Mittwoch, 31. Juli 2019

Salzburger Festspiele: „Médée“ als emotionale Opernsternstunde

Nach der Eröffnungspremiere von Mozarts „Idomeneo“ v die mit ihrer antiken – mythischen Geschichte mit dem aktuellen Klimawandel verknüpft wurde, wird nun mit der Oper „Médée“ von Luigi Cherubini der Medea - Stoff vom Regiegiganten Simon Stone radikal in die Gegenwart verlagert. Es ist, vielleicht etwas pathetisch ausgedrückt, die emotionalste Opernsternstunde überhaupt.

Foto: Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

In der Handlung der Antike hat Medea in Kolchos für Jason das berühmte Goldene Vlies gewonnen und wird aus Liebe zu Jason zur Verräterin des Vaterlandes. Doch Jason, der mit Medea zwei kleine Söhne hat, verlässt  seine Ehefrau Medea nachdem er sich in Dirce, der Tochter von Kreon, verliebte. Er zieht mit ihr nach Korinth mit seinen und den Kinder von Medea. Die verlassene ist nun zur Rache entschlossen, denn sie wird letzlich nicht nur Dirce töten, sondern auch ihre eigenen Kinder.

Der erst 35 jährige, weltberühmte Regisseur Simon Stone erzählt ein verblüffendes Beziehungsdrama

Die Oper beginnt mit einen Schwarz – Weißfilm, der uns in der Salzburger Landgegend das glückliche Idyll von Médée – Elena Stikhina – und Jason – Pavel Cernoch – mit ihren Söhnen zeigt. Das Eheglück, der Wohlstand den die Kamera von Simon Stone einfängt wird durch die musikalische Ouvertüre dann noch intensiver.

Doch kaum ist das vorüber, öffnet sich der Vorhang und wir sind mitten im Geschehen, denn wir sind feudalen Etablissement von Créon (Vitalij Kowaljow)  in dem seine Tochter Dircé (Rosa Feola) und die großbürgerliche Gesellschaft die Hochzeit vorfeiern. Es ist etwas angstbeladen, doch die Götter werden es schon richten, meint Dircé in der ersten  gesungenen Arie, bis Jason und Créon beruhigend eingreifen.

Die französischen Dialoge sind gerochene Sprachnachrichten auf dem Vorhang    

Mit sanfter Stimme hören wir Médée, die noch unsichtbar Jason anruft um ihm zu berichten, dass sie im Fernsehen die Nachricht über seine Hochzeit verfolgt habe und dass sie mit dem Flugzeug ankommen wird.

Dann öffnet sich der Vorhang und wir sehen und begreifen, warum und wie Médée und der Schuft Jason ohne sich zusehen kommunizieren. Ein glänzender Einfall von Stone.

Médée telefoniert aus einen Internet – Kaffe mit Jason. Die Simultanhandlung mit ihm betört!

Es gibt zwischen den beiden keinen Kontakt, sondern alles findet via Telefon statt, sobald sie ihr Duett singen.

In einem heruntergekommenen Internetkaffee spricht die Titelheldin aus der alten Telefonzelle mit Jason, der getrennt durch eine Wand mit den Buben im Luxushotel – Wohnung lebt.

„Ich will das Exil ertragen“, sagt tieftraurig leidend Médée

Es ist aufregend und beschämend, wie die Titelheldin auf den Flughafen in heruntergekommener Flüchtlingskleidung vernommen und direkt gefilmt wird, während in der bourgeoisen Wohngegend darunter ihre ahnungslosen Kinder dies  im Fernsehen live beobachten. Elena Stikhina singt und spielt das mit der Aura aller trostlosen Emotionen und Verzweiflung!

Es mag sein, dass Stone geradezu die ganze Handlung um eine verratene Frau mit einem nie dagewesenen Bildersturm wörtlich erzählt. Doch abgesehen, dass alles tiefgründig und daher schlüssig ist, zeichnet er mit seiner grenzüberschreitenden Fantasie wie es dazu kommen kann, dass eine Frau ihre eigenen Kinder tötet in einer Gesellschaft die im Überfluss lebt. 

„In der Liebe gibt es keine sicheren Orte“ (Médée)

Da die Verratene zu Rache entschlossen ist, weil es: „In der Liebe keine sicheren Orte gibt“, tötet sie die Neue von Jason verkleidet als Bedienerin im feudalen Speisraum. Doch Jason trifft Médée vorher auf einer düsteren Bushaltestelle, wo sie sich an die Kindersöhne klammert.

Doch schließlich fährt sie mit einem Auto, Kennzeichen S – Salzburg, zu einer Tankstelle und es kommt zur Tragödie,  wenn sie und die Kinder letzlich im Auto verbrennen.

Der ganze Ablauf ist  eine cineastische Tragödie mit emotionalsten Rückblenden

Bevor die Tragödie ihren Endpunkt erreicht wird orchestralen Zwischenspiel im Schwarz – Weißfilm nochmals das ehemalige Glück und die Scheidung mit den Sprachnachrichten gezeigt. Die Zuhörer blicken erregend still und gebannt auf die Leinwand.

Thomas Hengelbrock dirigiert die Wiener Philharmoniker nach einem diffusen Beginn doch sehr dicht und auch der Wiener Staatsopernchor ist musikszenisch wieder Extraklasse. Bild, Musik und Szene bilden in ihrer herausragenden Einheit gewiß eine Sternstunde der Oper, bei der an sich die Kritik schweigen sollte, da das Publikum diese Aufführung mit  größter Zustimmung aufnimmt.

Gesungen wird mit Niveau mit Elena Stikhina aber als einzigartige Médée

Zunächst ist das französische Idiom bei allen sehr gut, doch Elena Stikhina belebt mit gewaltiger Singkunst – tolle Höhen, klasse Mittelstimme, magische Tiefen – und mit durchdringender Darstellung den Abend, wie sonst niemand. Pavel Cernoch ist Jason ein etwas zu lyrischer, auch stimmlich angestrengter Tenor und Vitalij Kowaljow ist als Créon gut, hat aber nur geringe szenische Ausstrahlung.

Die hat Rosa Feola als Dircé schon, doch ihre Eingangsarie ist in der Höhe in Ordnung in den Tiefen gar nicht und solide ist letzlich Alisa Kolosova als dienende Néris. Jubel natürlich für alle.

C. F. Pichler aus Salzburg    

 

 

 

stol