Montag, 01. August 2016

Salzburger Festspiele: Sternstunde „Die Liebe der Danae“

Nachdem nun mit der Uraufführung von „The Exterminating Angel“ von Thomas Adès und mit der ambivalenten Neueinstudierung der genuinen Mozartoper „Cosi fan tutte“ den bedeutungswirksamen Opernbeginn hatten, folgt nun endlich mit der ersehnten Neuinszenierung „Die Liebe der Danae“ von Richard Strauss ein wahrer Triumph, ja eine Sternstunde des Musiktheaters.

Krassimira Stoyanova in "Die Liebe der Danae" - Foto: SF Monika Forster
Krassimira Stoyanova in "Die Liebe der Danae" - Foto: SF Monika Forster

Richard Strauss hat mit „Die Liebe der Danae“ ein wahres Opernprunkstück geschrieben, das mit dem Untertitel „Heitere Mythologie in drei Akten“ auf einen Entwurf von Hugo von Hofmannsthal zurückgeht, der allerdings schon 1929 verstorben ist. Da die Oper explizit für die Salzburger Festspiele geschrieben wurde, dachte Strauss bereits in den 1930er Jahren, sie ganz im Sinne des milesischen Märchens auf die Bühne zu bringen.

Doch es kam ganz anderes, denn nach dem Tod von Hofmannsthal, konnte Stefan Zweig als jüdischer Dichter das Libretto nicht dichten, weil er in die Emigration getrieben wurde. So schrieb der dem Regime angenehme Dichter Joseph Gregor das Libretto nach den Grundthemen die Hofmannsthal vorgegeben hatte. Dabei handelt es sich um die gegensätzliche Selbstbestimmung von Gold und Liebe, in der die Welt der Götter sich dem Menschen ausliefert, weil den Göttlichen die menschliche Liebe versagt bleibt. Strauss hatte mit Gregor ein schwieriges Verhältnis, weil dieser nicht mit der operettenhaften Bezugsgattung nach den Zuschnitt von Offenbach, mit einer Wagner-affinen Grundhaltung aus regimeskeptischen Gründen nicht einverstanden war, auch wenn es der Vorschlag von Gregor war, dass Strauss den leibhaftigen Jupiter auf die Bühne brachte.

Die operettenhaften Handlungs-Elemente sind verwandelte Themen der Treue, die um die menschliche Liebe kreisen

Wir sind zunächst am Hof des Königs Pollux, der sich in pekuniärer Not befindet, aus der ihn nur seine Tochter Danae retten kann. Die elegante Prinzessin träumt von unsagbarem Reichtum, indem sie durch die Berührung durch Midas zu ihrem eigenen goldenen Denkmal erstarrt. Danae hat sich dem römischen Gott Jupiter verweigert, weil sie sich in dessen Boten Midas verliebt hat.

Obwohl der zornige Gott nun Danae die vergoldete Kraft und den Reichtum entzieht, wählt sie ein Leben in Armut an der Seite des Geliebten, der nunmehr als Eseltreiber seine Welt durchlebt. Doch Jupiter wäre nicht ein überheblicher Gott und treuloser Gatte, wenn er nicht versuchen würde, seine angebetete Danae wieder umzustimmen. Allerdings muss er als Gott erkennen, dass die menschliche Liebe - auch zu einem profanen Eseltreiber - stärker ist, als zu ihm, den Gott, weil ihm die menschliche Liebe versagt bleiben wird.

Krassimira Stoyanova und Tomasz Konieczny - Foto: SF Michael Poehn

Aus Meran schreibt Richard Strauss 1938 bei Kompositions-Beginn, dass er explizit denke, eine ironische Alternative zu Wagners Götterdämmerung zu machen

„Für den Schluss brauche ich eine längere Abschiedsrede des Jupiters, ähnlich wie Hans Sachs am Ende der Meistersinger“, so Strauss an Gregor, dem er auch zum Inhalt schrieb: „Heitere Resignation, Abschied von alternden Liebchen auf Nimmerwiedersehen. Nahende Götterdämmerung. Nachdem das Abenteuer mit Danae missglückt, Zweifel an der Allmacht der Götter. Die heiteren, schönen Götter weichen den finsteren Geistern. Eine neue, ihnen unverständliche Liebe tritt in die Welt – kurz: hübsche, lächelnde Philosophie!“

Freilich wollte Strauss alles andere als eine Götterparodie, obwohl der resignierende Jupiter am Schluss die unverwechselbaren Züge des traurigen Abschiedes von Wotan und Brünnhilde aus der „Walküre“ hat. Doch das Heitere im Sinne von Offenbach und sogar die vielen komischen Elemente, wenn Strauss etwa beim Gold Anspielungen auf Wagners Rheingold macht, durchziehen die herrlich aufgebaute Musik mit wundervollen Handlungsvorgängen von lasziven Königinnen, die mit Jupiter paktieren, um ihm Liebesabenteuer zu entlocken. Schon allein bei der überragenden Orchestrierung scheint die Musik wie eine edle Berührung mit dem Gold, oder sie entpuppt sich fabelhaft als deren Fluch.

Die Uraufführung war für den Festspielsommer 1944 geplant, doch es kam 16. August nur zu einer öffentlichen Generalprobe, denn drei Wochen nach dem denkwürdigen 20. Juli 1944 ließ Goebbels die Theater schließen. Am Schluss der Probe sagte der Agnostiker Strauss seine berühmten Worte zu den Wiener Philharmonikern: „Vielleicht sehen wir uns in einer besseren Welt wieder!“ Erst 1952 wurde die Oper unter Clemens Krauss in Salzburg uraufgeführt, trotz Widerstand, denn Krauss war mit dem Aufführungsverbot wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit belegt, aber auch der Dichter Joseph Gregor war nicht anwesend.

Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker spielen einen fabelhaften Strauss, wobei sie die Sänger mit götterhaftem Klang durch die Handlung begleiten, die Alvis Hermanis märchenhaft schön inszeniert

Die exzentrische Vorlage der Handlung von allgewaltigen Göttern, denen das Glück der Menschenliebe versagt bleibt, ist verführend, ja märchenhaft sogar. Aus dieser Sicht ist zunächst die Musik ein Wurf, weil sie von dem Dirigenten Franz Welser-Möst weit über den auch weitschweifigen Text hinausgetragen wird. Es gleicht einem Wunder, also fast unerklärlich, mit welcher Inbrunst und Tiefengang die Philharmoniker diese auch für sie „neue“ Oper (sie ist nicht im Repertoire) spielen und zwar mit einer irisierenden Durchsicht, wenn sie die Sänger wie Liebende auf Händen tragen, was dazu führt, dass wir ein herrliches Sängerensemble hören, das mit dieser Opernaufführung wohl ewig verbunden sein wird, weil es schlicht eine Sternstunde ist. Es ist ein berührendes Ineinanderschmelzen von schönster Liebe, wobei die verderbliche Macht des Goldes  in den unterschiedlichsten Symboltonarten kontrastreich mit walzerartigen Freuden aufeinander trifft.

Übertragung auf Ö1 am 6. August um 19.30 Uhr

Am 6. August um 19.30 Uhr gibt es auf dem Radiosender Ö1 eine Übertragung, die unbedingt zu hören ist. Sei es auch nur die letzte Stunde, denn da erleben wird ähnlich wie beim Rosenkavalier: „Ein Traum, kann nicht wirklich sein!“ Ist aber wirklich, wenn in einer packenden Szene inmitten von orientalischen Webstühlen die unvergleichliche Sopranistin Krassimira Stoyanova als überragende Danae und der fantastische  Bassbariton Tomas Konieczny als Frau und Gott einen Abschied zelebrieren, der uns wie ein Traum aus dem Schlaf rüttelt.

Und, um es gleich vorweg zu nehmen, gesungen wird herrlich, aber neben den vier herrlich plappernden Königinnen oder dem wundervollen Südtiroler Konrad Huber als Wächter ist der Tenor Gerhard Siegel in der schweren Rolle als Midas alias Chrysopher eine wahre Offenbarung, weil er besonders mit Danae/Stoyanova die schönsten Gefühlsparameter der Liebe mit berührender Poesie singt.

Krassimira Stoyanova und Tomasz Konieczny - Foto: SF Michael Poehn

Hermanis verlegt die Geschichte mit viel Spürsinn in die Osmanische Märchenwelt mit viel getanztem Eros und mit äußerst farbprächtigem Gewand

Schlau ist er schon, der Inszenator und Bühnenbildner Alvis Hermanis, wenn er mit der nur größtmöglichen Opulenz eine Midas-Goldregen-Orgie ausspielen lässt, oder besser gesagt, opernhaft arrangiert. Bilder, Bilder, Bilder zeigen sich auf der eigentlich symmetrisch kargen, aber sehr gut belichteten Großbühne in den farbensüchtigen Kostümen von Juozas Statkevicius. 

Die Balletdamen, nackt und glattweg vergoldet, betanzen in der immer noch faszinierenden Djagilew Tanzsprache eine Exotik mit ornamentaler Erotik, sehr fein durchchoreographiert von Alla Sigalova. Der üppige Stil, die Ornamente versensibilisieren die Geschichte der Fantastik, wobei sie den sinnlich überbordenden Reichtum der Musik szenisch-religiös sehr gut auffächern.

Ausstaung hin oder her, Hermanis ist letztlich ein Meister der Bewegung und ganz sicher der zeitlos schönen Poesie

Wenn er im Schlussbild im kahlweisen Kachelraum erstens einen echten Esel vorbeiziehen lässt, so vermenschlicht alles, doch wohl kaum zu toppen ist die Szene mit dem Webstühlen, wenn neben den weiß gekleideten Mädchen, die schließlich gebären, Danae sich Teppichwebend – eine herrliche Metapher – vom werbend, webenden Jupiter trennt, ehe sie ganz sachte mit den Fingerspitzen ihren Midas berührt. Ein Welttheatermoment, der mit der Musik zum unvergesslichen Triumph wird.

Noch zu sehen vom 5. bis zum 15. August im Großen Festspielhaus. Des Weiteren finden Fernsehübertragungen statt, am 12. August auf ORF eins und am 20. August auf ORF III.

C.F. Pichler aus Salzburg

stol