Donnerstag, 31. März 2016

Vom Suchen und Finden des Selbsts: Jugendstück in Bozen

Pubertät? Kein Problem - wenn man sie hinter sich hat. Vor allem Erwachsene schmunzeln gerne über die "Problemchen" der Pubertierenden, tun sie als unwichtig ab. Und vergessen dabei die eigene Vergangenheit. Denn wer kann schon behaupten, dass die Suche nach dem eigenen Ich einfach war? Das Stück "Der Junge mit dem längsten Schatten" handelt von dieser Zeit im Leben und lässt die Grenzen zwischen Pubertät und Erwachsensein verschwimmen.

Foto: Gregor Khuen Belasi
Foto: Gregor Khuen Belasi

Adam und Atticus sind Zwillinge – und doch könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Adam, eine Minute vor der Jahrtausendwende geboren, fährt Rennrad, spielt Basketball und gehört zu den coolsten Jungs der Schule. Atticus, eine Minute nach der Jahrtausendwende geboren, sammelt Blumen, liebt Sprachen und ist generell eher der Einzelgänger. Mit zwölf entschließt Atticus, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und ein anderer Mensch zu werden.

Ab 2. April feiert das von Finegan Kruckemeyer geschriebene Stück auf der Pippo.stage in Bozen um 20 Uhr Premiere. Die Südtiroler Jung-Regisseurin Stefanie Nagler hat sich im Auftrag der Vereinigten Bühnen Bozen des Stückes und damit auch den Themen Jugend, Identität, Selbstfindung und Mobbing angenommen.

Im Interview erzählt sie von dem Stück, den Schauspielern, dem Erwachsenwerden und von zahlreichen Herausforderungen.

STOL: Was ist das zentrale Thema von "Der Junge mit dem längsten Schatten"?

Stefanie Nagler, Regisseurin des Stücks: "In dem Stück werden ganz krasse Klischees bedient. Es geht um die Identitätsfindung von Jugendlichen und die Frage: Wer will ich sein? Was will ich werden? Atticus, der jüngere der beiden, beschließt, eine Woche lang jeden Tag eine andere Person zu sein - auf der Suche nach sich selbst. Dabei verkleidet er sich einmal als sein Bruder, einmal wird er zum Mobber, einmal zum Showstar. Die Frage, die am Ende offen steht ist, wie viel ihm das gebracht hat, jemand anders sein zu wollen. Die Moral des Stückes ist: Man muss lernen, sich so zu lieben, wie man ist.

STOL: Wer sind die beiden Schauspieler, die die Zwillinge spielen?

Nagler: Die Zwillinge werden von Andreas Mittermeier und Josef Mohamed gespielt. Sie sind zwar keine Zwillinge, aber sie ähneln sich etwas. Im Vordergrund des Stückes soll das Grundproblem der Pubertierenden stehen, nicht die Zwillings-Beziehung an sich. Deshalb war uns das Aussehen nicht so wichtig. Wir verlegen das Identisch-Sein in die Bühne und das Kostüm. Beide tragen dieselbe Kleidung in unterschiedlichen Farben. Sie sind auch nicht 12 Jahre alt, sonder schon Mitte 20. Es war uns wichtig, das Stück nicht kindlich zu inszenieren, sondern die 12-Jährigen ernst zu nehmen. Mobbing ist im Stück und auch im Leben ein großes Thema, in den Schulen, auf dem Pausenhof. Je kindlicher man das Stück spielt, desto unglaubwürdiger wird es.

STOL: Also ist das Stück auch für Erwachsene?

Nagler: Ich finde schon. Vor allem die Identitätsfindung ist auch im höheren Alter aktuell. Man versucht ja ständig, sich zu finden, man fragt sich: Habe ich meinen Platz in der Welt gefunden - egal in welchem Alter. Und natürlich gibt es auch Mobbing am Arbeitsplatz. Ich denke, womit wir die Erwachsenen in diesem Stück am meisten fesseln, ist das Bühnenbild. Wir wollen den Zuschauer verzaubern. Dazu arbeiten wir mit zwei Overhead-Projektoren, mit denen wir wunderschöne Bilder kreieren können. Auch der Text hat keine klassische Struktur mit Dialogen, sondern viel in Erzählform. Es ist eine völlig andere Art von Theater. 

Mit Overhead-Projektoren wird das Bühnenbild inszeniert - Foto: Sabine Weissenegger

STOL: Was waren die großen Herausforderungen bei dem Stück?

Nagler: Als ich den Auftrag von den VBB erhielt, habe ich zunächst das Buch gelesen - und war absolut begeistert, gerade weil es so anders ist. Eine Herausforderung. Es ist ein völlig neuer Zugang, mit einer Textstruktur umzugehen. Und eine ebenso große Herausforderung ist es, das Stück für ein junges Publikum zu inszenieren. Ich finde dieses Alter sehr spannend, aber ich musste mich auch fragen, wie ich die jungen Zuschauer erreichen kann. In diesem Alter ist die Entwicklung extrem schnell, nur wenige Monate machen da einen großen Unterschied in Sachen Reife. Und es ging mir auch darum, die Probleme, die man in diesem Alter hat, nicht lächerlich zu machen, sondern sie ernst zu nehmen. Ich habe versucht, mich einzulesen und die Konflikte zu ergründen, die zwischen Jugendlichen entstehen. Diese kommen im Text selbst nicht so explizit zum Vorschein. Wie verhalten sich Jugendliche im geschützten Umfeld zu Hause, wie in der Schule?

STOL: Erkennt man sich da als Erwachsener nicht auch wieder, also eine Erinnerung an die eigene Jugend?

Nagler: (lacht) Vor allem in der Geschwisterbeziehung habe ich einiges von mir selbst wiedererkannt. Ich habe eine jüngere Schwester und die Vorbildsfunktion war und ist natürlich immer ein großes Thema. Die Streitereien wurden auch ganz stark wieder präsent, das Launenhafte, dass man streitet und nach 5 Minuten ist alles wieder gut. In Sachen Pubertät ist vor allem zum Vorschein gekommen, wie unterschiedlich jeder Einzelne diese Phase des Erwachsenwerdens erlebt. Es gibt kein Einheitsrezept. Und was uns auch aufgefallen ist: Wir waren in unserer eigenen Jugend vielleicht nicht oft die Mobber, aber wir haben ganz oft daneben gestanden und haben nur zugesehen. Dass gewisse Sachen von damals eigentlich unter Mobbing fielen, wurde uns erst jetzt bewusst.

Interview: Elisabeth Turker

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Weitere Aufführungen: Sonntag, 3. April um 18 Uhr, Samstag, 9. April um 20 Uhr, Sonntag, 17. April um 18 Uhr

stol