Samstag, 12. November 2016

Tag für Tag den Mut zu scheitern

Die Liste junger, erfolgreicher Südtiroler Schauspielerinnen wird immer länger – man denke etwa an Anna Unterberger, Jasmin Mairhofer oder Katharina Gschnell. Und auch die 27-jährige Aurerin Sarah Scherer macht von sich reden. Zurzeit tourt die Wahlwienerin mit dem Freien Theater Bozen durch Südtirol. Sie spielt das Gretchen in „Faust. Der Tragödie erster Teil“. Südtirol Online hat mit Sarah Scherer über Schauspielerei, Theaterkritiker und – natürlich – über Gretchen gesprochen.

Sarah Scherer tourt mit dem Freien Theater Bozen durch Südtirol. Sie spielt das Gretchen.
Sarah Scherer tourt mit dem Freien Theater Bozen durch Südtirol. Sie spielt das Gretchen.

Die heute 27-jährige Sarah Scherer ging eigentlich nach Wien, um am dancecenter MoveOn zeitgenössischen Tanz zu studieren. Eine Verletzung beendete die Tanzkarriere aber, bevor sie überhaupt beginnen konnte.

Dadurch ließ sie sich aber nicht von ihrem Weg abbringen – Sarah Scherer sattelte um, blieb aber ihren Leidenschaften und kreativen Interessen treu.

2010 begann Scherer ein Studium an der bekannten Wiener Schauspielschule Krauss, die sie 2013 mit dem Diplom abschloss. Seitdem arbeitet die Aurerin als freischaffende Schauspielerin. Aber nicht nur, Sarah Scherer ist ein künstlerischer Tausendsassa: Sie spielt Theater und Film, schreibt Drehbücher, synchronisiert und choreografiert.

Seit 28. Oktober kann man die Wahlwienerin zum ersten Mal auf Südtirols Bühnen sehen. Der Plural ist dabei mehr als angebracht, Sarah Scherer tourt zurzeit mit dem Freien Theater Bozen und seiner aktuellen Produktion „Faust. Der Tragödie erster Teil“ durch die Lande.

Südtirol Online: Frau Scherer, auf Ihrer Setkarte steht ‘Scherer konnte nach ihrem Abschluss unter anderem Erfahrung in Theater, Film und Fernsehen sammeln’. Welche Erfahrungen haben Sie in den letzten 3 Jahren gemacht?
Sarah Scherer: Ganz vielseitige! Man fängt natürlich erstmal klein an und dann tröpfeln die neuen Herausforderungen ein. Ich hatte von Anfang an das Bedürfnis, nicht nur „auf“ der Bühne oder „vor“ der Kamera zu stehen, sondern auch die Seite zu wechseln – parallel zu schreiben, zu inszenieren und eigene Projekte umzusetzen. Das ist eine Mischung, die für mich in einer gewissen Weise notwendig ist. Die Perspektive zu verändern füttert das jeweils nächste Projekt. Wenn ich eine Zeit lang spiele, brauche ich den Kontrast um von mir selbst weg zu kommen und den Tank wieder zu füllen. Wenn ich geschrieben/inszeniert habe, merke ich wie toll es ist die Dinge wieder physisch umzusetzen.

STOL: Traumberuf Schauspielerin! Viele junge Menschen wollen ins Theater und/oder zum Film, aber nur die wenigsten schaffen es. Wie haben Sie es geschafft und wie war Ihre Zeit an der Schauspielschule in Wien?
Scherer: Also „geschafft“ ist da noch lange nichts, da braucht es schon noch ein wenig Durchhaltevermögen. Allem voran bin ich dankbar, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe, mich in meinem (Berufs-)Alltag mit Themen und Menschen zu beschäftigen, die mich wahnsinnig interessieren. Das ist schon mal eine feine Sache. Der Rest ergibt sich dann durch das richtige Maß an Ambition und Unermüdlichkeit. Einfach weitermachen, egal wie oft man auf die Schnauze fällt. So hat sich übrigens auch die Zeit an der Schauspielschule gestaltet: ein verrückter Haufen von Menschen, die Tag für Tag den Mut zum Scheitern haben.

STOL: Sie sind zurzeit mit dem Freien Theater Bozen auf Südtiroltournee und spielen das Gretchen im „Faust“ – eines der bekanntesten Werke der deutschen Literatur. Wie gehen Sie an eine solche Rolle heran und wie hat Regisseur Reinhard Auer Ihre Rolle angelegt?
Scherer: Ich sammle zuerst mal manisch alle Informationen über die Rolle, dann suche ich entsprechende persönliche Substitute und probiere sie aus. Wenn sie nichts in mir auslösen, ist irgendwo ein Leck in der Analyse und wenn sie funktionieren muss man zusehen, dass sie am Leben bleiben. Den Text zu sezieren und ihn im Schlaf zu können, versteht sich von selbst. Dann gleicht man den „Versuchskochtopf“ mit den Vorstellungen des Regisseurs ab und findet gemeinsame Lösungen. Reinhard Auer hat die ehrbare Gesinnung, dass der psychologische Teil die Aufgabe des Schauspielers ist und pfuscht einem nicht zu viel in die Rollengestaltung rein, sondern erweist sich als sichere Hand über die Inszenierung.

Für Sarah Scherer geht es bald zurück nach Wien. 

 

STOL: „Scherer spielt Gretchen eindringlich und glaubwürdig“, stand jüngst in einer Theaterkritik über Sie. Künstler und Kritiker, das kann ein gespanntes Verhältnis sein. Messen Sie Theaterrezensionen einen Wert bei?
Scherer: Wenn ich von einer Idealkritik ausgehe, das bedeutet für mich weder verklärt beschönigend noch bewusst vernichtend – dann schätze ich eine Rezension sehr, egal wie das „Urteil“ ausfällt. Wenn etwas entdeckt wird, was man selbst nicht gesehen hat, ist das doch eine Freude! Ahnt man jedoch, dass da ein Haar in der Suppe ist, muss man sich zuweilen auch davor schützen. Immerhin muss man sich unter Umständen am nächsten Tag auf der Bühne ja wieder seelisch entblößen.

STOL: Frau Scherer, Ende November endet die Südtiroler Faust-Tournee. Geht es dann wieder sofort zurück nach Wien? Wie sehen Ihre Pläne aus?
Scherer: „Erkennen was die Welt im Innersten zusammenhält!“ Ja, es geht zurück nach Wien. Dort tüftle ich dann an meinem nächsten Kurzfilm und es warten weitere spannende Projekte. Den Rest lasse ich auf mich zukommen und hoffe, bald wieder in Südtirol mitzumischen. Interessant wäre es, vor allem Filme hier zu verwirklichen, Geschichten zu erzählen, die im Gegensatz zu der idyllischen Landschaft stehen und einen neuen Blickwinkel ermöglichen.

Interview: Andrej Werth 

stol