Das Premierenpublikum bedankt sich im Studiosaal des Stadttheaters mit warmem Applaus bei der Regisseurin Monika Steil und ihrem überzeugenden Ensemble für die behutsame Inszenierung dieses Klassikers und dafür wenigstens auf der Bühne den Sieg der Menschlichkeit über Intoleranz und Fanatismus erlebt zu haben. Monika Steil baut bei dieser Arbeit ganz auf die Aussagekraft und die wunderbare Leichtigkeit der Lessing’schen Sprache. Die Dramaturgin Ina Tartler kürzt den Text zwar, strafft ihn, sie aktualisiert, bzw. modernisiert ihn aber weder sprachlich noch inhaltlich. Und gerade dieses Wechselspiel zwischen den unnachahmlich geschwungenen, antiken Sprachbögen und der absoluten Aktualität des Inhalts macht den eigentlichen Reiz dieser Inszenierung aus.Virtuelle Kartographie Die Schauspieler agieren auf der schiefen Ebene einer Landkarte des mittelalterlichen Palästina, dessen unsichere und konfliktreiche Grenzen sie während des ganzen Spieles überschreiten und überspringen, sie schreiten sie ab, sie legen sich darauf und Sultan Saladin (Christian Dieterle) und seine Schwester Sittah (Brigitte Jaufenthaler) nutzen es als Spielbrett für ein überdimensionales Schachspiel. Diesen gelungen Mittelpunkt des Bühnenbildes als ideelle Brücke zwischen den Jahrhunderten ergänzt Annette Meyer sparsam mit rudimentären Sitzgelegenheiten und überlässt den Raum ansonsten den Worten. Die Macht der Sprache und ihre GrenzenGenauso sparsam inszeniert Monika Steil das gesamte Stück. So angenehm ihr Vertrauen zum Text ist, so scheint es ihr doch manchmal an rechten Regieeinfällen zu mangeln. Die Schauspieler dialogisieren etwas statisch auf der konzeptuellen Bühne, die ab und an von Hannes Holzer als rotierenden Derwisch aufgemischt wird. Die Zeichnung der Figuren bleibt in landläufigen Vorstellungen verhaftet, ihre starke Typisierung, die fast zur Karikierung wird, unterstreicht zwar die kulturell-soziale Stellvertreterfunktion, trägt aber nicht zur poetischen Dichte des Theaterstücks bei und hat etwas von der Eindimensionalität einer Schulaufführung. Zeitlosigkeit verlangt nach zeitgemäßer AuseiandersetzungDer Patriarch ( Karl-Heinz Macek) ist ein machtgeiler, weltgewandter Widerling mit sexuellen Anspielungen, der fromme Eremit (Günter Gräfenberg) legt Zeugnis ab für die wahre christliche Nächstenliebe und die Haushälterin Daja ist eine überfürsorgliche, unvernünftige, leicht hysterische Ziehmutter. Nichts bricht die Erwartungshaltung des Zuschauers. Monika Steil inszeniert die Toleranzparabel sauber, unterhaltsam, liefert allerdings keinen neuen Ansatz, keine neue Perspektive, an der sich der Zuschauer reiben könnte, die ihm wirkliche Auseinandersetzung abverlangte. Die wenigen Entfremdungselemente, wie der Gitarren spielende Tempelherr oder Sittahs Sonnenbrillen sind zwar witzig, wirken aber etwas verloren und aufgesetzt.Das gesamte Ensemble beherrscht Lessings hochkomplexe Sprachkunststücke, nuanciert und vor allem Peter Hladik als souverän-jovialer Nathan und Cornelia Heyse als Daja jonglieren mit der stilistischen Perfektion und der humorvollen Hintergründigkeit der Sätze wie zwei Akrobaten, denen niemand die Mühe ihrer Darbietung anmerkt.Stürmischer Tempelherr aus dem Vorstadt PubAuch die übrigen Darsteller, allen voran das junge Liebes – bzw. Geschwisterpaar, Recha (Stella Hilb) und ihr Tempelherr (Florian Eisner), beweisen wie kurzweilig auch gutes altes, etwas sperriges Sprechtheater sein kann, wenn nur der Text wirklich trägt. Recha und der Tempelherr, hier mit dem schrägen Johnny Cash Song „One“ mehr ländlicher Brit-Pop Sänger als engelhafter Frankenkrieger, bilden den emotionsgeladene Gegenpart zu Nathans und Saladins Altersweisheit und springen, wüten, leiden und weinen mit der ganzen Inbrunst ihrer jungen Jahre. Nur Christian Dieterle als Saladin hätte man sich etwas kraftvoller und differenzierter gewünscht, den legendären Sultan und tapferen Krieger kauft man ihm nicht leicht ab, wenn er sich v.a. im ersten Teil so sehr in den schützenden Schatten seiner intelligenten und starken Schwester Sittah stellt. Monika Steil hat mit dieser Inszenierung wieder ihr Gespür für die Aktualität und Gültigkeit klassischer Texte bewiesen, die sie mit wohltuender Zurückhaltung in die Gegenwart transportiert. Nur manchmal eben spielt man mit dem Gedanken, diese Inszenierung auch als wunderbar anregendes Hörspiel zuhause auf der bequemen Couch erleben zu können. Jutta Telser