Montag, 18. Juli 2016

Tanz Bozen: Aakash Odedras One-Man-Show

Nach der Eröffnung zeigt Tanz Bozen am zweiten Festivaltag eine faszinierende One-Man-Show des britisch-indischen Tänzers Aakash Odedra. In Odedra verschmelzen zwei Kulturen und zwei künstlerische Welten. Der Tänzer interpretiert den traditionellen indischen Kathak-Tanz, den er seit seiner Kindheit tanzt, ebenso exzellent wie zeitgenössische Stücke.

Aakash Odedras tanzt schon zum zweiten Mal bei Bozen tanzt.
Aakash Odedras tanzt schon zum zweiten Mal bei Bozen tanzt.

Bereits im Jahre 2012 war Aakash Odedra bei Tanz Bozen mit dem Stück Rising, einer Choreografie von Russell Maliphant, Sidi Larbi Cherkaoui und Akram Khan, die mit dem Premio Danza&Danza ausgezeichnet wurde. Bei der diesjährigen Auflage kehrt er mit zwei Soli zurück: mit Inked des Franzosen und Belgiers Damien Jalet und mit Murmur 2.0 des Australiers Lewis Major. In beiden Stücken fließt Odedras Biografie mit ein.

 

Bei Odedra wurde schon im Kindesalter Dyslexie diagnostiziert. Murmur 2.0 setzt sich mit dieser ganz persönlichen Erfahrung des Tänzers auseinander und präsentiert ein Bühnenbild, das die Realität durch den Einsatz von 3D-Projektionen des Ars Electronica Futurelab (Linz) verzerrt. Odedra erinnert sich: „Ich habe 21 Jahre lang meinen Namen falsch buchstabiert. Das war der Ausgangspunkt meiner Arbeit mit Major. Dyslexie ist verständlicherweise immer negativ behaftet. Die zivilisierte Gesellschaft des 21. Jahrhunderts beurteilt und misst noch immer die Intelligenz über die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können. Unbeachtet bleibt hingegen die emotive und kreative Intelligenz. Dieser Gedanke ist für mich eine Herausforderung. Die Dyslexie war für mich kein Fluch, sondern vielmehr ein Segen.

 

Inked inspiriert sich hingegen an der traditionsreichen Praxis der Narbentatauierung, das heißt an Tätowierungen für dekorative und identitätsstiftende Zwecke oder zum Schutz. Dem Stück zugrunde liegt die Erinnerung an die Hand der sterbenden Großmutter, die der Tänzer gehalten hat. Sie gehörte den Rajputen (Königssöhne) an, einem kriegerischen und ritterlichen Stamm der Kaste der khsatriya. Ihre Hand wies Tätowierungen auf, Zeichen der Zugehörigkeit mit Schutzfunktion, da sie auf ihre kriegerische Herkunft verweisen. Odedra erklärt: „Ich habe über die Gründe nachgedacht, die Menschen dazu veranlassen, den eigenen Körper zu tätowieren: In einigen Fällen ist es eine erzwungene Entscheidung, in anderen Fällen möchte man sich an jemanden erinnern, den man liebt oder geliebt hat. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe und alle haben ihre Berechtigung. Tattoos sind jedoch nicht für die Ewigkeit, denn nur die Seele ist ewig.“ Während seiner Arbeit mit Jalet kreiert Odedra ein Stück, in dem er mit und um schwarze Tinte tanzt, er bemalt seinen Körper mit Zeichen und gegen Ende der Aufführung bemalt er ein großes Blatt, das den Boden bedeckt. Der Tanz ist kreisförmig wie der Lebenszyklus und grenzt an Transzendenz. „Ich muss in diesem Stück das Reich des Todes betreten. Nichts Natürlicheres als das, ist doch unser ganzes Leben auf den Tod ausgerichtet. Kaum betrete ich den Raum, ist das Reich ein anderes, mein Ego breitet sich aus. Am Ende des Stücks brauche ich fünf, sieben Minuten, um diesen Raum wieder verlassen zu können.“

stol

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