Mauricio Kagel, der 1972 „Da wußt‘ er ihr kein Wort zu sagen“ nach Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ komponierte, fragte sich, ob die Visualisierung bei Wagners Parsifal nicht eine Hypothek für die Wahrnehmung der Oper sei, weil es vielen Regisseuren nicht gelungen ist, sie ins Theatralische zu übertragen.Der lettische Starregisseur Alvis Hermanis hat die Handlung tatsächlich mit einer radikalen visuellen Opulenz ins Wiener Otto-Wagner-Spital verlegt, deren Bilder zunächst immer bei offenem Vorhang prachtvoll sind. Aber Hermanis ist auch „der“ Meister des theatralisch Narrativen schlechthin, weil er die Personen mit ausdruckstarker Poesie, Ironie oder Tragik in multiple Psychogramme einbettet.Die goldgelbe Altarkuppel der Otto-Wagner-Kirche verkörpert den Gral im Irrenpavillon!Die Gralskuppel senkt sich langsam beim Glaubensmotiv und wir blicken ins kalkweiße Lazarett, wo unselige Nervenpatienten mit erschreckend haltlosen Physiognomien und konvulsiven Zuckungen in rollenden Stahlbetten auf „Erlösung“ warten, die sie – noch(!) – nicht wahrnehmen. Grauweißes Pflegepersonal versorgt diese Menschen unter der Leitung des Nervenoberarztes Gurnemanz, den der Bass René Pape nicht nur mit herrlicher Stimme singt, sondern auch mit eleganter Gestik so punktgenau darstellt, dass wir bei jeder Sequenz endlich in jedes Wort, in sein ganzes Erzählen und Handeln eingebunden werden.Diese souveräne Aufwertung ist schon deshalb von Gewichtung, weil ein schon lange verstorbener großer Wien-Kritiker nach dem ersten Akt bei der dunkel-statischen Karajan-Inszenierung nach dem ersten Akte im wienerischen Idiom gelangweilt sagte: „Ich warte nur bis der Alte umfällt!“ Ja hatte er den Text überhaupt verfolgt, oder störte ihn das elendige Herumstehen? Indes dirigiert nun den 1. Aufzug Semyon Bychkov mit sehr breiten Tempi, mit viel Gefühl, aber auch in manchen Passagen sehr dramatisch, vor allem wenn die Kundry auftaucht.Als überaus Verrückte, etwas unspektakulär, erscheint die Hauptperson Kundry in einer Zwangsjacke geknebelt.Nina Stemme schwingt sich als Kundry nicht „herab“, sondern kommt und wird gleich in einen vergitterten Käfig eingesperrt, nachdem Gerald Finley als leidender Amfortas, der zwei eingebundene Wunden an der Schläfe hat, von zwei Nonnen hereingebracht wurde. Finley singt lyrisch schön, die Kundry ist gesanglich ja noch nicht so präsent, das kommt noch, doch sie spielt alles mit, so wie es Hermanis konsequent will, und das „ ich helfe nie“ erregt in ihr ein seltsames Zittern, während Gurnemanz alles notiert.Dann erzählt er vorlesungshaft die ganze Vorgeschichte, der Text wird in gotischer Schrift auf einem jungenstilhaften Paneel eingeblendet. Bild und Sprache bei „Am Kreuz, sein göttlich Blut“ werden bei herausragendem Gesang auch von der himmlisch gespielten Musik zur Offenbarung, bis die Kundry bei der Klingsor-Anspielung: „Wonnegarten“ im Käfig sichtlich verzweifelt.Ja ist das nicht der Zauber einer fantastischen Inszenierung, wenn dann auch noch der sehr gute Christopher Ventris als Titelheld Parsifal, nachdem er den Schwan getötet hat, seinen Namen nicht weiß – wunderbar das Cellosolo –, bis es zum spontanen Blick mit Kundry kommt, die sich beide – durch ein Bettgitter getrennt – betasten, bis Gurnemanz es öffnet und Kundry Parsifal mit Scheu berührt und abrupt loslässt beim Kuss-Motiv? Aber sie ahnt, dass er sie erlöst.Im Gralstempel treten sie alle auf, aber nicht die kranken Ritter, sondern viele berühmte Musiker, Maler oder Dichter. Einfach, lustig, köstlich.Einen weiteren szenisch tollen Einfall serviert Hermanis, wenn der Chor mit dem jungen Gustav Mahler – gesungen und dargestellt von unserem Konrad Huber – Peter Altenberg, Klimt, Schiele, Stefan Zweig, Johann Strauß, als Junger und Älterer, Schönberg, Brahms und Wagner selbst, die den Gral von Amfortas enthüllt sehen wollen, der aber nicht will. Doch die bewegen sich erstaunt, als der unsichtbare Titurel, den keiner zu kennen scheint, es befiehlt und nach der berühmten Klage – wenig dramatisch gesungen von Finley – es dann doch tut.Der Gral ist ein Gehirn aus Glas, darauf die kleine Otto-Wagner-Kuppel. Die Musik wird ergreifend vorgetragen, es gibt Rotwein und Brot. Parsifal verweilt am Bett des Amfortas.Im 2. Aufzug singen wir im Leichenschauhaus bei der Obduktion des Pathologen Klingsor, der auch ein eigens Studiokabinett hat.Der große Regisseur Patrice Chereau sagte einmal, dass er den „Parsifal“ nicht inszenieren könne, weil er nicht wisse, was er mit dem 2. Aufzug (Akt) anfangen soll. Alvis Hermanis, der ja ähnlich wie Chereau eine profunde Bildsprache benutzt, wagt es und gewinnt. Fast! Die schlafende Kundry wird von Klingsor – nicht schlecht Johann Schmeckenbecher – durch einen Elektroschock auf dem Op-Tisch aufgeweckt.Nina Stemme schreit, wankt und wird auf die Psycho-Couch gelegt. Die Blumenmädchen, symbolistisch gekleidet wie Nazarenerinnen mit rotblonden Frisuren, bewegen sich sehr gut mit brahmanischen Hand-Armgesten, sie umgarnen Parsifal, aber die künstlich Geschaffenen berühren ihn nicht, obwohl sie sexy sind im zeitgenössischen Negligé. Nun aber kommt Kundry prachtgoldig angezogen und gibt Parsifal den ersten Kuss, nachdem sie ihm die Leiche der Mutter gezeigt hat. Nun verzweigt sich alles.Der Tor entzieht sich, er torkelt, spürt Amfortas Wunde und greift sich an Herz. Falsch, Alvis Hermanis, denn die Wunde(n) sind an den Schläfen. Nina Stemme und Christopher Ventris meistern diese gewaltige Szene sehr gut, der Kundry Schrei: „und lachte“ sitzt mit letztgültiger Dramatik, auch wenn Dirigent einiges an Spannung entzieht. Parsifal jedenfalls zieht den lettisch vergoldeten Leichtathletik-Speer aus einem riesigen Gehirn-Embryo. Im 3. Aufzug gibt es weniger Patienten. Gurnemanz im weißen Arbeitskittel kuriert Kundry, doch sie schreit, wohl wegen des Elektroschocks. Der erste Teil des letzen Aufzugs hat sehr schöne poetische, liebliche und szenischen Momente und Bilder. Wenn Parsifal in Rüstung erscheint, steigen die Kranken aus ihren Betten und gehen sachte nach vorne. Bei der Taufe knien sie nieder, während Parsifal Kundry so schön umarmt, dass sie lächelt. Die ganze Szene beeindruckt enorm durch Zärtlichkeit und durch den Gesang, wo Pape überwältigend singt, Ventris sehr gut, nur Dirigent Bychkov bleibt jetzt spannungsarm.Nun aber zum Ende wieder in den Tempel, wo die ehrwürdigen Herren nun Goldhelme wie bei der Uraufführung tragen. Komisch genug, aber der Gerald Finley singt sein „heraus die Waffen“ hervorragend, wie Parsifal Ventris den Schluss. Kundry aber enthüllt den Gral geht nach hinten, schließt die Tempel-Otto-Wagner-Tür und verschwindet.Allgemeine Zustimmung für die Sänger, Ablehnung für den Dirigenten und totale Ablehnung für den lettischen Regisseur/Bühnenbildner. Doch nur ganz kurz. Richtig Wien, denn in Bayreuth dauert das Gejohle viel, viel länger!C. F. Pichler aus Wien