Montag, 18. Mai 2015

„Pop meets Opera“ an der Wiener Staatsoper

Wenn der weltberühmte Tenor Juan Diego Flórez und die Dragqueen Conchita Wurst sich wenige Stunden nach dem „Life Ball“ in der Wiener Staatsoper zur herrlichen Concert Matinee „Pop meets Opera“ treffen, dann gilt das besondere Lob natürlich dem Südtiroler André Comploi, der alles zusammengestellt und organisiert hat.

Nur wenige Stunden nach dem Life Ball singt Conchita Wurst an der Wiener Staatsoper ihren ESC-Hit "Rise Like A Phoenix" - Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Nur wenige Stunden nach dem Life Ball singt Conchita Wurst an der Wiener Staatsoper ihren ESC-Hit "Rise Like A Phoenix" - Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Dass im honorigen Haus am Ring – der Wiener Staatsoper – ein multikulturelles Konzert zu einer grenzüberschreitenden Sternstunde wird, liegt zunächst an der wundervollen Vielfalt der Musik mit grandiosen Interpreten. Jedoch die Zusammenstellung des Programmes und die blendende Organisation – die in Wien durch den „Life Ball“ und den stattfindenden „Euro Song Contest“ ein wahres Wunder ist – besorgte der Gadertaler André Comploi. Der studierte Musik- und Medienwissenschaftler, Musiker und Lehrbeauftragter an der Universität Wien ist hauptberuflich kein Geringerer als der Pressechef der Wiener Staatsoper.

 

André Comploi - Foto: Wiener Staatsoper

  

Alles beginnt mit den Fanfaren des Bühnen-Orchesters der Wiener Staatsoper. Dann bringt sich der Wiener Landesjungenchor mit „Gloria“  zur Musik von Mario Pecoraro ein, der auf dem Klavier begleitend mit Herwig Pecoraro einen lyrischen-Pop-klassischen Wechselgesang gestaltet, nachdem die Moderatorin Barbara Rett in englischer Sprache die Concert Matinee mit ihrem eloquenten Detailwissen ankündigt. Es geht weiter mit „O mio babbino caro“ (Puccini), sehr gut gesungen von Aida Garifullina, ehe „The Philharmonics“ eine tolles Strauss Arrangement der „K. u. K. Rhapsodie“ zelebrieren. Das Wechselspiel der Musik verlagert sich dann (nicht in direkter Reihenfolge) zu  „Song Contest“-Teilnehmern aus Irland, Zypern, Norwegen und Ungarn auch mit tänzerischen Improvisationen immer begleitet von „The Philharmonics“, bis die „Wiener Comedian Harmonists“ mit „Veronika, der Lenz ist da“ und mit einer „O solo mio“ Studie die Oper zum Kochen bringen.

Einfühlsame Kommentare der Moderatorin

Besonders einfühlsam sind die Kommentare der Moderatorin Barbara Rett. So erwähnt sie bei „Art ist calling for me“, gesungen von Valentina Nafornita ihren Erfolg bei „Don Pasquale“. Als hochgradigen Begleiter am Klavier hören wir mehrmals den musikalischen Studienleiter der Oper Thomas Lausmann. Dann kommt der Tenor der Welt, auf den viele schon warten, der Peruaner Juan Diego Flórez, und brilliert unter den Klängen von „The Philharmonics“ mit „Dein ist mein ganzes Herz“. Selten wird diese an sich schmalzige Musik so glänzend unter großen Beifall interpretiert. Später greift Flórez zur Gitarre und singt ein Potpourri von Liedern, wobei er mit Granada das begeisterte Publikum in Standing Ovations ausrasten lässt. Zu erwähnen sind die ungarischen „Song Contest“-Teilnehmer vor allem, weil sie vom Kinderchor der Opernschule der Staatsoper Wien mit Endwirkung begleitet werden. Dann aber kommt sie, die Dragqueen.

Conchita Wurst brilliert mit „Rise like an Phoenix“

Die „Queen of Austria“ Conchita Wurst singt „Rise like an Phoenix“. Im türkisblauen, armfreien Kostüm erleben wir ein Staatsopern-Debüt über alle Grenzen hinweg. Und, was Conchita (spanisches Kosewort für weiblichen Scham) derzeit erlebt, sprengt auch alle Grenzen, denn vor wenigen Stunden war sie noch mit Tenor Flórez beim „Life Ball“ und wenig später wahrscheinlich bei der Eröffnung des „Song Contest“ im Rathaus. Aber im kurzen Gespräch mit Barbara Rett betont sie, dass es für sie ein Privileg sei, in der Staatsoper zu sein. Ein bisschen müde wirkt sie schon, doch als nach einer herrlichen Zigeunerweise-Einlage „Hora di Mars“ der „Philharmonics“ alle das „Libiamo ne‘ lieti calici“ (aus „La Traviata“) gleich zweimal singen und Flórez Conchita zu sich nimmt, dann wird klar, dass wir bei jeder Musik in wahre Heimat  gelangen. Schon gleich am Nachmittag beginnt „Die Walküre“.

Sir Simon Rattle dirigiert einen großartigen und packenden Wagner

„Die Walküre“ von Wagner ist von den vier Ringteilen sicher die populärste. Das zeigt sich auch in der vollbesetzten Staatsoper, wo jeder Sänger in der sublimen Begleitung des Orchesters zu höchster Form aufläuft, oder sollte. Die schon ältere Inszenierung von Bechtolf wurde übrigens glänzend von Karin Voykowitsch einstudiert. So wird die sehr schwierige Handlung, die Bechtolf mit viel Symbolik gedeutet hat, szenisch sehr schlüssig, und zwar für alle die sogar erst jetzt in der Walküre in der Staatsoper debütieren. Da ist zum Beispiel die grandiose Sängerdarstellerin Evelyn Herlitzius als Brünnhilde. Es ist überhaupt ein Wunder mit welcher Kraftintensität diese eher zierlich-kleine Sängerin die immens schwere Partie bewältigt. Zwar ist sie manchmal mit tremolierendem Gesang beim Ansingen etwas auffällig, doch wer die Augen schließt, hört die Walküre sowieso nicht, oder falsch, weil das Sehen erst den Text zum Hören bringt.

 

Martina Serafin als Sieglinde - Foto: Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

 

Die Herlitzius handelt, spielt, sie weiß dass der Speer nicht nur Machtsymbol, sondern auch eine Todeswaffe ist. Ja sie leidet wie ein Kind, wenn aus ihrer androgynen Walküre eine Frau der Liebes-Sehnsucht wird. Die Todesverkündigung berührt durch diesen Wandel, gar nicht zu sprechen vom dritten Akt, wo dieses „herrliche kühne Kind“ den trotzdem entschlossenen Wotan sie zu verstoßen, zum Weinen bringt. Sie hat es manchmal auch schwer, weil es Rattle gerade an ihrem fantastischen Schluss, „den freislichen Felsen“, nicht gelingt das Orchester zu dämpfen. Der lange Abschied aber von Wotan - Umarmungen, Weinen, Handberühren - hat mich von der Musik noch nie so bewegt. Thomas Konieczny ist ein sehr guter Wotan, weil er diese Partie erstens herrlich musikszenisch durchgestaltet und dann hat auch seine Stimme an Substanz gewonnen, wenn auch einiges forciert klingt. Denn Monolog im 2. Akt singt er fast vollendet. Glücklich ein Haus, das so einen Wotan im Ensemble hat. 

Schuster scheint eine Wallis Simpson mit Plüschstola

Michaela Schuster ist eine sehr gute Fricka. Als frigide Systemverweigerin sieht Schuster aus wie Wallis Simpson mit einer Plüschstola. Doch sie singt und handelt mit ihrer imposanten Erscheinung einfach prächtig. Da wirkt die Kriegsmaid Brunhilde/Herlitzius mit ihrer zarten Figur doch etwas komisch daneben. Nun, alles handelt naturgemäß um das inzestuöse Zwillingspaar Sieglinde und Siegmund. Christopher Ventris hat ein angenehmes Timbre, anfangs aber mit wenig Dramatik, doch nach den ausgezeichneten Winterstürmen und in der Todesverkündigung ist er ein wahres Erlebnis. Auch Martina Serafin blüht erst nach der Hunding/Szene auf. Wohl weil Mikhail Petrenko sich gar nicht an das Musikszenische anpasst. Aber dann steigert sie sich prächtig mit dem tollen Näherkommen an Siegmud. Wie schön singt sie doch Traumvisionen: „Kehrte der Vater nun heim!“ Wie immer spielen die Philharmoniker auf höchstem Niveau zum Mitatmen der Sänger. Sir Simon wird am Ende zu Recht bejubelt, weil er seit der durchwachsenen Salzburger „Walküre“ nunmehr mit dieser Ring-Oper ein prächtiges Debut gibt, auch wenn er schon im Vorfeld von sogenannten Kennern heftig kritisiert wurde. So sind wir nun mit „Pop meets Opera“ und Wagner im Haus am Ring von der musikalischen Heimat umhüllt.

C. F. Pichler aus Wien

stol