Und nach einem Augenblick angespannter Leere erfüllt befreiter Applaus den Studiosaal des Stadttheaters Bozen. Kaum jemand, der am Freitag Abend der Uraufführung der Bühnenadaption von Joseph Zoderers Roman „Die Walsche“ (1982) beiwohnte, konnten sich wohl der inneren Betroffenheit entziehen. Viel ist im Vorfeld über diese Produktion der Vereinigten Bühnen Bozen diskutiert worden, der Stoff sei in die Jahre gekommen, die gesellschaftliche Situation in Südtirol habe sich geändert und überhaupt stelle sich die Frage, wie sinnvoll es sei einen Roman, zumal einen sehr dichten und alles andere als dramatischen, auf die Bühne zu bringen. Ist die Zeit so arm an jungen Autoren, an jungen Stoffen? Und dann der angehaltene Atem des Publikums, Sekunden nur, und die Betroffenheit immer neuen, unmerklich kleinen Versatzstücken der eigenen Seelenlandschaft auf der Bühne begegnet zu sein. Die Projektion der ureigensten Konflikte in eine äußere Welt und damit die Hoffnung des klassischen griechischen Theaters auf Katharsis, auf die innere Reinigung.Atmosphärische Dichte durch expressive StimmungsbilderDer Regisseur Torsten Schilling, der auf Wunsch des Autors mit der Inszenierung beauftragt worden ist, hat sich Zoderers Roman sehr leise angenähert, hat den Roman zu einem lyrischen Bild verdichtet und ist dabei der Atmosphäre seiner Vorlage sehr nahe gekommen. Er fängt die düstere Enge, die wortkarge Alltäglichkeit der Bergwelt mit expressiven Stimmungsbildern ein und reduziert die reflektierende Prosa Zoderers, die vom subjektiven Erleben der Hauptfigur Olga lebt, auf ein choreographisch präzises Aufeinandertreffen von emotional geladenen Szenen.Torsten Schilling und Sabine Göttel, die für die Bühnenfassung verantwortlich zeichnet, ist es trotz der losen Szenenfolge mit ineinander greifenden Zeitblenden gelungen, eine dramatische Einheit herzustellen, in der sich die Suche der Hauptfiguren nach Beheimatet-Sein, nach seelischer Ganzheit, und ihr Kampf um Aufbruch und Rückzug in einer rhythmischen Spannungs- und Entspannungsfolge niederschlägt.Weiße Berggipfel als RahmenUnterstrichen wird diese dichte Atmosphäre durch das karge Bühnenbild von Anja Imig: ein raumgreifendes, Setzkasten-artiges Raster aus grauen Holzstegen zwingt die Schauspieler zu einem ständigen Wechselspiel zwischen Außen und Innen, zwischen enger Nähe und luftigem Balanceakt. Als beeindruckend-erdrückender Rahmen schwebt über allem ein Kranz aus weißen Bergspitzen, die, ihrer massigen Plastizität beraubt, nur mehr im Negativ Wirkung zeigen. Sie sind Schatten und Erinnerung, allgegenwärtig und ungreifbar.Olgas anderes LebenOlga ist mit ihrer Mutter aus der Enge eines Bergdorfs auf 1300 Metern in die Stadt geflüchtet und hat sich ein Leben mit ihrem italienischen Geliebten Silvano aufgebaut. Als der verlassene Vater, als gebildeter Lehrer selbst intellektueller Außenseiter im Dorf, stirbt, kehrt sie zur Beerdigung nach Hause zurück und prallt auf die Feindseligkeit eines abgeschotteten Systems, das seine Kraft aus der Abgrenzung gegen alles Neue und Fremde gewinnt. Wie sie es von Vater und Mutter gelernt hat, lehnt sich Olga erhobenen Hauptes gegen die Anfeindungen und Anspielungen der eingeschworenen Gemeinschaft auf. Sie kehrt in die Geborgenheit ihrer sprachlosen Liebe zu Silvano zurück und weiß doch, dass sie immer auch Teil des Dorfes sein wird, dass sie immer auch „ Hüterin der Wiesen, der Lärchenwälder, des Schnees und des Eises“ sein wird und nicht dagegen ankommt.Torsten Schilling führt seine Schauspieler sicher durch die existenzielle Zerrissenheit ihrer Figuren.Luka Oberhammer ist eine starke, in sich gewandte Olga, die die Wortlosigkeit ihrer Bergwelt mit in die lärmenden Stadt nimmt. Knochig und kantig bewegt sie sich auf ihren hochstädtischen Stöckelschuhen durch eine Welt, in der sie keinen Ruheplatz mehr hat. Nur in den schönen Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrem Vater löst sich die Starre. Olga leuchtet plötzlich, wird geschmeidig und hell, frei in ihren Bewegungen, ganz eins mit sich, und in freudiger und sicherer Erwartung der viel versprechenden Zukunft, die ihr Vater ihr zeichnet.Roberto Guerra, als Silvano, mit dem Olga schließlich ihre reelle Zukunft lebt, ist der überzeugende Gegenpol zur Gefühlsknappheit der Bergmenschen ihrer Kindheit. Offen und leidenschaftlich entführt er Olga in eine andere Welt und macht mit physischer Intensität wett, was das kulturelle Misstrauen zu zerstören droht. Paul Demetz wunderbar als glasklarer betrunkener VaterPaul Demetz liefert als alkoholisierter und doch glasklarer Lehrer-Vater eine schauspielerische Höchstleistung. Er zeichnet das wunderbar differenzierte Charakterbild eines desillusionierten Freigeistes, der nie die Kraft aufgebracht hat, sich von der Enge seiner Heimat zu lösen und doch immer fremd bleibt. Er stolpert, lallt, springt, singt, grölt, umgarnt sein Tochter, höhnt, öffnet und schließt sich mit einer atemberaubenden Geschmeidigkeit und verleiht der gebrochenen Figur dabei eine Würde und Erhabenheit, die sie über jede Anfeindung der Außenwelt emporhebt.Lukas Lobis’ selbstgewisser Lackner Karl vibriert vor Bosheit in seinem verletzten Stolz des durch das Andere Bedrohten und Markus Oberrauch als Olgas Bruder Florian erdrückt sich selbst in seiner naiven Suche nach einer Akzeptanz, die in bereits bei seiner Geburt abhanden gekommen ist. Auch die übrigen Darsteller Liz Marmsoler als „Aufräumerin, Gabi Mitternöckler als Mutter, Hannes Holzer als angepasster Lackner und Karl-Heinz Macek als Wirt überzeugen in der Präzision und Spannungs geladenen Kraft ihrer Figuren.Die Bürde der FreiheitDas Gefühl der Enge und Bedrohung, das die gesamte Inszenierung trägt, lastet in den gefühlsintensiven Szenen zwischen Vater und Tochter und zwischen Olga und Silvano umso mehr. Auch der Versuch eine Heimat im Anderen zu finden, muss scheitern. Schlussendlich bleibt nur der Trost, dass diese innere und äußere Loslösung, diese mutige Behauptung der eigenen Individualität nicht eine persönliche, sondern eine allgemeinmenschliche Problematik in sich trägt: Freiheit nicht nur als Ziel sondern in erster Linie auch als Bürde und Schicksal all jener die aufbrechen in das Andere, auf der Suche nach dem Eigenen.Jutta Telser