Mittwoch, 30. September 2020

Trefferpläne aus Zweiten Weltkrieg gehen an öffentliche Verwaltung

Das Kuratorium für Technische Kulturgüter hat am Mittwoch Trefferpläne aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in digitalisierter Form der öffentlichen Verwaltung übergeben.

Der Luftschutzplan.
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Der Luftschutzplan. - Foto: © lpa
Am vergangenen Sonntag war in Bozen eine US-Fliegerbombe von Feuerwerkern des Militärs entschärft worden; es war dies das zweite innerhalb von 11 Monaten im Zuge von Aushubarbeiten gefundene Kriegsrelikt. In Bahnhofsnähe dürften wohl noch weitere Kriegsrelikte verborgen liegen.

Am heutigen Mittwoch überreichte die Direktorin des Kuratoriums für Technische Kulturgüter Wittfrieda Mitterer gemeinsam mit Präsident Arthur Scheidle der öffentlichen Verwaltung sogenannte Trefferpläne aus den Kriegsmonaten zwischen September 1943 und Mai 1945: Die während der Kriegszeit eingeschlagenen Sprengkörper waren punktgenau auf den Katasterplan von Bozen übertragen worden, berichtete sie.



Dieses Kartenmaterial mit verorteten Trefferbildern von Bomben, Blindgängern und Brandbombenstammt vom Kommando der örtlichen Luftschutzleitung der Schutzpolizei, die während des Zweiten Weltkrieges ihre Dienststelle im Kloster Muri-Gries hatte. Im Zuge der Recherchen am Bahnhofsareal von Bozen hat das Kuratorium für Technische Kulturgüter diesen Fundus entdeckt, gefunden wurden 9 Pläne von 13 Ereignissen.


Die Trefferbilder halten Ereignisse fest, an denen die Stadt Bozen von Bombardierungen betroffen war: am Donnerstag, 2. September 1943; Samstag, 25. September 1943; Montag, 4. Oktober 1943; Mittwoch, 10. November 1943; Donnerstag, 2. Dezember 1943; Mittwoch, 15. Dezember 1943; Samstag, 25. Dezember 1943; Mittwoch, 29. März 1944; Samstag 13. März 1944; Mittwoch, 4. Oktober 1944.

Nicht durch Trefferbilder dokumentiert sind die Bombardements vom Freitag, 4. Jänner 1945; Dienstag, 16. Februar 1945; Mittwoch, 28. Februar 1945.



Die Trefferbilder stammen aus dem Archiv der Bibliothek des Klosters Muri-Gries, wo das Kommando der Schutzpolizei der örtlichen Luftschutzleitung vom September 1943 bis Ende Juni 1945 ihren Sitz hatte. Der erste und zweite Stock des Exerzitien-Hauses war von der Schutzpolizei und der dritte Stock von der Standortkommandatur der deutschen Wehrmacht besetzt. Das Kloster war für Bozen auch in den Kriegsjahren ruhender Pol und Zufluchtstätte für die Bevölkerung.



Das Klosterleben wurde während der Kriegswirren aufrechterhalten. Pater Plazidus Hungerbühler, der als Bibliothekar das Klosterarchiv betreut, hat die Nachforschungen des Kuratoriums für Technische Kulturgüter unterstützt und historisches Archivmaterial zugänglich gemacht, unterstrich Direktorin Mitterer. Bei der Pressekonferenz vermittelten originale Türschilder den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben, wie Direktorin Mitterer hinwies.

Bereits in den 1970er Jahren hatte der aus dem Tessin stammende Benediktinerpater Bertoldo Röllin in der Publikation „L'Alto Adige nella storia“ von Mario Ferrandi (1971) den Hinweis gegeben, dass die Trefferpläne mit ihren „stillen roten und blauen Punkten“ der Öffentlichkeit zu gegebenem Zeitpunkt übergeben werden sollen, um einen würdigen Platz zu erhalten. Bertoldo war während der Kriegsjahre als Zeitzeuge und Seelsorger für die Menschen erste Anlaufadresse.



Während des Zweiten Weltkriegs starben in Bozen offiziell 200 Personen, die Dunkelziffer liege aber viel höher, schreibt Ferrandi. 60 Prozent des Baubestands der Stadt waren zerstört, 335 Gebäude total zerstört, 648 Gebäude waren schwer beschädigt, 1395 Gebäude trugen Schäden davon. Insgesamt ertönte die Sirene 472 Mal. Den Menschen standen 53 Luftschutzkeller unterschiedlicher Größe zur Verfügung, wobei der Virgltunnel insgesamt 8000 Schutzsuchenden Platz bot. Zusätzlich gab es noch verschiedene Splittergräben auf das Stadtgebiet verteilt.

Alle historischen Städte haben im Zentrum und in Bahnhofsnähe zahlreiche Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, erläuterte der in Bozen für Zivilschutz zuständige Stadtrat, der heute in Vertretung des Bevölkerungsschutzlandesrates die Trefferpläne in digitalisierter Form in Empfang nahm. Bombenentschärfungen werden demnach auch in den kommenden Jahren ständige Begleiter sein.

lpa