Batman ist nicht der Held, den Gotham verdient, sondern jener, den die Stadt braucht, ist ein Klassiker unter den Comic-Weisheiten. Aber was Batman kann, das kann heute jede Drohne. Und Slowgirl? Wer ist Slowgirl?<BR /><BR /><BR />Von Michael Denzer<BR /><BR /><BR />Slowgirl ist die Heldin, bei der es noch lange dauert, bis die Gesellschaft weiß, dass sie sie braucht. In „Slowgril“, dem digitalen Stück der Dekadenz Brixen, verkörpert <b>Marlis Untersteiner</b> nicht aber die titelgebende Heldin, sondern spielt sich selbst, eine redegewandte und quirlige Schauspielerin, die versucht, sich ihrer Figur anzunähern. Dabei umschifft sie gemeinsam mit Regisseurin <b>Nicola Bremer</b> und Regieassistenten/Kameramann <b>Jakob Delago</b> die Fallen des allzu offensichtlichen: Nein, Slowgirl ist nicht die einzig wirksame Gegenspielerin des Turbokapitalismus und eine Vor- oder Nachreiterin der Entschleunigung. Sie ist einfach nur langsam. Was also kann man von ihr lernen? Die klassische Comic-Weisheiten wie das Feiern der Andersartigkeit zum einen, aber sicher auch, dass es falsch ist, eine Person auf nichts als eine Eigenschaft und ihr Geschlecht zu reduzieren.<BR /><BR />Man folgt zu Hause also live – oder in bis zu 0,25 Fächer Zeitlupe, eine Möglichkeit, die YouTube allen bietet, die immer schon Fans von Slowgirl waren – einem Stück bei der Entstehung, das auch ohne Corona-Einschränkungen schlicht unspielbar wäre. Hier lässt sich auch „Slowgirl“, das Stück, nicht auf eine Eigenschaft reduzieren, greift zu den Mitteln, die es im Austausch gegen die körperliche Anwesenheit des Publikums erhalten hat. Ein Spoiler für alle, die nicht gerne vorab wissen möchten, wie diese Mittel nach den ersten Minuten etabliert werden, die Rede ist von der Kamera. Sie macht es schwierig, hier von einem Solostück zu sprechen, verwendet Elemente aus verschiedenen filmischen Genres, die die Stimmung für einzelne Szenen setzen, mal als dokumentarische Wackelkamera, mal als Found Footage Horror. Wer Bilder zu beiden Beispielen vor Augen hat, der weiß, dass hier eigentlich Verwechslungsgefahr bestehen könnte, doch in Kombination mit Licht (<b>Armin Ladinser</b> und <b>Simon Boccolari</b>), Bühne (<b>Mirjam Falkensteiner</b>) und Ton wird diese Gefahr gebannt, bevor ein Zuseher sie im Stück erkennen könnte.<BR /><BR /><BR />Es ist neben Marlis Untersteiners tadellosem Spiel, das eine Bühnenenergie vor leeren Rängen erzeugt, das ganz der Kamera und ihr selbst gilt noch einmal die Hybridisierung des Stückes zu unterstreichen: „Slowgirl“ ist weder ganz Stück, noch ganz Film, ein bisschen, wenn auch in einer kleineren Liga, wie Alejandro González Iñárritus „Birdman“, denn so cineastisch war Südtirols Theater noch kaum. <BR /><BR /><BR />Man reizt den Charakter des Stücks im Stück aus, findet kreative One-Takes, cineastische Momente und unerwartet schöne Abstraktionen. Am Ende des Stücks dann noch ein unerwartet befriedigender Aha-Moment, eine Traum(um)deutung, welche auch dem Stück eine neue Ebene verleiht und die Verwandlung, auf die alles Hinausläuft: Marlis Untersteiner schlüpft in ihr Kostüm, letzte Momente bevor eine Superheldin auf die Bühne geht, die eigentlich keine ist. Es sind lange Momente. Momente, in denen man sich Zeit lässt. Man ist langsam.<BR /><BR /><BR /><b>Gespräch mit der Theatercrew</b><BR /><BR /><BR /><b>Herr Bremer, Superhelden sind normalerweise stark und flink. Die Figur aus Ihrem Stück ist langsam. Ist das nicht ein Widerspruch?</b><BR />Nicola Bremer: Ich finde, dieser Widerspruch ist der Widerspruch unserer Gesellschaft schlechthin. Einerseits muss sich alles immer schneller und schneller verwirklichen: Karriere, Produktion, Verdienst. Das ist der Trend in unserer Gesellschaft. Und gleichzeitig wissen wir alle, dass Ruhe und Gemeinschaft wichtig sind. Ich bin ein großer Fan von Superhelden und Superheldinnen, auch von Superheros-Storytelling und wie sie als Identifikationsfiguren fungieren. Das Einzige, was mich nicht so anspricht, sind die Superkräfte. Vielleicht braucht es neue Superkräfte, und eine davon ist das Langsamsein.<BR /><BR /><BR /><b>In einem früheren Interview behaupten Sie, Sie arbeiten gerne an der Psychologie der Charaktere. Ist das bei Ihrem Stück „Slowgirl“ auch der Fall?</b><BR />Bremer: Klar, die psychologische Entwicklung interessiert mich, ich glaube aber, dass Geschichten aus vielen Layers bestehen, viel mehr als nur die psychologische Ebene. Mich interessiert es, Geschichten zu erzählen – und Geschichten haben mit Figuren zu tun. Irgendetwas an diesen Figuren muss mich interessieren, und ich will deren Prioritäten verstehen. Das ist dann sehr zeitgenössisch, gerade in einer Gesellschaft, die sich wahnsinnig schnell bewegt und wo man kaum Zeit zum Nachdenken hat.<BR /><BR /><BR /><b>Welche Priorität hat also die Superheldin in Ihrem Stück?</b><BR />Bremer: Unser Stück ist anders. Es beginnt damit, dass es kein Theaterstück per se ist. Wir zeigen eine Online-Inszenierung. Diese Online-Inszenierung ist aber eine Doku über das Stück, das Sie gesehen hätten. Und da verschiebt sich schon der Fokus von der Figur zu der Schauspielerin, die diese Figur spielt. Deshalb will ich die Frage übersetzen: Was ist das, was die Schauspielerin möchte? <BR /><BR /><BR /><b>Frau Untersteiner, das Stück „Slowgirl“ ist laut Regisseur ein Erzählen, wie man es hätte erzählen können. Wie wirkt sich das auf Ihren Zugang als Schauspielerin aus?</b><BR />Marlies Untersteiner: Es ist der Weg von der Schauspielerin zur Figur. Was brauche ich, um in diese Figur und in ihre Geschichte einzutauchen? Es ist schwer zu beschreiben. Es passiert immer jetzt, in diesem Moment. Theater ist immer neu und immer anders, und man nimmt jeden Tag das mit, was gerade an Energien herrscht. Und hier ist das noch mehr der Fall.<BR /><BR /><BR /><b>Es ist für Sie also etwas ganz Neues?</b><BR />Untersteiner: Total. Es ist ein Monolog, und ich habe noch nie in meinem Leben einen Monolog gespielt. Außerdem ist es ein digitales Stück. Und drittens ist es eine Stückentwicklung zur aktuellen Situation.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Dellago, und was fasziniert Sie an der Welt der Superhelden?</b><BR />Jakob Dellago: Am Anfang fand ich es nicht sehr spannend. Es gibt im richtigen Leben viele Probleme. Wieso muss ich dann einen Helden erfinden? Das ist ja langweilig. Was mir jetzt aber langsam auffällt ist, dass sie hinter der megastarken Fassade auch irgendwie verletzlich sind. Ich suche immer die Korrelation zum richtigen Leben. <BR /><BR /><BR /><b>Frau Falkensteiner, haben Sie sich für die Kostüme von Marvel-Filmen oder Comics inspirieren lassen?</b><BR />Mirjam Falkensteiner: Ich habe mir das natürlich angeschaut. Es ist schon sehr stereotypisch teilweise. Was natürlich der Wiedererkennung und einer deutlichen Zuschreibung dient. Ich habe mich von dem ein wenig losgelöst. Ich habe mich bei „Slowgirl“ auf ihre Fähigkeit fixiert und mir andere Zitate hergeholt. Sie trägt etwa eine Perücke, die an „Lola rennt“ oder an Manga-Figuren erinnert. Hinweise oder Gegensätze zu bekannten Superhelden-Symbolen sollen ihre Superkraft unterstützen und sie zu einem eigenen Supergirl machen.<BR /><BR /><b>Interview:</b> Manuel Lavoriero<BR /><BR /><b><BR />Mit:</b> Marlies Untertsteiner<BR /><b>Regie und Text:</b> Nicola Bremer<BR /><b>Bühne und Kostüme:</b> Mirjam Falkensteiner<BR /><b>Regieassistenz und Kamera:</b> Jakob Dellago<BR /><BR /><BR /><b>Tremine:</b> 10., 11., 12., 13., 17., 18. und 19. März, jeweils 20.30 Uhr.<BR />Zum Online-Stück „ <a href="https://youtu.be/fFn1hs6aBjc" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Slowgirl</a>“<BR /> Die Veranstaltung ist kostenlos, eine Spende ist sehr erbeten.<BR />