Die Grille hat den ganzen Sommer musiziert, die Ameise emsig gearbeitet. Im harten Winter geht’s nur noch ums Überleben. Um diese Fabel von Äsop konstruiert der meistgespielte deutschsprachige Dramatiker der Gegenwart Roland Schimmelpfennig sein preisgekröntes Stück „Der goldene Drache“, mit dem das Wiener Burgtheater gestern das Publikum in Bozen faszinierte. Auf der schiefen Ebene der aseptisch weißen Bühne von Johannes Schütz kreuzen sich die Wege und Schicksale der Bewohner eines Mietshauses auf unvorhersehbare Art und Weise. Schimmelpfennig entwirft in diesem alltäglichen Mikrokosmos einen ätzenden Spiegel unserer globalisierten Welt, der von der Naivität der Handlungsmotive der einzelnen Figuren lebt, die unvorhersehbare Folgen nach sich ziehen.Das China Restaurant als Nabel der neuen WeltIn Kürzestszenen trifft die Küchencrew des China Restaurants „Goldener Drache“ auf zwei Stewardessen, einen alten Großvater, ein junges Liebespaar, einen Ladenbesitzer und einen verlassenen Ehemann. Die nummerierten Gerichte der chinesischen Menükarte rhythmisieren die einzelnen Szenen wie einen Rap Song und vernetzen sie gleichzeitig mit dem globalen Kontext der China Restaurants weltweit. Jede Szene steht für sich und doch steht jede für einen winzigen Ausschnitt aus unser aller Leben, das sich täglich neu verortet. Dem Küchenjungen im Restaurant wird von seinen Kollegen ein schmerzender Zahn mit der Brechzange gezogen, die schöne Enkelin erinnert den Großvater an die elende Kraftlosigkeit seines Alters, der verlassene Ehemann betrinkt sich in hoffnungsloser Erwartung der Rückkehr seiner Ehefrau, das junge Liebespaar zankt sich um die ungewollte Schwangerschaft des Mädchens, zwei müde Stewardessen finden einen Zahn in ihrer Bambussuppe und über allem immer wieder die musische Grille, die der emsigen Ameise zu Diensten ist, um den Winter zu überleben. Gegen den Strich besetzte Rollen verstärken die Authentizität der FigurenAls Regisseur verfremdet der Autor Schimmelpfennig die Figuren seiner wunderbar leisen und beißenden Gesellschaftskritik, indem er sie so gegensätzlich zur Realität wie möglich besetzt. Die Alten spielen die Jungen, Männer die Frauen, die Frischen die Gebrochenen. Wenige Details machen eine alte chinesische Köchin, zu einem bildhübschen jungen Mädchen, einer fleißigen Ameise und wieder einem trinkenden, gerissenen, profitgierigen alten Kaufmann. Zwei bunte Sandalen, eine Hornbrille, ein grauer Schurz und schon ist die Figur klar umrissen, das Bild unmissverständlich und eindringlich vor dem inneren Auge des Zuschauers entstanden.Mit Bravour meistert das Ensemble (Philipp Hauß, Barbara Petritsch, Christiane von Poelnitz, Johann Adam Oest, Falk Rockstroh) die dichte Vorgabe des Textes, scheinbar mühelos tänzelt der muskulöse junge Mann als zerbrechliche Grille über die Bühne, nur mit einem dünnen Hemd bekleidet und versucht sich erfolglos vor den Attacken einer emotionslosen Umwelt zu verteidigen. Jede Geste, jedes der Ausstattungsstücke auf der kargen Bühne scheinen die einzig Möglichen zu sein, präzise und scheinbar mühelos verdichten die Schauspieler ihre Figuren, ziehen ein immer enger gewebtes Netz um die schicksalshafte Ausweglosigkeit der individuellen Lebensversuche. Niemand trägt Schuld. Bierdose bleibt Bierdose, Blut bleibt Blut.Auf dem ursprünglichen Weiß der leeren Bühne – der unbeschriebenen Weltkarte - sammeln sich Schmutz, Blut, Bier, Handlungsfetzen, Überreste ergebnisloser individueller Willensanstrengungen. Das Ketchup Rot des Theaterblutes wird zu echtem Blut, zu einen Grauen, das nichts vom ästhetischen Selbstzweck mancher zeitgenössischer Grausamkeitsrealisten hat. Der Harmlosigkeit der lächelnden Chinesen, die ihren toten Küchenjunge in den Fluss werfen, kann man sich ebenso wenig entziehen, wie der unschuldigen Traurigkeit des verlassenen Ehemanns, der nicht so recht weiß, warum er die arme Grille gnadenlos gepeinigt und ermordet hat.Die Grausamkeit ergibt sich wie von selbst, Täter und Opfer sind ihr gleichermaßen ausgeliefert und dem Zuschauer bleibt nichts als sie als gegeben anzunehmen.Fern jedes Moralismus, jedes Dogmatismus zeigt Schimmelpfennig auf, wie sehr wir alle dem globalisierten Wirtschafts- und Werteverständnis ausgeliefert sind und wie wenig wir ihm entgegenzusetzen haben. Unserer Handlungen und Entscheidungen ebenso wenig bewusst, ebenso dem Schicksal ausgeliefert wie die alten Griechen. Nur tragen die Götter heute andere Namen.Jutta Telser