„Ich bin meine Beine, mein Bauch, mein Körper“Drei Schauspieler sitzen am Beginn der Aufführung unsichtbar im Publikum, ebenso unsichtbar werden sie auch am Ende der Vorstellung wieder unter den Menschen verschwinden.Das Stück des jungen deutschen Autors Björn Bicker greift ein gesellschaftspolitisches Thema auf, dessen wir uns gerade deshalb oft nicht bewusst sind, weil es Menschen betrifft, die sich „außerhalb“ unserer alltäglichen Wahrnehmung bewegen.Richtung EuropaBicker erzählt die Geschichte von drei illegalen Einwanderern, deren Stimme stellvertretend für viele andere ist.Sie kommen aus der Ukraine, aus Kurdistan und aus Ecuador und arbeiten als Putzfrau, Fahrer, Obstverkäufer, Kindermädchen, Bauarbeiter.Unterschiedliche Motive haben diese zumeist jungen Menschen dazu veranlasst, ihre Zukunft in Europa zu suchen, unterschiedlich meistern sie ihr Leben als rechtlose Bürger unserer modernen Demokratie.Mit eigenen Kräften für eine besseres Leben zu kämpfen und gleichzeitig das Gefühl der Machtlosigkeit: Dies ist in den drei Figuren zu spüren.Unauffällig, lautlos, rechtlosChristine Lasta, Markus Oberrauch und Lukas Spisser geben den namenlosen Figuren des Stückes, zwei Männern und einer Frau, ihre Stimme.In schwarzen Anzugsjacken, Jeans und blau-weißen T-Shirts bespielen sie eine voll bestuhlte Bühne.Grau an grau reiht sich Stuhlreihe an Stuhlreihe, sorgfältig aufgestellt und ineinander gehakt und die drei Figuren suchen sich immer wieder eine andere Stelle aus, um kurz aus ihrer Anonymität aufzutauchen, Bruchstücke ihres Lebens auszubreiten und sich dann wieder ohne Spuren zu hinterlassen unsichtbar zu machen.Der klassische Chor als stimme des KollektivsBicker hat für das Stück viele Monate im Lebensfeld der illegalen Einwanderer recherchiert und hat aus den Lebensgeschichten, die er angetroffen hat, eine Textcollage entworfen.Jedes Einzelschicksale steht dabei für ein Ganzes und die Stimmen verdichten sich in einem Chor zu kollektiven Erfahrungen.Bicker beobachtet und erzählt als Reporter und schafft daraus einen rhythmischen Text, der aus der Biographie der Einzelnen das Bild einer gesellschaftlichen Realität entwirft, die jenseits unserer Wahrnehmung steht und uns in ihrer Fremdheit bedrohlich erscheinen kann.Eindringlich werfen die drei Schauspieler dem Publikum ihre Lebensberichte entgegen, nehmen dabei immer wieder eine andere Haltung, Position und Stimmlage ein, stimmen sich durch kurzes Kopfnicken ab, wie die Musiker eines Orchesters.Sie suchen nach einem möglichen Platz inmitten der gleichförmigen Stuhllandschaft, die sie nur einmal, in einem emotionalen Ausbruch, wild durcheinanderwerfen.Präzise Choreographie der AnonymitätCarina Riedl hat das Stück präzise inszeniert. Jeder Schritt, jede Bewegung sind choreographiert, ein "pas de trois", der den lyrischen Ansatz des Stückes verstärkt und von den Schauspielern jene Genauigkeit, Disziplin und Aufmerksamkeit fordert, die das Leben in der Illegalität ausmachen.Wer müde wird, wer auffällt, ist raus. Tag für Tag, ohne Sicherheit, getragen nur von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.Gegen Ende des Stückes bittet eine Stimme aus dem Lautsprecher die Zuschauer ihre Perspektive zu wechseln.Reihe für Reihe werden die Zuschauer auf die Bühne gebeten und schauen im voll beleuchteten Saal auf den leeren Publikumsbereich.Der Wechsel wirkt befreiend und bedrohlich zugleich. Die Stimmen der Figuren kommen plötzlich von allen Seiten, dringen mit neuer Kraft und Selbstsicherheit auf das verunsicherte Publikum.Das Publikum wird seinem eigenem Blick ausgeliefertDieser Stellungswechsel tut dem Publikum und dem Stück gut.Er bricht nicht nur den narrativen Rhythmus sondern auch das vermeintlich harmonische Gleichgewicht zwischen der Gesellschaft und dem Individuum, zwischen aktiv und passiv und setzt den Zuschauer einer harmlosen, doch völlig unerwarteten und deshalb um so effizienteren perspektivischen Revolution aus.Mit „Illegal“ zeigen die Vereinigten Bühnen Bozen ihren Wunsch und ihren Mut, das Theater aus seinem „Wohlfühlraum“ heraus mitten in das Leben zu führen und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Theater kann das.Jutta Telser