfaktor für Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden ist – gleich nach der Gesundheit und noch vor Job und Einkommen. Das ist den Menschen nicht immer so bewusst. Vielleicht ist es ein bisschen wie mit der Demokratie: Ihren Wert spüren vor allem jene, die ohne sie leben müssen. In Südtirol wird es oft für selbstverständlich gehalten, dass Musik und Theater, Kunst, Filme, Unterhaltung und Literatur für wenig Geld und jederzeit verfügbar sind. Was deren Produktion kostet, wissen die wenigsten. Ohne öffentliche Ausgaben ist eine vielfältige, professionelle Kulturlandschaft nicht zu haben, das müssen wir mit viel Geduld immer wieder erklären.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1216518_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Kreativwirtschaft ist ein Wirtschaftszweig, nachhaltig und mit Potential, dazu gibt es eine WIFO-Studie, die das belegt. Warum ist es immer noch so schwierig, das zu vermitteln?</b><BR />Schorn: Ich glaube, dem liegt ein großer Irrtum zugrunde: Das Bild, Kulturausgaben wären ein gesellschaftlicher Luxus, der nur eine Handvoll „Träumer“ durchfüttern würde, ist überholt. Richtig ist: Der Kreativsektor ist eine boomende Wirtschaftsbranche mit enormem Potential: Innovation, Wertschöpfung, Umwegrentabilität (jeder investierte Euro kommt 2-3-fach zurück), Standortattraktivität, Bildung, vor allem aber auch demokratische Werte und Lebensqualität gibt es nicht ohne Kunst und Kultur. Dieses realistische Bild der Kulturbranche in die Köpfe zu bringen, erfordert viel Arbeit und braucht Zeit. <BR /><BR /><BR /><b>Die Arbeitsweise der Kreativschaffenden ist intermittent: Das heißt sie ist unterbrochen, zeitweise oder periodisch. Wie stellen Sie sich da vor, „fair pay“ anzuwenden?</b><BR />Schorn: Die „intermittierende Natur“ unserer Berufe bedeutet, dass es natürliche Pausen gibt zwischen den bezahlten Auftritten. Außerdem können Projekte nicht immer nahtlos aneinander anschließen, das geht sich logistisch nicht aus. In diesen Zwischenzeiten sind wir nicht untätig, sondern bilden uns weiter, entwickeln Projekte, schreiben, üben unser Instrument, trainieren unsere Werkzeuge, machen Castings und Öffentlichkeitsarbeit, also weitgehend unbezahlte Tätigkeiten. Faire Gagen müssen uns selbständigen Künstlern und Künstlerinnen also ermöglichen, auch diese Zeiten abzudecken – sowie alle die Kosten einer selbständigen Unternehmerin wie Versicherungen (Krankheit, Arbeitsausfall, Invalidität), Steuerberatung, Zusatzrentenfonds, Urlaub, Mobilitätsspesen usw. zu decken.<BR /><BR /><BR /><b>Fördergelder gibt es in Südtirol für die unterschiedlichsten Sparten, Berufe und Betriebe. Warum wird immer noch die Nase gerümpft wird, wenn man von Kulturförderungen spricht?</b><BR />Schorn: Es wird einige verwundern, aber die öffentlichen Ausgaben für so ziemlich jede andere Berufsgruppe sind meist viel höher als die für Kulturschaffende – nicht nur in Südtirol. Trotzdem nennt es wohl niemand „Handwerkerförderung“, wenn es etwa Beiträge für die neue Maschine gibt. Ich würde mir wünschen, dass auch an den Stammtischen und in den Kommentarspalten endlich klar wird: Ausgaben für Kultur sind hocheffiziente Wirtschaftsförderungen, die nebenbei dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft im Gespräch miteinander bleibt und nicht auseinanderbricht, dass wir mental gesund sind, dass wir lachen, weinen, nachdenken und über unsere Welt reflektieren können. (eva)<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright>