Sonntag, 25. März 2018

Osterfestspiele Salzburg: Anja Harteros als herausragende „Tosca“

Als Herbert von Karajan 1967 in Salzburg seine privaten Osterfestspiele mit Wagner „Walküre“ eröffnete, die er nicht nur dirigierte, sondern die er auch selbst inszenierte, beendete er 1989 seine Ära mit der „Tosca“ von Giacomo Puccini, ehe er im Sommer verstarb. Nun gibt es eine Neuinszenierung mit der fabelhaften Anja Harteros als unvergleichliche und beste Titelheldin der Gegenwart.

Foto: OFS _ Forster
Foto: OFS _ Forster

Die Handlung spielt in Rom um 1800 und ebenda fand an 14. Jänner  1900  die Uraufführung statt.  Die „Tosca“ komponierte Puccini nach dem Bühnenstück  von Victorien Sardou. Wir erfahren in der historisierten Geschichte die dramatischen politischen Zustände in Rom am 16/17 Juli 1800, wo seit 1798 die Truppen von Napoleon Rom besetzten und nach 1700 Jahren die Engelsburg eroberten. Puccini sah das Stück mit Sahra Bernhardt schon 1899 in Französisch und erkannte sofort die Bühnentauglichkeit für eine Oper, aber auch wenn er die Bernhardt als „La Tosca“ beim 2. Besuch des Stückes als ermüdend empfand, sagte er: „La Tosca la farò io!“

Die Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa reduzierten das schwülstige Stück von Sardou von 23 Personen auf 9, jedoch gibt es nur drei Hauptcharaktere: Die Sängerin Floria Tosca, ihre Geliebter und Maler Mario Cavaradossi und Baron Scarpia als sadistischer Polizeichef. In der „Kirche Sant‘ Andrea della valle“  beginnt dieser Thriller, wo zunächst Cavaradossi den entflohenen und ehemaligen republikanischen Konsul Angelotti trifft der von Scarpia gesucht wird. Bevor Scarpia mit seinen Schergen erscheint besucht die eifersüchtige Diva ihren Mario Cavaradossi.  Mit dem „Te Deum“ endet der 1. Akt, nach dem Scarpia die Eifersucht der Tosca noch weiter angeheizt hat: „Tosca, mi fai dimenticare Iddio“   

Die Inszenierung von Michael Sturminger führt uns konventionell und unscheinbar durch authentischen historischen römischen Plätze.

Sobald sich der Vorhang hebt, gibt es einem kurzen plakativen Überfall unter (?) der Kirche (Uscita chiesa), doch gleich mit den ersten Akkorden sind wir im Innern, wo  bieder, aber richtig die Handlung im Bühnenbild und mit sehr geschmackvollen gegenwärtigen Kostümen von Renate Martin und Andreas Donhauser abläuft. Der „Flüchtling“ Angelotti  schaut hübsch gekleidet aus wie ein saturierter Student der Upperclass, Maria Cavaradossi  trägt immer seinen Malermantel und Floria Tosca kommt mit weißen Nelken im Hosenanzug, während Scarpia dann von der Kanzel „un tal bacano in chiesa“ herunter donnert.

Schön ist die Szene der zeichnenden Kinder im Sitzen am Beginn unter Anleitung des Sakristans. Weiter geht’s im echten Raum des Palazzo Farnese – heute die Französische Botschaft – wo naturgemäß Scarpia und Tosca ihr Todespiel abspulen. Dann sind wir zunächst in der Engelsburg, wo wir die Buben im Schlafsaal sehen, die dann auf dem Plafond den Cavaradossi exekutieren. Aber Tosca springt dann nicht von der Engelsburg, denn siehe da, der wiedererwachte Scarpia erschießt sie.

Anja Harteros  gestaltet die „Tosca“ phänomenal,  Ludovic Tézier ist sehr guter Scarpia und  Aleksandrs  Antonenko überzeugt als Cavaradossi

Voraussetzt, dass Anja Harteros die Tosca schon seit einiger Zeit phänomenal gestaltet,  steigert sie sich in Salzburg mit stimmlich natürlicher Schönheit, wenn ihr  mit traumhaften Phrasierungen stupende Verzierungen in der Höhe gelingen, während die tieferen Töne ungemein dramatisch sind, ja sie strahlt unentwegt tiefe Empfindlichkeit, depressive Stimmung, Extrovertiertheit aber auch geniune Erotik aus. Das beginnt gleich im 1. Akt im Duett mit Cavaradossi und Scarpia, wo sie gequälte Eifersucht und Mandonnengüte („é tanto buona“) fabelhaft umsetzt. Das ist bei dieser riesen Bühne besonders schwer – auch für die anderen – wenn durch die weiten Entfernungen das Rezitative – Sonderbare bei Puccini nicht selten untergeht. Überaus packend ist der todbringende Disput mit Scarpia Tézier, der an sich recht dämonisch ist, wobei seine dramatischen Attacken gut sind, jedoch Dirigent Thielemann bringt diese etwas zu schön und weniger theatralisch.

Tézier aber ist auch ganz höhnisch Kavalier: „ Ed or fra noi parlando  da buoni amici“, setzt aber gleich wieder sehr schön nach Puccini auf Eifersucht bei wachsender Dramatik bis zur  Foltermusik. Da jedoch schleudert Frau Harteros ihm das „Sogghino demone“ (teuflisches Grinsen) im schönsten höchsten Brustton C entgegen.  Ungemein salbungsvoll und betend singt Frau Harteros auf dem Tisch liegend: „Vissi d’arte, vissi d‘ amore“, ja einfach zum Niederknien schön mit Ovationen. Das Wunder Harteros substanziert sich aber auch in den Duetten, oder im rezitativen – musiklaischem Spiel mit den Partnern, die durch sie aufblühen. Antonenko singt dabei den Cavardossi sehr gut, zunächst im 1. Akt: „Recondita armonia“ aber auch  „E lucevan le stelle“ mit feinen Vokalen und dann ausgezeichnet das sehr sentimentale Schlussduett mit Anja Harteros.

Christian Thielemann dirigiert die „Sächsische Staatskapelle Dresden“ zunächst mit  vorsichtiger Rücknahme, aber dann doch hochdramatisch

Da sich der Handlungsfluss und die Musik  in oft wenigen Takten ändern, ist die „Tosca“  für jeden Dirigenten eine große Herausforderung. Christian Thielemann nimmt die starken fünf Anfangsakkorde: „Rebustissimo“  etwas brav, ehe er beim „Te Deum“ so richtig aufdreht, sodass nicht nur alle Sänger und Choristen bestens zu hören sind, sondern auch die hervorragenden Einzelstimmen des Orchesters. Voll von Sinnlichkeit erleben wir eine tolle Puccini „Sviolinata“ mit den parallel geführten Geigen zu den Singstimmen. Doch das wichtige Dazwischenreden (Sakristan und später Spoletta) ist kaum zu hören, aber auch, der Chor der die „Cantata“ hinter der Bühne singt, ist zu laut, während Cavaradossis Folter kaum vernehmbar ist. Puccini klopfte nach einer Klavierprobe in seiner römischen Villa „seinen“ Priesterfreund Panichelli auf die Schulter und sagt: „Questa musica la può scrivere Dio e poi io!“ Das ist es, denn salbungsvoll und wundervoll wirkt die symphonische Einleitung des 3. Aktes, aber bitte wo bleibt das Spiel  Glocken von den 11 römischen Kirchen?

Ungeachtet dessen spielt das Orchester den Streichersatz einfach hinreißend neben der souveränen Schlichtheit der Soloflöte, während der bei der Arie: „E lucevan le stelle“ die tiefen Streicher der vier Solo Celli und dann die Klarinette eine sanftes  Wunder vollbringen, das Thielemann einfach superb bis zum Auftritt der Tosca meisterhaften „Incalzando“, als ästhetisch „drängend“ bis zum Schluss fantastisch mit seinem Überagenden Orchester auslebt. Insgesamt  ist die Wirkung der Musik, trotzt einigen Mängeln auch im Zusammenspiel, von höchster Ergriffenheit und seelischer Weihe, die (unbedingt) am Samstag 31. April um 20: 15 auf 3Sat zu sehen ist. Viel, Viel Applaus für die Musik, unbeachtet hingegen bleibt die Inszenierung!

C. F. Pichler aus Salzburg

stol