Und welche Überraschungen das Programm der Spielsaison 2026/27 in sich birgt, erklärt Rudolf Frey im Gespräch. Im Zentrum der Spielzeit steht jedenfalls die Frage: Was hält uns zusammen?<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320543_image" /></div> <BR /><BR />Dass Freys Theaterkonzept das Publikum zum Staunen bringen wird, ist auch die Präsidentin Judith Gögele überzeugt und freut sich schon auf ein Theater außerhalb des Theaters. Freuen darf sie sich zu Recht, denn die VBB-Zahlen 2025/26 sprechen für sich: „Rund 13.500 Besucher und Besucherinnen, also deutlich gestiegene Zuschauerzahlen bei den Abendvorstellungen sowie ein Zuwachs der Abonnements um 24 Prozent auf 350 zeigen, dass unser Angebot auf Interesse und Vertrauen stößt. Besonders erfreulich ist, dass mehr als 100 Abonnentinnen und Abonnenten unter 35 Jahren sind – ein starkes Zeichen dafür, dass es gelingt, auch eine neue Generation für das Theater zu begeistern. Die im vergangenen Jahr gegründete Community PLUS fand mit 130 Mitgliedern einen vielversprechenden Start und unterstreicht den Wunsch vieler Menschen, Teil dieser kulturellen Gemeinschaft zu sein.“ <BR /><BR />Einziger Wermutstropfen im vergangenen Jahr waren die Schülervorstellungen – Lehrer und Lehrerinnen hatten Ausflüge, Theaterbesuche und andere außerschulische Aktivitäten gestrichen, da sie damit ein deutliches Zeichen für bessere Bezahlung und mehr Anerkennung setzten wollten. „Dadurch hatten wir bei den Schulvorstellungen einen Rückgang von fast 87 Prozent. Auch wenn wir fast alle Stücke gespielt haben. Für mich ist das eine sehr kritische Entwicklung für die kulturelle Bildung in diesem Land.“ Damit stehe ein Modell auf der Kippe, das europaweit einzigartig sei, erklärte die Präsidentin.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320546_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Sie leiten die Spielzeit ein, indem Sie die zentrale Frage stellen: Was hält uns zusammen? Wenn das Theater als demokratischer Raum ein „Wir“ verhandelt, das zugleich von Zugehörigkeit und Abgrenzung geprägt ist – wie wollen Sie als Intendant konkret verhindern, dass dieses „Wir“ selbst nicht ausgrenzend wirkt?</b><BR />Rudolf Frey: Ich denke, Theater ist ein künstlerischer Möglichkeitsraum, gesellschaftliche Prozesse durchzuspielen – auch durchaus polarisierend. Das Theater ist in seiner Urform ein beispielhafter Ort für Koexistenz und Miteinander. Ich empfinde uns Kulturschaffende als Visionsgeber für das Wahrnehmbarmachen und im besten Fall Veränderung. Das „Wir“ besteht aus Herkunft und Zukunft. <BR /><BR /><BR /><b>Wenn Sie also Theater als politischen Ort und Motor demokratischer Teilhabe verstehen: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und kulturpolitischem Auftrag?</b><BR />Frey: Der Überbau der Vereinigten Bühnen Bozen ist ein verankerter Auftrag zur Vermittlung von zeitgenössischem Theater in Südtirol – in allen Facetten, die der Bereich heute bietet. Daher ergibt sich eine natürliche Vielfalt der Formen und große Freiheit. Keine der künstlerischen Arbeiten ist einer übergeordneten Agenda des Theaters unterworfen, sondern wird vom jeweiligen künstlerischen Team erdacht.<BR /><BR /><BR /><b>Ihr neues Programm bleibt polyphon. Auch in diesem Jahr gibt es eine Zusammenarbeit mit TRANSART. Ihr zeigt „Lieder ohne Worte“ von Thom Luz und Ensemble. Wie verwandelt der Schweizer Regisseur, Musiker und Bühnenbildner in seiner Inszenierung die ästhetische Spannung zwischen romantischer Innerlichkeit und zerstörter Gegenwart in eine eigene musikalisch-räumliche Sprache – und was sagt diese über den Zustand unserer Zeit aus?</b><BR />Frey: Ich empfinde diese Arbeit als Status Quo: Wie haben wir uns gegen die Wand gefahren? Diese Sprachlosigkeit empfinde ich im Moment sehr stark. Die besondere und experimentelle Auflösung in einen Theater- und Klangraum ist wirklich mitreißen, und ich bin froh, diese viel beachtete internationale Arbeit in Südtirol zeigen zu können.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320549_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Ein Stück Südtiroler Geschichte wird ebenfalls wieder auf der Bühne verhandelt: Wie übersetzt Sara Ostertag in ihrer Inszenierung „Eva schläft“ nach dem Roman von Francesca Melandri die vielschichtige Vergangenheit Südtirols in eine mehr- sprachige, musikalisch-choreografische Bühnensprache – und welche ästhetischen Mittel nutzt sie, um Erinnerung, Identität und Sehnsucht sinnlich erfahrbar zu machen?</b><BR />Frey: Die Regisseurin Sara Ostertag ist künstlerisch einerseits geprägt von ihrer langjährigen Arbeit für junges Publikum mit Makemake, andererseits zeichnet sie die intensive dramaturgische Zusammenarbeit mit der Künstlerin Florentina Holzinger aus. Beide Welten vereinen sich in ihren Inszenierungen in einer starken, unmittelbaren Bildsprache und einer scharfen Übersetzung der Vorlage auf eine Bühne im Heute. Ich bin mir sicher es wird keine realistische Übertragung, sondern eine kraftvolle Übersetzung. Nicht zuletzt lebt diese Arbeit vom starken fünfköpfigen (mehrsprachigen) Ensemble und der Musik von Nastasja Ronck. Diese grenzüberschreitende Koproduktion wird unsere Arbeit im Jänner 2027 dann auch in Wien im TEATA an der Gumpendorfer sichtbar machen. <BR /><BR /><BR /><b>Nach „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth oder „König Lear“ von Shakespeare inszenieren Sie in der neuen Saison erneut einen großen Klassiker: Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Wie verändert die radikale Entscheidung, alle Figuren von einem einzigen Schauspieler verkörpern zu lassen, den Blick auf Tschechows Beziehungsgeflecht aus unerfüllter Sehnsucht und Verzicht – und was sagt diese Vereinzelung über unsere gegenwärtige, von Einsamkeit geprägte Gesellschaft aus?</b><BR />Frey: Ich bin überzeugt, dass sich die in der Vorlage eingeschriebene Einsamkeit und emotionale Unerfüllbarkeit in unserer digitalen und post-pandemischen Zeit noch verschärft hat. Darüber hinaus spielt das Solo in der Version von Simon Stephens mit den (Un-)Möglichkeiten des Theaters, der Rolle der Verkörperung von Figuren. Die Spiegelung von acht Persönlichkeiten in einem Spieler – Fabian Mair Mitterer in unserem Fall – zeigt auch eine große zwischenmenschliche Verwandtschaft im Fühlen auf. Das macht den Text aus meiner Sicht besonders empathisch. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320552_image" /></div> <BR /><BR /><b>In diesem Jahr gibt es eine grenzüberschreitende Kooperation mit den Tiroler Volksschauspielen: Zusammen werdet ihr das Format der Marathonlesungen neu auflegen. Unter dem Titel „Flucht ohne Ende“ wird ein Nord/Südtiroler Ensemble Texte des ewigen Grenzgängers Joseph Roth lesen — im Juli in Telfs, im November in Bozen. Was darf man erwarten?</b><BR />Frey: Die hochkarätige Gruppe an Lesenden (Gerti Drassl, Tobias Moretti, Max Simonischek, Anna Unterberger, Michael Klammer, Branko Samarowski, Brigitte Jaufenthaler und andere) trägt über sieben Stunden hintereinander den sogartigen Text von Roth vor, und das Publikum kann bei diesem Happening nach Belieben teilnehmen. Ich erwarte mir ein Fest des Schauspiels und der großartigen Sprache Roths. <BR /><BR /><BR /><b>Im Jänner dann gibt es einen weiteren Klassiker: „Bernarda Albas Haus“ von Lorca: Wie legt die Inszenierung den Fokus auf das Spannungsverhältnis zwischen autoritärer Kontrolle und weiblichem Freiheitsdrang – und inwiefern lässt sich Lorcas beklemmendes Kammerspiel heute noch als politische Allegorie auf gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen lesen?</b><BR />Frey: Lorca selbst wurde von spanischen Faschisten 1936 ermordet und sein erfolgreichstes Stück ist im Kern eine Allegorie auf den europäischen Faschismus, ohne ihn jedoch konkret zu thematisieren. Die Bozner Inszenierung von Regie-Shootingstar Matthias Rippert zeigt ein hochpsychologisches Kammerspiel. Ich empfinde dieses Stück als eines der dichtesten und stärksten europäischen Dramen des vergangenen Jahrhunderts, das beklemmend vertraut über patriarchale Systeme erzählt – und das mit einem ausschließlich weiblichen Ensemble. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320555_image" /></div> <BR /><b>Das Stück „They Them Okocha “ des Autors und Regisseurs Bonn Park ist 2025 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert worden. Für die VBB wird Regisseurin Michaela Senn das Coming-of-age-Drama mit dem Titel „Notti magiche“ inszenieren. Wie wird sie die nostalgisch aufgeladene Erinnerung an Kindheit und Freundschaft mit den Brüchen von Pubertät, Identitätssuche und politischer Gegenwart so verschränken, dass aus einem popkulturellen Spiel eine ernsthafte Reflexion über das Erwachsenwerden wird?</b><BR />Frey: In dieser Produktion spielen ausschließlich Männer: Ihr wilder und humorvoller Trip beginnt in der Kindheit, streift die Pubertät und endet im „Rest“, also dem Erwachsensein. Ich denke, hier werden vor allem Komik, popkulturelle Referenzen und die pointierte Sprache einen besonders lustvollen und auch nostalgischen Theaterabend kreieren, der darüber hinaus viele gesellschaftliche Diskurse behandelt.<BR /><BR /><BR /><b>In Ihrer und Ayse Gulsum Özels Theaterinstallation „Notes from Down Below“ (Uraufführung) wird das Theater verlassen. Was wird passieren?</b><BR />Frey: Wir laden das Publikum auf eine Reise ein und begeben uns selbst auf eine: Ideengeber ist die große surrealistische Bewegung, die immer in ihrem Weltentwurf auch ein politischer Gegenentwurf war. Wir werden uns auch in der Form der kollektiven Arbeit im Grenzbereich zwischen Theater, Performance und bildender Kunst bewegen und verstärkt über Bilder und Atmosphären arbeiten, die Unterbewusstes, Assoziatives freisetzen.Wir begeben uns mit dieser Arbeit auch einmal mehr an einen externen Spielort, in dem das Publikum selbst in diese immersive (Alp-)Traumwelt eintauchen wird.<BR /><BR /><BR /><b>Noch klingt „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ aus dem eben zu Ende gegangenen „Weißen Rössl“ in meinen Ohren nach. Wie in jedem Jahr beenden Sie die Saison mit einem Musikstück: 2027 mit „Evita“ von Andrew Lloyd Webber. Wie balanciert die Inszenierung zwischen der Glorifizierung und der kritischen Demontage der Figur Eva Perón – und gelingt es ihr, hinter dem Mythos eine widersprüchliche politische Persönlichkeit sichtbar zu machen, die auch für unsere Gegenwart relevant bleibt?</b><BR />Frey: Für die Inszenierung dieser Produktion konnten wir Marcos Darbyshire gewinnen, er ist Argentinier und beleuchtet mit seiner Regie diese außergewöhnliche Figur auch mit Bildern und Assoziationen aus seiner Heimat. Mit seiner großen Erfahrung im Musiktheater entwirft er für Bozen eine differenzierte und kritische Arbeit, die zugleich den Erwartungen an eine große Bühnenshow gerecht wird. <BR />(eva)<BR /><h3> Programm</h3><b>15. September</b><BR /><i>Lieder ohne Worte</i><BR /> von Thom Luz und Ensemble (Zusammenarbeit mit Transart26)<BR /><BR /><b>26. September</b><BR /><i>Eva schläft</i><BR />nach dem Roman „Eva dorme“ von Francesca Melan- dri in deutscher und italienischer Sprache – UA, Koproduktion mit TEATA in der Gumpendorfer Straße, Wien (Regie: Sara Ostertag)<BR /><BR /><b>7. November</b><BR /><i>Vanya</i><BR />von Simon Stephens, nach Anton Tschechows „Onkel Wanja“ (Regie: Rudolf Frey)<BR /><BR /><b>28. November</b><BR /><i>Marathonlesung – Joseph Roth: Flucht ohne Ende</i><BR />Kooperation mit den Tiroler Volksschauspielen Telfs<BR /><BR /><b>16. Jänner 2027</b><BR /><i>Bernarda Albas Haus</i><BR /> von Federico García Lorca<BR />(Regie: Matthias Rippert) <BR /><BR /><b>13. Februar 2027</b><BR /><i>Notti magiche</i><BR />von Bonn Park (Regie: Michaela Senn)<BR /><BR /><b>13. März 2027</b><BR /><i>Notes from Down Below</i><BR />Theaterinstallation von Rudolf Frey und Ayse Gülsüm Özel (UA)<BR /><BR /><b>15. Mai 2027</b><BR /><i>Evita</i><BR />von Andrew Lloyd Webber – Koproduktion mit der Stiftung Haydn von Bozen und Trient (Musikalische Leitung: Stephen Lloyd – Regie: Marcos Darbyshire)<BR /><h3> Kindertheater</h3><BR /><b>16. Oktober</b><BR /><i>Der Koffer</i><BR />von Chris Naylor-Ballesteros (Regie: Naemi Friedmann)<BR /><BR /><b>2. bis 6. November</b><BR /><i>Wild</i><BR />Performatives Forschen mit öffentlichem Showing – Koproduktion mit Kids Culture Club und Museion Bozen<BR /><BR /><b>21. November</b><BR /><i>Pinocchio</i><BR />von Lukas Schrenk, Nils Strunk und Henry Jimenenz Morales nach Carlo Collodi (Regie: Verena Holztrattner)<BR /><BR /><b>3. April 2027</b><BR /><i>Wolf</i><BR />nach dem Roman von Saša Stanišic in einer Bühnenfassung von Emma Mulser – Koproduktion mit dem Rotierenden Theater